Aufstand in der Gartenstadt

Der Kanton will vor allem in den urbanen Gebieten wachsen. Ausgerechnet die Stadt Thun darf aber kein Bauland mehr einzonen. Der Stadtpräsident ärgert sich – doch die Kantonsbehörden bleiben hart.

Die Freistatt-Siedlung in Thun: Diese Idylle ist einer der Gründe, weshalb der Kanton der Stadt Thun keine zusätzlichen Einzonungen gewähren will.

Die Freistatt-Siedlung in Thun: Diese Idylle ist einer der Gründe, weshalb der Kanton der Stadt Thun keine zusätzlichen Einzonungen gewähren will. Bild: Adrian Moser

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Thuns Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP) ist perplex: Ausgerechnet seine Stadt, die drittgrösste im Kanton Bern, kann kein Bauland mehr einzonen – obwohl der Kanton künftig primär in den urbanen Gebieten wachsen soll. So sieht es der kantonale Richtplan vor, über den der Regierungsrat die Raumplanung steuert. «Da kann etwas nicht stimmen», sagt Lanz – zumal Gemeinden in der Nachbarschaft wie Heimberg oder Seftigen weiterhin einzonen dürfen. Die Stadt Thun hat daher ein Gutachten beim Raumplanungsexperten Rudolf Muggli in Auftrag gegeben und dieser bestätigt: Das Einzonungsmoratorium in Thun stehe «in klarem Widerspruch» zu den Zielen des Kantons. Das Gutachten liegt dem «Bund» vor.

Thun ist das prominenteste Opfer der verschärften Regeln in der Raumplanung. In den letzten Jahren wurden nationale und kantonale Gesetze angepasst, um die Zersiedelung zu bremsen. Jetzt ist es schwieriger, auf die grüne Wiese zu bauen. Verdichtetes Bauen rückt in den Vordergrund. Im Kanton Bern können in Zukunft noch rund 60 von 352 Gemeinden Land einzonen. Dazu zählen die Stadt Bern, Ostermundigen, Worb oder Wohlen – nicht aber Thun. Weitere Oberländer Gemeinden, wo der Einzonungsstopp ebenfalls gilt, haben bereits vor ein paar Monaten beim Kanton heftig protestiert. Sie sorgen sich um ihre Entwicklung.

Zu grosse Baulandreserven

Der Kanton hat ein Berechnungsschema, um zu eruieren, ob eine Gemeinde einzonen darf (siehe Kasten). Ein Kriterium ist, ob es sich um eine Zentrumsgemeinde oder eine an der Peripherie handelt. Boltigen und Signau dürfen weniger wachsen als Ittigen, Spiez oder Aarberg. Thun ist in der höchsten Wachstumskategorie eingeteilt – zusammen mit Bern und Biel. Als typische Gartenstadt ist Thun aber deutlich weniger dicht bebaut als die anderen zwei Städte. Lanz kritisiert das Vorgehen des Kantons. Die Berechnungen seien «komplex», der Mechanismus «relativ starr». Mehr noch: «Der Kanton betreibt Raumplanung mit Excel-Tabellen.» Dies könne nicht funktionieren.

Bisher ist der Kanton den Thunern nicht entgegengekommen. Lanz vermutet, dass die Verwaltung hart bleibe, weil sonst weitere Gemeinden dem Beispiel Thuns folgen und eine «Kettenreaktion» auslösen könnten. Daher strebt Lanz eine andere Lösung an. Er hat kürzlich im Grossen Rat einen Vorstoss eingereicht, der einen Einzonungspool verlangt: Gemeinden, die noch einzonen dürfen, aber nicht wollen, sollen Flächen an andere Gemeinden wie Thun abtreten können. In der Region Bern etwa wollen Köniz und Zollikofen in den nächsten Jahren weniger Land einzonen als der Kanton erlaubt. Lanz betont, er wolle mit dem Pool nicht die Ziele der Raumplanung unterlaufen. «Ich bin auch dagegen, dass zuhinterst in den Tälern ganze Wiesen überbaut werden.» Vielmehr wolle er Härtefälle verhindern.

