Ach, le bilinguisme bernois

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SP-Grossrätin Samantha Dunning aus Biel stellt die Zweisprachigkeit des Kantons infrage und ortet eine zu homogene Interpretation des Kantons im Berner Rathaus.

Gelebte Zweisprachigkeit: Die Stadt Biel.

Gelebte Zweisprachigkeit: Die Stadt Biel.

(Bild: Keystone Martin Ruetschi)

Im Kanton Bern leben heute wahrscheinlich wesentlich mehr mehrsprachige Menschen als sogenannte Monolinguale. Im Gegensatz zu allen gesprochenen Sprachen des Kantons (Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Albanisch usw.) bleibt das Französische die offizielle (Zweit)Sprache des Kantons Bern, sollten wir meinen. Die Wahrheit sieht leider anders aus: Kaum fünf Kilometer südlich der letzten Juraausläufer, sagen wir kurz nach der Zihlbrücke, die Biel mit Nidau verbindet, ist die Mehrsprachigkeit eine private Angelegenheit und dies im einzigen offiziell zweisprachigen Amtsbezirk des Kantons Bern.

Biel zusammen mit Leubringen (oder doch Evilard?) bleiben in diesem neugeschaffenen Amtsbezirk die einzigen Gemeinden, in der die Zweisprachigkeit sowohl politisch wie administrativ festgeschrieben ist. Dies führt dazu, wie die jüngsten Beispiele aus Nidau zeigen, dass sich die Gemeinde weigert, den französischsprechenden Mitbewohnern den Schultransport nach Biel zu bezahlen.

Und dies in einen Kanton, in dem Hunderte von Gemeinden in den Randregionen aufwändig und meist erfolgreich für die Beibehaltung der Dorfschulen und den Gratisschulweg der Kinder kämpfen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen perfiden Angriff auf eine oft einkommensschwache Bevölkerungsgruppe, die Zugang zur Sozialhilfe hat.

Die Zweisprachigkeit des Kantons war, und ist wahrscheinlich auch heute, weniger ein sprachliches als ein kulturelles Problem. Der Südjura, geprägt durch den Kulturkampf, versuchte seit dem 19. Jahrhundert die frankophone Identität gegen die zunehmende deutschsprachige Einwanderung zu erhalten. Dies hat mehr zu einem sprachlichen Nebeneinander als Miteinander geführt. Die Tatsache, dass die Stimmunterlagen sowohl in Deutsch als auch Französisch geliefert werden (auf Wunsch), macht aus dem Kanton keinen mehrsprachigen und aus dem Verfassungstext keine kulturelle Leistung.

Die Identitäten in einem grossen Kanton sind zum Glück verschieden. Ein Oberländer Bauer wird sich seinem französischsprachigen Kollegen aus dem Sanktimmertal näher verbunden fühlen als dem deutschsprachigen Industriearbeiter aus Biel. Dies ist aber auch nur möglich, wenn sich der Kanton für aktive Sprachenpolitik engagiert und nicht, wie heute leider verstärkt, einer sprachlichen und kulturellen Segregation zum Durchbruch verhilft.

Wir benötigen in diesem Kanton mehr Austausch zwischen den Sprachgruppen, eine starke Förderung des Französischen. Mehrsprachigkeit ist, das zeigen uns viele Secondos, ein Vorteil, nicht nur bei der Integration. Natürlich kann die familiäre Mehrsprachigkeit nicht verordnet werden. Nur wenn wir uns schon fünf Kilometer südlich wie nördlich von Biel damit schwertun, werden wir uns nicht wundern müssen, wenn sich der kantonale Röstigraben eben nicht entlang der Sense, sondern entlang dem Jurasüdfuss vertiefen wird.

Der grosse Kanton Bern, meist aus dem Rathaus heraus als homogenes Gebilde interpretiert, kann und darf seine Minderheiten nicht vergessen. Ein Welscher im Kanton Bern zu sein darf nicht weniger Bedeutung haben als ein Oberhasler zu sein. Es bedeutet, das Recht und den Anspruch auf eine kulturelle Identität und eine Sprache zu haben, der jemand zugehört.

Wie schätze ich dagegen die sprachliche Realität in Biel, wo die Zweisprachigkeit eine gelebte ist. Der Sekundenbruchteil, der sich in Biel jeden Tag zu Tausenden ergibt, wenn sich zwei Menschen, die von einander nicht wissen, welcher Sprache sein Gegenüber mächtig ist; dieser Sekundenbruchteil, wenn sich die Partner entscheiden, welche Sprache sie verwenden, ist einmalig, und vielleicht der Grund, dass diese Stadt so tolerant ist.

Mehrsprachigkeit ist aber auch noch viel mehr, es ist das Flüstern der Kulturen, es ist dem Berndeutschen die französische Kultur vermitteln. Umgekehrt ist dies doch nicht so einfach, wenn ich an meinen Deutschunterricht in der Schule denke; und wenn ich manchmal verzweifelt dem Berndeutschen zu folgen versuche, das mir wohl vertraut manchmal so fern ist.

Samantha Dunning Thierstein, geboren 1987, ist Koordinatorin Jugendprojekte und Grossrätin für die SP aus Biel. Der Text wurde aus dem Französischen übersetzt.

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