Amt lässt Jugendschiff auf Grund laufen

Schwierige Jugendliche mit langen Heimkarrieren fassen auf dem Jugendschiff Salomon wieder Tritt. Der Kanton Bern will das aussergewöhnliche Projekt aber stoppen.

Die Salomon soll 2016 nicht mehr segeln dürfen.

Die Salomon soll 2016 nicht mehr segeln dürfen. Bild: zvg

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Seit 2003 kreuzt die Salomon die Meere, fährt die Azoren, die Karibik oder Bermuda an. Die Segel des Dreimasters setzen Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Für sie ist das Schiff der Stiftung Jugendschiffe Schweiz eine letzte Chance nach einer meist langen Geschichte in Schweizer Heimen. Wer auf dem Schiff landet, müsste sonst eine stationäre Massnahme antreten. Zum Konzept des Jugendschiffs gehören Disziplin, Arbeit und Teamgeist. Das enge Zusammenleben an Bord gehört dazu. Auf der Salomon sollen Jugendliche lernen, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen.

Die Stiftung hat Sitz im Kanton Bern. Das Jugendamt des Kantons Bern will das Projekt nun aber nicht mehr lange dulden. Es hat im August der Stiftung die Heimbewilligung nur noch auf zwei Jahre befristet erteilt. Dies berichtete die NZZ gestern. Läuft die Bewilligung 2016 aus, werden aus dem Kanton Bern keine Jugendlichen mehr auf dem Schiff platziert. Das Ziel des Jugendamtes: «der Stiftung einen geordneten Ausstieg ermöglichen».

Berichte der letzten Zeit, welche die Kosten des Projekts unter das Schlagwort «Sozial-Irrsinn» stellten, haben mit dem Entscheid des Jugendamts nichts zu tun. Die Kosten für die Platzierung und Betreuung eines Jugendlichen belaufen sich auf rund 10'000 Franken pro Monat. Damit ist das Jugendschiff nicht teurer als ein Heim an Land.

«Im Alltag, nicht auf dem Meer»

Das Jugendamt begründet den Entscheid, dem Schiff ab Sommer 2016 keine Bewilligungen mehr geben zu wollen, mit «Risiken» und «pädagogischen Mängeln». Ausschlaggebend für den Entscheid sei, dass der Kanton die Sicherheit der Jugendlichen nicht überprüfen könne. Die revidierte eidgenössische Pflegekinderverordnung verlange aber auch im Ausland einen stärkeren Schutz. Auf Anfrage des «Bund» erklärt Andrea Weik, die Vorsteherin des bernischen Jugendamts, die Vorbehalte der Behörden. Die engen Verhältnisse auf dem Schiff bedeuteten, dass sich die Jugendlichen nicht zurückziehen können. Das verstärke die Gefahr, dass diese Grenzen überschritten.

Das Jugendamt stellt auch infrage, wie viel das Jugendschiff bringt. Das Schiff schaffe künstliche Bedingungen, sagt Weik. «Jugendliche müssen lernen, mit der Situation hier im Alltag umzugehen, nicht mit jener auf dem Meer.» Auch die strengen und hierarchischen Vorgaben auf dem Schiff – es gibt Achtungsstellung, Uniformen und eine Befehlskette – entspreche nicht dem aktuellen pädagogischen Verständnis. Deshalb sei man nicht erst seit diesem Jahr unsicher über den Nutzen des Schiffs, sagt Weik. «Selbst wenn es unbestritten einzelnen Jugendlichen einen guten Rahmen gibt.»

Der Kanton argumentiert mit seiner strengen Aufsichtspflicht. Werden Jugendliche von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden auf das Schiff geschickt, so handelt es sich um eine zivilrechtliche Platzierung. Das Jugendamt sagt, die engen Verhältnisse seien aber bereits nahe an den Gegebenheiten in einer geschlossenen Einrichtung. Der Kanton müsse zum Wohl und Schutz der Jugendlichen eine wirksame Aufsicht sicherstellen können.

Ein Schiff ist kein Heim

Es sei schon verwunderlich, dass einige Medien das Jugendschiff mit «Kuschelpädagogik» beschrieben, während es den bernischen Behörden zu streng sei, sagt Mario Schmidli, Co-Präsident der Stiftung Jugendschiffe. Das Jugendschiff begehe den Mittelweg. «Ich behaupte, es ist eins der interessantesten Projekte mit Jugendlichen in dieser Zielgruppe», sagt Schmidli. Er kann die Kritik zum Teil nicht nachvollziehen.

Das aussergewöhnliche Konzept droht dem Jugendschiff nun in den Amtsstuben zum Verhängnis zu werden. Die Verantwortlichen des Jugendschiffs haben bisher versucht, die gesetzlichen Anforderungen zu meistern und auf Kritik des Jugendamts reagiert. Es sei aber klar, sagt Mario Schmidli, dass man dabei einige Erfordernisse nicht erfüllen könne. Dass die für die Unterbringung von Jugendlichen in Heimen verlangten Mindestquadratmeter für ein Zimmer mit einer geteilten Schiffskoje auf der Salomon nicht eingehalten werden könnten, sei klar.

Zum vom Jugendamt erwähnten Risiko von Grenzüberschreitungen sagt Schmidli: «Wir sind uns der Schwierigkeiten bewusst.» Gerade zu Beginn sei der Umgang mit den Jugendlichen herausfordernd. «Da gibt es auch einmal Streit», sagt er. «Im Gegensatz zum Jugendheim hat man auf dem Schiff nicht die Möglichkeit, diesen Konflikten auszuweichen. Jugendliche lernen so, als Team zu arbeiten.»

Schmidli ist der Meinung, dass das Jugendschiff den bernischen Behörden wohl nicht gefällt. Wäre es anders, so fände man auch eine Lösung, glaubt er. Das Jugendamt aber richte sich nur nach den Gesetzesparagrafen. Die Stiftung arbeitet nun an einem neuen Konzept, damit die Salomon weiter segeln kann.

Auf der Website der Stiftung berichten seit den ersten negativen Presseartikeln viele Ehemalige über ihre Erfahrungen. Manche geben an, dank dem Jugendschiff seien sie nicht in einer geschlossenen Anstalt gelandet. «Für uns spricht vor allem der langfristige Erfolg», sagt Mario Schmidli. Zahlen, welche das untermauern, kann die Stiftung nicht präsentieren. Das bernische Jugendamt fühlt sich nicht zuständig, die Wirkung des Jugendschiffs zu überprüfen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2014, 06:52 Uhr

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