«Alternativen zu Riggisberg gibt es nicht»

Mit Riggisberg fällt ein Geburtshilfe-Standort weg, der für viele wichtig war. Jetzt gibt es im Kanton Bern nur noch ein Geburtshaus.

Wohin sollen Frauen im Kanton Bern jetzt gehen, wenn die Hebamme und nicht der Arzt das Sagen haben soll?

Wohin sollen Frauen im Kanton Bern jetzt gehen, wenn die Hebamme und nicht der Arzt das Sagen haben soll?

(Bild: Keystone)

Das Spital Riggisberg schliesst seine beliebte Abteilung Geburtshilfe. Bereits Ende Juli 2013 soll es demnach nicht mehr möglich sein, auf dem Längenberg zur Welt zu kommen.

Die Abteilung Geburtshilfe des Spitals Riggisberg erfreut sich weit über die Gemeindegrenzen hinaus an Beliebtheit. Im letzten Jahr sind gemäss Bundesamt für Statistik im Kanton Bern 9500 Kinder zur Welt gekommen; 352 davon in Riggisberg, wo im letzten Jahr ein Zuwachs von rund 20 Prozent verzeichnet wurde.

Ein Drittel der Frauen stamme aus der Region Gantrisch, sagt Verena Piguet, Leitende Hebamme von Spital Netz Bern AG. Ein Drittel komme aus der Stadt Bern. Der Rest aus dem Oberland, dem Emmental oder den Kantonen Waadt, Wallis, Luzern und Freiburg.

Weshalb kommen schwangere Frauen auch von so weit her nach Riggisberg? Die Geburt werde in Riggisberg als natürlicher Vorgang geachtet, sagt Piguet. Und es werde nicht ohne medizinische Notwendigkeit eingegriffen, etwa mit einem Dammschnitt oder Kaiserschnitt.

Vorteil Familienzimmer

Sarah Mühlethaler ist eine jener Frauen, die sich für das Gebären das Spital Riggisberg ausgesucht haben. Es sind noch keine zwei Wochen vergangen, seit sie hier einen Sohn zur Welt gebracht hat. Es war vor allem das Familienzimmer, das sie dazu bewogen habe, nach Riggisberg zu gehen: «So konnte mein Mann von Anfang an dabei sein.»

Zudem seien die Familienzimmer auch für Allgemeinversicherte bezahlbar. Ein anderer Faktor war die Betreuung: «Individuell und persönlich.» Es sei keine Standardabwicklung. Auch Judith Gasser hat das Familienzimmer und die Wochenbettabteilung geschätzt. Die Stadträtin (GB) und Geografin hat in Riggisberg geboren. Beim dritten Kind habe sie das Bedürfnis nach einem Einzelzimmer gehabt, um in Ruhe gebären zu können.

Verteilung auf andere Spitäler

Wohin sollen Frauen wie sie gehen, wenn Riggisberg wegfällt? Verena Piguet nimmt an, dass die Frauen etwa nach Thun, nach Münsingen oder nach Bern ausweichen werden. «Vielleicht getrauen sich aber auch mehr Frauen, zu Hause zu gebären», meint sie. Eine andere Möglichkeit sind Geburtshäuser. Weil das erste des Kantons in Oberburg 2009 geschlossen wurde, existiert heute nur noch das Luna in Biel. Hier wird die Nachricht über die Schliessung mit grossem Bedauern zur Kenntnis genommen.

«Für uns ist das ein grosser Verlust», sagt Geschäftsführerin Susanne Clauss. Nun falle ein Ort weg, wo sie Frauen hinschicken könne, die auch bei Steisslage normal gebären wollen. «Viele Spitäler schrieben sich natürliche Geburten auf die Homepage. Bei Privatspitälern trifft das aber nicht zu.» Sie schliesst nicht aus, dass nun einige Frauen mehr ins Luna kommen.

Geburtshilfe durch Hebammen rar

«Alternativen zu Riggisberg gibt es keine», sagt hingegen Markus Stadler, Lehrbeauftragter an der Berner Hebammenschule BFH. «Riggisberg ist eine Nischengeburtshilfe, wo risikoarme Geburten in einem persönlichen Rahmen möglich waren.» Es sei wichtig, zwischen Geburtsmedizin und Geburtshilfe durch Hebammen zu unterscheiden. Für Ersteres gebe es im Kanton einige Angebote. Orte, wo natürliche Geburten im Zentrum stünden und die Hebamme das Sagen habe, gebe es aber wenige.

«Eine gesunde Schwangere passt nicht mit der neuen Spitalfinanzierung des Kantons Bern zusammen», sagt Stadler. Auch er geht davon aus, dass nun viele Frauen auf Privatspitäler ausweichen, «wo aber die Geburtsmedizin – und nicht die Geburtshilfe – im Zentrum steht».

«Es ist wichtig, wie wir geboren werden», sagt Marianne Haueter, Präsidentin der Berner Sektion des Hebammenverbands. Der Entscheid der Schliessung habe sie erzürnt. Es sei nicht erstaunlich, wenn angesichts von Rentabilitätsüberlegungen normale Geburten zurückgingen. Durch Umstrukturierungen seien bereits Abteilungen in Meiringen, Belp oder Saanen geschlossen worden. Am Schweizerischen Hebammenkongress Mitte Mai in Thun soll eine Petition lanciert werden, die die Einführung von hebammengeleiteten Geburtshilfemodellen an Spitälern fordert, sagt Haueter.

Der Bund

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