300 bernische Gemeinden ohne neues Bauland

Die meisten Gemeinden im Kanton Bern bekommen kein neues Bauland mehr, mancherorts müssen sogar die Reserven verkleinert werden.

Baulandreserve in Schlosswil: Wenn die Gemeinde nicht mit Grosshöchstetten fusioniert, dürften hier auch künftig Kühe weiden.

Baulandreserve in Schlosswil: Wenn die Gemeinde nicht mit Grosshöchstetten fusioniert, dürften hier auch künftig Kühe weiden. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Land wohnen, mit Aussicht auf die Berge: In Rüeggisberg ist das möglich. Immer wieder rufen Leute auf der Gemeindeverwaltung an. Sie wollen wissen, ob es in der Gemeinde im Naturpark Gantrisch Bauland gibt. «Wir müssen jeweils sagen, dass keines mehr verfügbar ist», sagt Gemeindeschreiber Peter Zurbrügg. Doch nun hat die Gemeinde einen Brief vom Kanton erhalten. Darin steht, dass es in Rüeggisberg nicht zu wenig Bauland gibt – sondern zu viel. Die Reserven müssten reduziert werden. Ein Widerspruch? Zurbrügg verneint dies. Ein Grossteil der Baulandreserven in Rüeggisberg seien «nicht verkäuflich». Entweder wollten die Besitzer das Land nicht veräussern oder es liege an unattraktiven Lagen. «Wir schauen nun, wo wir Flächen auszonen können.» Das Land soll also zurück in die Landwirtschaftszone geführt werden. Es geht um eine Fläche von 0,7 Hektaren, so gross ist ein Fussballplatz.

Rettung durch Fusion?

Rüeggisberg ist eine von 31 Gemeinden im Kanton Bern, die über deutlich zu grosse Baulandreserven verfügen (vgl. Kasten). Sie alle haben ein Schreiben des Kantons erhalten. Die Gesamtfläche beläuft sich auf rund 15 Hektaren. Die Reserven sind deshalb plötzlich zu gross, weil die Vorschriften verschärft worden sind. Auf nationaler Ebene trat 2014 das revidierte Raumplanungsgesetz in Kraft. Der Kanton musste in der Folge den Richtplan, das wichtigste Steuerungselement des Regierungsrats in der Raumplanung, überarbeiten. Mit dem neuen Richtplan soll die Ausbreitung des Siedlungsgebiets gebremst und die innere Verdichtung vorangetrieben werden.

Viel zu grosse Baulandreserven haben primär kleinere Gemeinden auf dem Land. Auch Schlosswil zählt dazu. Dort ist die Reserve eine Hektare zu gross. «Wir waren überrascht, dass die Fläche so gross ist», sagt Gemeinderat Stefan Graf (parteilos). Konkret geht es um eine Wiese im Dorfkern, deren Überbauung schon länger ein Thema ist. Das Projekt wurde sistiert. Heute möchte die Gemeinde dort dichter bauen. «Das Land ist zu kostbar», sagt Graf. Um die Reserven zu verkleinern, steht aber nicht eine Auszonung oder eine Überbauung im Vordergrund – sondern eine Fusion mit der Nachbargemeinde Grosshöchstetten. Diese ist per 2018 geplant. Grosshöchstetten verfügt derzeit über eine kleine Baulandreserve. In der fusionierten Gemeinde gäbe es keine zu grosse Reserve mehr.

Stopp in fast 300 Gemeinden

Die Verschärfung der raumplanerischen Vorgaben macht sich aber nicht nur in den 31 Gemeinden mit zu grossen Baulandreserven bemerkbar. Die meisten bernischen Gemeinden werden die Auswirkungen schon bald zu spüren bekommen. Sie werden sich nicht mehr wie bisher entwickeln können. Das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) schätzt, dass künftig noch knapp ein Sechstel aller Gemeinden neues Bauland für das Wohnen einzonen kann. Das sind rund 60 von aktuell 352 Kommunen. Die Mehrheit wird nicht darum herumkommen, die innere Verdichtung voranzutreiben.

