«Auch in Bern werden mehr Geburtshäuser entstehen»

Als frei praktizierende Hebamme betreut Carole Lüscher-Gysi auch Hausgeburten. Als Konkurrenz zum Spital sieht sie sich nicht.

Anita Bachmann@anita_bachmann

In der zweiten Klasse schrieb sie in ihr Tagebuch, sie wolle Hebammen werden. «Als ich das wieder gelesen habe, war ich überrascht, wie früh das für mich klar war», sagt Carole Lüscher-Gysi. Mädchen hätten eine romantische Vorstellung des Berufs Hebamme und glaubten, es gehe nur um Babys. «Bei den meisten erledigt sich das wieder.» Für Carole Lüscher hat es sich nicht erledigt, Hebamme ist für sie Beruf und Berufung. Die dreifache Mutter ist frei praktizierende Hebamme und in der Geschäftsleitung des Unternehmens 9punkt9 in Bern, wo sie die dazugehörige Praxis leitet und verantwortlich für das Kurswesen ist. Bekannt ist 9punkt9 wegen des Fachgeschäfts rund um die Geburt.

Hausgeburten unbeliebt

Die meisten Frauen, die Lüscher in der schön eingerichteten Praxis untersucht und berät, wollen keine Hausgeburt. «Wir machen auch nicht offensiv Werbung dafür», sagt sie. In der Schweiz käme ein Prozent der Kinder bei Hausgeburten zur Welt, diese Zahl sei seit Jahrzehnten stabil. Zunehmen würden hingegen die Geburten in Geburtshäusern. Auch im Kanton Bern würden mehr Geburtshäuser entstehen, prophezeit Lüscher.

Hausgeburten begleitet sie nur sporadisch, weil es ein grosser organisatorischer Aufwand ist. Während fünf Wochen um den errechneten Geburtstermin sei sie auf Abruf. «Ich muss von überall her zu meinem Auto kommen und die gekühlten Medikamente bereithalten», sagt sie. So schnell und dramatisch wie im Film laufe eine Geburt aber nicht ab. Es bleibt genug Zeit, um ihre gut organisierten Vertretungen im Geschäft und zu Hause anzurufen. Ihre Nachbarin, die ihre Kinder betreue, dürfe dann eben auch nicht beim Zahnarzt sein.

«Eine Geburt ist ein tiefes emotionales Erlebnis»

Präsent und aufmerksam sein, sei die wichtigste Aufgabe der Hebamme. «Wenn das Paar mich nicht braucht, sitze ich in der Küche und lese», sagt sie. Einen Notfall hat sie noch nie erlebt, das komme extrem selten vor. 15 Prozent der Hausgeburten würden aber abgebrochen. Sie könne an verschiedenen Warnzeichen bei der Frau feststellen, wenn etwas nicht stimme, bevor man das mit technischen Mitteln feststellen könne. Denn das ungeborene Kind schütte Stresshormone aus, wovon die Schwangere unruhig werde.

Noch vor ihrer Ausbildung zur Hebamme plante Lüscher, ihre Tochter zu Hause auf die Welt zu bringen. Wegen Eisenmangels musste sie aber im Spital Riggisberg gebären. Bei den beiden Buben klappte es dann mit den Hausgeburten. «Eine Geburt ist kein Spaziergang und ein tiefes emotionales Erlebnis», sagt sie. Als Hebamme versucht sie, Frauen auf dieses Ereignis hin zu stärken. Zusammen mit dem Frauenspital betreut sie auch Risikoschwangerschaften, wie die Frau, die Zwillinge erwartet. «Sie ist in der 36. Woche, und es geht ihr gut.» Gebären werde sie in Riggisberg.

«Mitreden darf die Frau vielerorts, entscheiden aber nicht»

Neben der täglichen Arbeit absolviert Lüscher einen Master of Science in angewandter Physiologie für Hebammen in Salzburg. Der universitäre Gang habe ihr von Anfang an entsprochen, sagt Lüscher. Doch als sie die Ausbildung zur Hebamme in Angriff nahm, gab es nur die Hebammenschule als dreijährige Lehre. Es folgten sieben Jahre auf der Geburtenabteilung im Regionalspital Burgdorf. Direkt nach der Lehre sei das eine gute Stelle gewesen, weil man dort rundum Erfahrungen sammeln könne.

«Die ausserklinische Geburtshilfe sehe ich nicht als Konkurrenz», sagt sie. Es sei ein anderes Angebot, in dem das Fachwissen der Hebamme einen anderen Stellenwert und die gebärende Frau eine andere Position habe. In vielen Spitälern heisse es so schön, die Frau habe Mitspracherecht. «Mitreden darf sie vielerorts, entscheiden aber nicht», sagt Lüscher. Was sie will, ist, der Schwangeren, der Gebärenden, der jungen Mutter eine «informierte Wahl» geben. In Spitälern liessen Hierarchien und Machtverhältnisse wenig Entscheidungsspielraum zu.

Die sanfte Frau, die im Vorstand des Hebammenverbands Bern war, schlägt kämpferische Töne an. Hebammen hätten schon immer viel Verantwortung gehabt, nur wertgeschätzt in Form von Kompetenzen oder Bezahlung sei das nie worden. «Deshalb gehen wir auch auf die Strasse», sagt sie. Für frei praktizierende Hebammen sei es noch schlimmer. «Ich kann von meiner Arbeit keine Familie ernähren.»

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