Der Abtausch von Einzonungsflächen sei gemäss kantonalem Richtplan schon heute möglich, sagt Daniel Wachter. Er ist Chef des kantonalen Amts für Gemeinden und Raumordnung (AGR). Wachter bedauert die Situation in Thun, die Berechnungen verteidigt er aber. «So sind die Regeln. Wir machen das nicht, um Thun zu strafen.» Die Vorgaben kämen vom Bund und den entsprechenden Bestimmungen zum Thema Siedlung in den Richtplänen. In den Städten strebt der Kanton zwar ein höheres Bevölkerungswachstum an, gleichzeitig soll dort aber auch dichter gebaut werden als auf dem Land. «Thun ist im Vergleich zu anderen Städten relativ locker bebaut», sagt Wachter. Weiter weist er auf die grossen Baulandreserven der Stadt Thun hin. Diese belaufen sich auf rund 23 Hektaren. Das ist etwa gleich viel, wie die Stadt Bern hat, Bern ist aber fast dreimal so gross wie Thun.

Kurzfristig habe Thun ein Problem, sagt Wachter. «Die Umwandlung in einen dichteren Stadtkörper braucht Zeit.» Doch Thun könne sich weiterhin entwickeln – durch die Nutzung der Baulandreserven und verdichtetes Bauen.

Siedlungen umbauen

Erste Verdichtungsprojekte hat Thun auch schon in Angriff genommen. So soll die sanierungsbedürftige Freistatt-Siedlung umgebaut werden. Vor den Häusern dort hat es heute grosse Gärten, der Boden wird also schlecht genutzt.

Daniel Wachter sagt zudem, dass der Kanton der Stadt Thun helfe – indem er etwa das Siegenthalergut im Richtplan als prioritäre Siedlungserweiterung bezeichnen wolle. Damit hat das Areal für den Kanton die gleiche Bedeutung wie das Viererfeld in der Stadt Bern. Dank dieser Einstufung darf Thun die 5 Hektaren grosse Fläche überbauen, sie ist vom Einzonungsstopp nicht betroffen. (Der Bund)

Erstellt: 24.06.2017, 08:54 Uhr

Wie der Kanton rechnet

Die Stadt Bern hat andere Vorgaben als Eriz.

Welche Gemeinden dürfen einzonen, welche nicht? Die Berechnungsgrundlage dafür findet man im kantonalen Richtplan. Alle Kommunen des Kantons Bern sind sechs Raumtypen mit unterschiedlichen Wachstumszielen zugeordnet. Die Zentren Bern, Biel und Thun dürfen in 15 Jahren ein Bevölkerungswachstum von 12 Prozent anstreben, urbane Kerngebiete wie Köniz, Muri oder Burgdorf 11 Prozent. In der untersten Kategorie, im Hügel- und Berggebiet, sind noch 2 Prozent vorgesehen. Gemeinden wie Guttannen oder Eriz sind dort eingeteilt.

Zudem schaut der Kanton, wie dicht ein Ort gebaut ist und welche Dichte er anstreben müsste. In den Zentren werden 158 Raumnutzer pro Hektare verlangt (Richtwert). Dies entspricht dem Wert der Stadt Biel. Bern liegt bei 239 Raumnutzern, Thun bei 105. Raumnutzer sind alle Leute, die in einer Wohn-, Misch- oder Kernzone wohnen und arbeiten. In Eriz wünscht sich der Kanton 34 Raumnutzer, ein paar mehr als heute. Der theoretische Baulandbedarf fürs Wohnen, auf 15 Jahre gesehen, berechnet sich nun aus der Anzahl der zusätzlichen Raumnutzer in der Gemeinde geteilt durch den Richtwert der Raumnutzerdichte. Von diesem Wert werden dann die Baulandreserven abgezogen. Liegt das Resultat unter null, darf die Gemeinde nicht mehr einzonen. Keinen Abzug gibt es, wenn Grundstücke für die Entwicklung des Kantons von grosser Bedeutung sind – wie das Viererfeld in Bern oder das Balsigergut in Köniz. Sie sind im Richtplan als prioritäre Siedlungserweiterungen festgehalten. (ad)

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