Abschaffung des Numerus clausus beseitigt den Ärztemangel nicht

Forderung des Nationalrats, Zulassungsbeschränkungen zu stoppen, wird von Uni und Kanton kritisiert.

Medizinstudenten am Anatomischen Institut Bern.

Medizinstudenten am Anatomischen Institut Bern.

(Bild: Valérie Chételat)

Marcello Odermatt@cellmob

Der Numerus clausus muss weg. So will es der Nationalrat, der letzte Woche überraschend deutlich mit 110 zu 49 Stimmen eine Motion überwies, um die Eignungstest für die medizinische Ausbildung abzuschaffen. Damit sollen mehr Schweizer Ärzte ausgebildet werden können, um den Mangel an Ärzten zu beseitigen.

Das Anliegen der CVP wurde gegen den Willen des Bundesrats von SP, Grünen und GLP unterstützt. So etwa auch vom Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer: «Wir müssen ein Zeichen setzen.» Es sei «absurd», wenn ein hoch entwickeltes Land wie die Schweiz nicht fähig sei, genug Ärzte auszubilden. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Schweiz mit ihrem hohen Bildungsetat, Ärzte importieren müsse. Aebischer warnt: Jetzt kämen deutsche Ärzte, die polnischen Ärzte wanderten derweil nach Deutschland. Diesen Dominoeffekt gelte es zu stoppen.

Tatsächlich hat der Anteil ausländischer Ärzte in den letzten Jahren stark zugenommen. Ebenso ist der Ärztemangel zentrales Thema der Gesundheitspolitik. Auch wollen sehr viel mehr Gymnasiasten nach der Matura Arzt, Zahnarzt oder Veterinärmediziner werden als die Universitäten Bern, Basel, Freiburg und Zürich, die den Numerus clausus im Gegensatz zur Westschweiz kennen, zulassen. An den vier Unis haben sich heuer 3270 für das Studium der Humanmedizin ab Herbst angemeldet – für 713 Ausbildungsplätze. Im Kanton Bern sind 697 angemeldet, zugelassen werden 180. Ähnlich sieht es bei Zahn- und Veterinärmedizin aus.

Qualitätseinbussen befürchtet

Die Probleme sind also bekannt, und die Zahlen sprechen für sich. Doch bringt ein Ende des Numerus clausus Abhilfe? Bei den Universitäten und Kantonen kommt die Idee nicht gut an. Selbst aus der Ärzteschaft kommen kritische Anmerkungen. Die Schweizerische Universitätskonferenz (SUK) hat eben erst im März den Kantonen empfohlen, den Zugang zum Studium der Human-, Zahn- und Veterinärmedizin erneut zu beschränken. In den letzten 15 Jahren hätten die Medizinischen Fakultäten in der Deutschschweiz und in Freiburg ihre Ausbildung an den Numerus clausus angepasst und alle seien mit dem System zufrieden, sagt die stellvertretende SUK-Generalsekretärin Valérie Clerc.

Wegen der strengen Selektion sei auch die Erfolgsquote bei den Prüfungen hoch. Zudem könnten die Fakultäten ihre Lehre auf die bekannte Anzahl Studierende ausrichten. «Kommen nun plötzlich drei Mal mehr im ersten Jahr, führt das zu vielen Problemen», sagt Clerc. Die Universität Bern teilt gar mit, der Unterricht ohne Numerus clausus sei im ersten Studienjahr «nicht mehr regulär durchführbar», die Studienbedingungen würden sich «verschlechtern», ohne dass es zu mehr Diplomierungen komme. Es fehlten schlicht die Ausbildungsplätze für die Praxis.

Ausbau nicht mehr möglich

Somit ist das Qualitätsargument mit dem Kostenaspekt verknüpft, brauchte es ja für mehr Studierende auch mehr Professoren, Labor- und Klinikplätze. Der Kanton Bern konnte die Studienplätze schrittweise erhöhen, von 125 in 2007 auf die aktuellen 180. Während Zürich an einem weiteren Ausbau bastelt, sieht der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) für Bern keinen Spielraum mehr: «Wir haben festgestellt, dass ein weiterer Ausbau kostenneutral nicht möglich ist.» Würden die Schleusen nun geöffnet, hätte dies Kostenfolgen in zweistelliger Millionenhöhe zur Folge, schätzt er.

Die Uni Bern spricht von «deutlich erhöhten» personellen Ressourcen und von einer Verdreifachung der Praktika und Tutoriate an Abenden, Samstagen und Sonntagen. Würde der Bund den Kantonen die Aufhebung des Numerus clausus vorschreiben, müsste er auch die entsprechenden Gelder dafür liefern, sagt Pulver.

Kein universitäres Problem

Allerdings stellen Pulver sowie SUK und Uni Bern den gesundheitspolitischen Sinn der Aufhebung des Numerus clausus ohnehin infrage. Der Hausärztemangel sei nicht ein Ausbildungsproblem, sagt Pulver. Hier stünden Fragen nach Teilzeitmodellen oder Gruppenpraxen im Vordergrund. Die Diskussion greife zu kurz. Clerc von der SUK sagt: «Wenn das Ziel des Parlaments ist, mehr Ärzte auszubilden, ist die Abschaffung des Numerus clausus keine geeignete Lösung.»

Die Uni hält fest: Das Problem sei ein «nachuniversitäres» und hänge mit der Motivation und den Karrieremöglichkeiten zusammen. Das sei das Thema für die Politik. Pulver hofft nun, dass der Ständerat der Forderung aus dem Nationalrat eine Absage erteilt.

Der Bund

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