Köniz beschränkt sich selbst

Viele Gemeinden, die künftig noch neues Bauland schaffen können, liegen in der Region Bern. Das erstaunt nicht: Der Kanton will, dass das Wachstum primär in Städten und Agglomerationen erfolgt. Zu den rund 60 Gemeinden gehört insbesondere die Stadt Bern. Sie wird somit nach dem Viererfeld weitere Grünflächen überbauen können. Einzonungen sind auch in Ostermundigen, Worb, Wohlen, Wichtrach oder Jegenstorf weiterhin möglich. Die anderen Gemeinden gibt das AGR auf Anfrage nicht bekannt.

Wohlens Gemeindepräsident Bänz Müller (SP plus) ist froh, dass seine Gemeinde weiterhin einzonen kann. «Wir gehen mit dieser Möglichkeit aber vorsichtig um», sagt er. Er nennt als Beispiel das Projekt Uettligen-West. Dort will man in den nächsten Jahren nicht nur Land einzonen, sondern auch verdichtet bauen. Müller verweist darauf, dass das Einkaufs- und Dienstleistungsangebot in Uettligen sehr gut sei. «Wenn wir das erhalten wollen, braucht es ein moderates Wachstum. Sonst riskieren wir, dass ­einzelne Läden schliessen müssen.»

Es gibt aber auch Gemeinden, die zwar weiterhin einzonen dürften, sich aber selbst beschränken. Bestes Beispiel ist Köniz. Dort will man den Wohnbaulandbedarf, den der Kanton zugesteht, nicht ausschöpfen. Stattdessen setzt Köniz stärker auf die Siedlungsentwicklung nach innen. (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2016, 06:42 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Aufträge in der Baubranche werden zurückgehen»

Peter Sommer vom Verband der Baumeister fordert, dass sich die Branche anpasst. Mehr...

Berner Kantonsparlament legt Spielregeln zu Mehrwertabgabe fest

Der Grosse Rat hat am Donnerstag damit begonnen, die Spielregeln für die Mehrwertabschöpfung festzulegen. Mehr...

Gemeinden sollen mehr Geld aus Mehrwertabgabe erhalten

Die vorberatende Grossratskommission will, dass Gemeinden stärker an der Mehrwertabgabe für Baulandeinzonungen erhalten. Mehr...

Reserven: Wie viel ist zu viel?

Damit die Baulandreserven in einer Gemeinde zu verkleinern sind, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: Erstens muss die Reserve in den Wohn-, Misch- und Kernzonen über 15 Prozent der Gesamtfläche ausmachen. Zweitens müssen die Reserven doppelt so gross wie der Wohnbaulandbedarf sein, der einer Gemeinde vom Kanton Bern zugestanden wird. Wenn beides erfüllt ist, kommt eine Gemeinde nicht darum herum, ihre Reserven zu verkleinern. Derzeitig trifft dies auf 31 Kommunen zu. Dazu zählen Arch, Bellmund, Eggiwil, Guggisberg, Iseltwald, Lauenen, Nods, Oberbipp, Perrefitte, Rumisberg, Trubschachen oder Zweisimmen.


Der Kanton setzt den Gemeinden keine Frist, bis wann die Reduktion der Baulandreserven erledigt sein muss. Falls eine solche Gemeinde jedoch die Ortsplanung anpassen möchte, wird das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) vorderhand nicht darauf eintreten. Die Baulandreserven können verkleinert werden, indem sie überbaut oder Flächen in die Landwirtschaftszone ausgelagert werden. Viele der 31 Gemeinden sind nur knapp über der 15-Prozent-Grenze. Das AGR hat für seine Berechnungen Daten aus dem Jahr 2015 verwendet. Daher ist es durchaus möglich, dass einzelne Gemeinden aufgrund der Bautätigkeit mittlerweile unter der Grenze liegen oder demnächst darunter fallen. Frauenkappelen etwa plant derzeitig die Überbauung Q-Matte. Wenn dort die Bagger ihre Arbeit aufnehmen, wird die Baulandreserve nicht mehr zu gross sein.
(ad)

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Ganz schön hart: Zwei Männer trainieren am Strand von Vina del Mar in Chile (19. September 2017).
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...