Abgrundtief bewundert: Biel und die Hassliebe zu Max Schlup

Kein anderer Architekt hat die Stadt Biel so stark geprägt – und keiner war so umstritten.

Das Kongresshaus von Max Schlup wurde zum Wahrzeichen von Biel.

Das Kongresshaus von Max Schlup wurde zum Wahrzeichen von Biel. Bild: Adrian Moser

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Zu seiner Entstehungszeit war das Bieler Kongresshaus eine architektonische Glanzleistung. 1966 soll es in ganz Europa kein grösseres aufgehängtes Betondach gegeben haben. Noch heute begeistert das bekannteste Werk des letzte Woche im Alter von 95 Jahren verstorbenen Architekten Max Schlup die Fachwelt. Als «skulpturales Meisterwerk» lobte die NZZ die Kombination aus Hallenbad und Konzertsaal unter dem geschwungenen Hängedach mit dem beigestellten schlanken Bürohochhaus. In der «SonntagsZeitung» wurde das Ensemble als «gebautes Selbstbewusstsein der Uhrenmetropole» bezeichnet, und bei der Verleihung des Wakkerpreises erhielt es die Prädikate «grossstädtisch, dynamisch, expressiv».

Die Bielerinnen und Bieler sind jedoch während all der Jahrzehnte nicht richtig warm geworden mit ihrem kühnen Wahrzeichen. Obschon die Stadt dank der Blüte der Uhrenindustrie damals noch im Aufbruch schwelgte, wurde der Baukredit nur relativ knapp angenommen. Nach Vollendung erschien der futuristische Betonbau vielen als zu grosser Wurf für eine mittelgrosse Arbeiterstadt. Schon bald darauf schlitterte die Uhrenbranche – und damit die ganze Region – in die Krise, und das Kongresshaus wurde mehr und mehr zum Sinnbild eines übertriebenen Zukunftsglaubens. Die Stadt hatte kaum mehr die Mittel, den auwendigen Unterhalt zu finanzieren, und liess die Architekturikone verlottern.

Kongresshaus abreissen?

Um die Jahrtausendwende wurden dann ernsthaft Stimmen laut, die den Abriss des Gebäudes forderten. Eine 30 Millionen Franken teure Gesamtsanierung lehnte das Stimmvolk wuchtig ab – um dann aber später einer abgespeckten Variante deutlich zuzustimmen. Das Verhältnis der Bielerinnen und Bieler zu ihrem Stararchitekten und seinen Werken war immer schon ambivalent: Zwar liebt den Bau kaum jemand, eine Stadt ohne Kongresshaus kann sich aber auch niemand vorstellen.

Schlup und seine Arbeiten hatten zwar nationale Ausstrahlung, er wirkte aber dennoch fast ausschliesslich in der Region. Für sich selber baute er am Jurahang eine Villa mit Blick auf den See, «die ebenso gut aus einem James-Bond-Film hätte stammen können», wie ein Biograf schreibt. Bekannter sind allerdings seine öffentlichen Bauten, neben dem Kongresshaus vor allem die Sportschule in Magglingen, für dessen sorgfältige Erneuerung das Bundesamt für Sport im letzten Jahre den schweizerischen Denkmalpflegepreis entgegennehmen konnte.

Mangelhafter «Gymer» am See

Ein anderes Sanierungsprojekt zeigt allerdings, dass Max Schlups Arbeit noch immer extrem polarisiert. Beim Seeland-Gymnasium auf dem Bieler Strandboden sind es ebenfalls die Architekturkritiker, die das Ensemble aus drei Schulgebäuden und einer Fünffachturnhalle als wichtigen Zeugen der Jurasüdfuss-Architektur loben. Schüler und Lehrkräfte hingegen haben in den letzten dreissig Jahren schon manchen Fluch in Richtung von Schlups Villa gesandt.

Der Glas-Metall-Bau ist berüchtigt für sein schlechtes Raumklima, die Fenster können nicht geöffnet werden, und der Sonnenschutz ist innen an den Scheiben angebracht. Im Sommer ist es unerträglich heiss, und im Winter manchmal eiskalt. Auch sonst wies der Bau von Beginn weg Planungsfehler auf, sodass hinter vorgehaltener Hand von «bauphysikalischem Blödsinn» gesprochen wird.

Fall für das Gericht

Im Grossen Rat forderten bürgerliche Parteien sogar, die ganze Anlage sei abzureissen und durch einen Neubau zu ersetzen. Der Kanton als Eigentümer will jedoch mit einer umfassenden Sanierung die Mängel beheben. Dafür sind allerdings Veränderungen an den Baukörpern nötig, gegen die sich der Heimatschutz in einem jahrelangen Rechtsstreit gewehrt hat.

Schliesslich urteilte das Verwaltungsgericht in einem Präzedenzfall, dass moderne Architektur, die nicht im Bauinventar aufgeführt ist, rechtlich weder schützens- noch erhaltenswert ist. Nun kann das Gymnasium den Bedürfnissen seiner Nutzer angepasst werden – was Max Schlup in der geplanten Form wahrscheinlich nicht gefallen hätte.

Im Auftrag des Architekturforums Biel arbeitet der Niggli-Verlag an einer 360-seitigen Monografie über das Werk von Max Schlup. Der Erscheinungstermin wurde schon mehrfach verschoben. Derzeit geht der Verlag von einer Publikation im Mai oder Juni aus. (Der Bund)

Erstellt: 19.02.2013, 15:36 Uhr

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