«45 Kündigungen ist keine hohe Zahl»

Die BLS baut Stellen ab, schliesst Reisezentren und verringert den persönlichen Kundenkontakt. Alles Massnahmen, um die Marktfähigkeit zu sichern, sagt CEO Bernard Guillelmon.

BLS-CEO Bernard Guillelmon will sein Unternehmen fit für die Zukunft machen.

BLS-CEO Bernard Guillelmon will sein Unternehmen fit für die Zukunft machen.

(Bild: Adrian Moser)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Herr Guillelmon, die Sparmassnahmen, die einen Abbau von 170 Stellen enthalten, wurden heute Ihren Mitarbeitenden vorgestellt. Wie waren die Reaktionen darauf?
Da wir die Massnahmen bereits im November angekündigt und seitdem unter Einbezug breiterer Kreise ausgearbeitet haben, wurden die Informationen heute gefasst aufgenommen. Zudem wird anerkannt, dass das Programm «Best Way» kein klassisches Sparprogramm ist, sondern auch einen Modernisierungsschub für die BLS darstellt. Der mit den Gewerkschaften vereinbarte Sozialplan federt zudem die Folgen ab.

Im November haben Sie «einzelne Entlassungen» nicht ausgeschlossen. Nun soll bis zu 45 Mitarbeitenden gekündigt werden. Wieso plötzlich diese hohe Zahl?
Wir haben im November noch von 200 Stellenreduktionen gesprochen, nun sind es 170. 45 Kündigungen über fünf Jahre sind bei über 3000 Mitarbeitenden keine hohe Zahl. Und auch diese werden wir versuchen zu reduzieren, falls es doch Möglichkeiten gibt, die Stellen zum Beispiel über natürliche Fluktuation abzubauen.

Die BLS schreibt seit Jahren solide Zahlen, hat 2017 sogar noch rund 70 neue Stellen geschaffen. Wieso wird nun die Notbremse gezogen?
Der Kostendruck bei Bund und Kantonen, unseren Bestellern im Regionalverkehr, steigt. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und unseren Fokus noch mehr auf die Kundenorientierung legen zu können, möchten wir uns nun verschlanken und unsere internen Abläufe verbessern.

In welchem Geschäftsbereich sind Kündigungen am wahrscheinlichsten?
Grundsätzlich sind alle Geschäftsbereiche betroffen, in denen die Prozesse automatisiert werden. Dadurch werden überwiegend in den Support- und Managementfunktionen Kündigungen ausgesprochen.

Sie kündigen an, mehr auf Apps und Webshop zu setzen. Der direkte Kundenkontakt dürfte darunter leiden.
Im Gegenteil - mit unserem Fokus auf digitale Kanäle entsprechen wir einem stark wachsenden Kundenbedürfnis. Für diese Kunden im entscheidenden Moment telefonisch verfügbar zu sein, ist wichtiger als auch in kleinen Orten noch persönlich einfache Tickets zu verkaufen. Wir wollen aber weiterhin ein dichtes Netz von Reisezentren anbieten, wo umfassende persönliche Beratung zu Bahn- und anderen Reisen angeboten wird.

Das Filialnetz soll den Reisezentren angepasst werden. Wie viele und welche Filialen werden geschlossen?
Wir werden die Anzahl Reisezentren von heute 26 auf 23 reduzieren. Welche das sind, möchten wir erst bekanntgeben, nachdem wir die betroffenen Mitarbeitenden und die Gemeinden persönlich informiert haben. Das wird voraussichtlich bis Anfang nächster Woche möglich sein.

Trotz Stellenabbau versprechen Sie sich höhere Effizienz und besserer Kundenservice. Wie soll das funktionieren?
Indem wir unsere internen Abläufe straffen und verstärkt auf Automatisierung setzen. Beispielsweise machen wir heute noch umständliche Excel-Auswertungen, wo uns zukünftig neue digitale Lösungen unterstützen werden. Das spielt Kräfte frei, damit wir uns künftig noch besser um unsere Kunden kümmern können.

Stellt die BLS als staatlicher Betrieb mit der Streichung von 170 Stellen die Gewinnmaximierung über die soziale Verantwortung?
Die soziale Verantwortung der BLS besteht darin, sicherzustellen, dass wir als wichtiger Arbeitgeber in der Hauptstadtregion langfristig marktfähig bleiben. Die Sparmassnahmen sollen auch und gerade im nicht gewinnorientierten Regionalverkehr wirken. Damit sollen Bund und Kantone als Besteller entlastet werden – und damit die Steuerzahler.

«Jedes öffentliche Unternehmen spürt den wachsenden finanziellen Druck»

Die BLS will durch die Massnahmen wettbewerbsfähiger werden. Was sind die konkreten Ziele?
Wir wollen die Marktfähigkeit der BLS über die nächsten fünf bis zehn Jahre sichern. Dafür werden grundlegende und nachhaltige Optimierungen im gesamten Unternehmen realisiert und bis 2023 schrittweise jährliche Einsparungen von 50 bis 60 Millionen Franken umgesetzt.

Die SBB haben bereits vor zwei Jahren eine Sparübung lanciert. Sind die BLS-Massnahmen als Reaktion auf einen verschärften Konkurrenzkampf zu verstehen?
Nein. Jedes öffentliche Unternehmen spürt den wachsenden finanziellen Druck seitens der Besteller, also Bund und Kantonen. Der Ursprung für unser Effizienzprogramm ist unsere neue Unternehmensstrategie, mit der wir uns noch stärker auf unsere Kunden ausrichten und den ÖV in der Schweiz aktiv mitgestalten wollen.

Die BLS hat die gewünschten Fernverkehrskonzessionen nicht erhalten. Diese hätten ein lukratives Geschäftsfeld eröffnet. Wären dadurch die jetzigen Massnahmen hinfällig geworden?
Hinfällig nicht, aber sie wären durch die zusätzlichen Einnahmen abgefedert worden. Mit dem Paket von 3 RE- und 2 IC-Linien, um welches wir uns beworben hatten, hatten wir ein in sich stimmiges und gut realisierbares Konzept vorgelegt. Wenn wir alle fünf Linien zugesprochen bekommen hätten, hätten wir mehr wirtschaftliche Spielräume gehabt. Die zwei Linien, die wir erhalten haben, helfen uns aber, die Gemeinkosten breiter zu verteilen. Und sie spornen uns an, uns fit zu machen für die nächste Konzessionsvergabe.

DerBund.ch/Newsnet

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