«Äs Hüngerli – äs Gerberli» war früher

Der Testesser und seine Begleiterin testen in Thun das Restaurant Spedition und finden «the place to be».

Auf den Reifeschrank für Fleisch ist der «Küchenrocker» Adrian Tschanz besonders stolz.

Auf den Reifeschrank für Fleisch ist der «Küchenrocker» Adrian Tschanz besonders stolz. Bild: zvg

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Sähe man einzig Fotos vom Interieur des Restaurants mit den hochwertigen Materialien Metall, Holz und Stoff, würde man rätseln: Liegt es in einem Zürcher Trendviertel? In London? Kopenhagen vielleicht? Falsch: Es ist in Thun. So international trendig das Innere wirkt, ist die Spedition doch eng mit Thuns Geschichte verbunden. Im Haus – das auch 15 Design-Hotelzimmer enthält – befand sich die Spedition der Firma Gerberkäse, die 1911 das Schmelzkäsli erfand. 2003 wurde Gerber vom Milchgiganten Emmi übernommen, 2009 gab Emmi die Produktionsstätte in Thun auf.

Die Spedition hat nicht nur einen originellen Namen, sie trachtet auch sonst in ihrem Konzept nach Originellem. Die Zvieriplättli mit Wurst und/oder Käse laufen auf der Speisekarte unter dem Kapitel Check-in. «Die Reise beginnt» meint Vorspeisen, die «Reisehöhe» die Hauptgänge und – «Süss & Käse» versteht man auch so. Nach einem Cüpli Cava brut (Fr. 7.50) brauchen wir nicht lang zu warten, schon hat die Begleiterin den Teller mit Blattsalat und dunklen Brotwürfeln (Fr. 11.–) vor sich. Auch die Süsskartoffelsuppe (Fr. 9.–) harrt des Testessers, als er vom Ausflug für kleine Königstiger im Keller zurückkommt. Die Suppe ist mässig warm, obwohl sie kaum eine Minute auf dem Tisch stand, hat doch der Testesser – unbelastet von komplexen Transgender-Fragen – rasch begriffen, welches WC er betreten soll. Auf der einen Tür steht: «bla bla bla bla bla bla bla bla», auf der anderen «bla».

Die Begleiterin sagt, sie mache zu Hause auch Brotwürfel à la Hausmannskost in den Salat. Die französische Sauce findet sie durchaus gut, aber nicht sensationell. Die Suppe mit einem «Plopp» Crème fraîche passt dem Testesser, auch wenn er in einem Blindtest nicht darauf gekommen wäre, dass die fast musartige und nahrhafte Suppe aus Süsskartoffeln besteht.

Ständige Leser dieser Kolumne glauben festgestellt zu haben, dass die Begleiterinnen oft vegetarisch bestellen. Das trifft auch jetzt zu: Vegi-Bolognese (Fr. 26.–), zubereitet mit Öhrli-Teigwaren («Orecchiette»). Die Sauce sei sämig und wie versprochen pikant, das möge sie, sagt die Begleiterin. Sie glaube fast, fleischige Bolognese zu essen. Der Testesser hat gehört, dass «Küchenrocker» Adrian Tschanz besonders stolz ist auf den Reifeschrank für Fleisch. Also bestellt er Entrecôte (das kleinere mit 160 Gramm, Fr. 38.–). In seinem Rücken zischt und klappert es in der Showküche. Schon kommt der Hauptgang. Das Fleisch ist wie versprochen sehr zart. Es wird mit Gemüse serviert, dazu wählt der Testesser Risotto und als Sauce Chimichurri, ein grüner argentinischer Dip. Auch der Wein kommt aus Argentinien, ein Malbec, kräftig und rund (Fr. 7.–/dl). Als die ausgesprochen freundliche junge Kellnerin merkt, dass das Gemüse «verputzt» ist, bringt sie ein Schälchen mit Nachschlag. Dazu wird gutes Brot gereicht, nicht im Körbchen, sondern in einem rauen Papiersack. Man liebt auch hier Originalität.

Hats noch Platz für ein Dessert? Etwas Fruchtiges wäre erwünscht, ist aber nicht erhältlich. Die Portion Käse aus dem Reifeschrank (Fr. 15.–) ist wohl zu gross. Also ordert die Begleiterin das Mini-Dessert (Fr. 7.–), der Testesser ein Eiskübeli Zitronenglace (Fr. 6.–) aus der Thuner Gelateria La Favolosa: säuerlich, leicht, cool – und nicht billig. Insgesamt sind wir mit dem Abend sehr zufrieden. Das hat mit dem anregenden Gespräch über die alten Zeiten zu tun, mit der gemütlichen Atmosphäre, aber auch mit dem Gefühl, gut umsorgt worden zu sein – und mit dem insgesamt sehr erfreulichen Essen. Vielleicht wird man in zehn Jahren ermüdet sagen: ach, dieses Dekor, aber so ist das mit allem Modischen. Doch in nächster Zeit ist die Spedition in Thun klar «the place to be».

(Der Bund)

Erstellt: 27.02.2017, 07:38 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: vom Suure Mocke mit Stock bis zum Tandoori-Chicken – laut Eigendeklaration regionale Küche in urbaner Übersetzung. Reifeschank für Fleisch, regionale Würste.

Preise: eher gehoben.

Kundschaft: altersmässig gut durchmischt, Touristen, Einheimische und Hotelgäste.

Öffnungszeiten: täglich geöffnet (morgens/mittags mit anderem Konzept).

Adresse: Hotel-Restaurant Spedition, Gewerbestrasse 4, 3600 Thun, Tel. 033 550 59 09, www.speditionthun.ch

E-Mail: info@speditionthun.ch; zur MGM-Gruppe gehören weitere Hotels und Restaurants in Thun und in der Region Gstaad.

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