15'000 Gebäude verlieren Schutz

Der Grosse Rat lockert den Denkmalschutz: Von den 36'000 Objekten, die heute im kantonalen Bauinventar sind, könnten rund 40 Prozent herausgestrichen werden. Die Kommission wollte eigentlich radikaler sein.

So könnte es gehen: Innere Verdichtung mit einem erhaltenswerten Gebäude bei der Gurtenbrauerei in Wabern.

So könnte es gehen: Innere Verdichtung mit einem erhaltenswerten Gebäude bei der Gurtenbrauerei in Wabern.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Schmid@adschmid

Der Grosse Rat hat sich am Ende zu einem Kompromiss durchgerungen: Die Denkmalpflege wird beauftragt, innerhalb von fünf Jahren das Bauinventar zu überarbeiten. Dabei muss die Zahl der Schutzobjekte reduziert werden. Diese darf dereinst nicht höher sein als 6 Prozent des Gesamtgebäudebestandes. ­

Gemäss den heute vorliegenden Zahlen, die noch einer Überprüfung bedürfen, sind rund 10 Prozent von total 363'000 Gebäuden als erhaltenswert oder sogar als schützenswert eingestuft. Fast 15'000 Schutzobjekte müssten demnach aus dem Inventar herausgestrichen werden.

Dem Parlament lag auch noch ein Antrag vor, der eine Oberlimite von 7 Prozent vorsah. Mit 80:69 Stimmen setzten SVP, FDP, BDP und EDU jedoch die 6-Prozent-Grenze durch.

Hektik hinter den Kulissen

Damit ist Bemerkenswertes passiert. Mitte Dezember hatte sich die gross­rätliche Bildungskommission (BIK) noch dafür ausgesprochen, die Kategorie «Erhaltenswert» abzuschaffen und den Inventarbestand zu halbieren. 18'000 Objekte wären davon betroffen gewesen. Als der Grosse Rat vorgestern die Beratung aufnahm, war diese Radikalforderung aber schon vom Tisch.

«Das Geschäft hat in den letzten Tagen zu Hektik geführt», sagte BIK-Präsidentin Elisabeth Zäch (SP, Burgdorf). Denn die BIK kam auf ihren Entscheid zurück und schwenkte kurzfristig, nach einer Sitzung am Dienstagmorgen, auf eine neue Lösung um – diejenige, die nun angenommen worden ist. Diese war zuvor von der FDP ins Spiel gebracht worden.

Weiche Knie bekommen

Wie war dies möglich? Einerseits signalisierte Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) Kompromissbereitschaft. Selbst er war der Meinung, dass das Inventar zu umfangreich sei. Allerdings schwebte ihm eine Reduktion der Kategorie «Erhaltenswert» im Bereich von 10 bis 30 Prozent vor.

Dabei wären knapp 7000 Objekte betroffen gewesen. Andererseits waren sich offensichtlich nicht alle bürgerlichen BIK-Mitglieder im Klaren, was sie vor Weihnachten abgesegnet hatten. Die eine oder der andere dürfte weiche Knie bekommen haben.

Der ursprüngliche Vorschlag sei «vielleicht etwas holzschnittartig» gewesen, räumte nach der Debatte BIK-Vizepräsidentin Corinne Schmidhauser (FDP, Unterseen) gegenüber dem «Bund» ein. «Der BIK war jedoch bewusst, dass dieser nicht in Stein gemeisselt ist.» Denn selbst in der Kommission gab es nur eine knappe Mehrheit für die Abschaffung der Kategorie «Erhaltenswert». Sie sei aber überzeugt, dass es die Radikalforderung gebraucht habe, sagte Schmidhauser weiter, um das auszulösen, was nun passiert sei.

Dass sich nämlich Bürgerliche und Linke irgendwo in der Mitte gefunden haben. Zäch drückte es so aus: «Mit dem Kompromiss sind alle mehr oder weniger ­zufrieden oder unzufrieden.»

Nur die SVP ging aufs Ganze

Die Kategorie «Erhaltenswert» ganz abschaffen wollte am Ende nur noch die SVP. «Der Denkmalschutz braucht dringend eine Entschlackungskur. Mit dem Bewahren kann man es auch übertreiben», sagte Käthi Wälchli (SVP, Obersteckholz). Der Antrag blieb jedoch chancenlos und führte zudem zu einer geharnischten Antwort aus dem linken Lager.

«Für mich ist es befremdlich, wenn die Partei, welche sich die Tradition auf die Fahne schreibt, mit Inbrunst die Denkmalpflege demontiert», sagte Nicola von Greyerz (SP, Bern).

Manchmal kam man sich während der Debatte wie in einem falschen Film vor, denn für einmal priesen die Linken die Vorzüge der Heimat an – und nicht etwa das rechtsbürgerliche Lager. «Wir sind stolz auf unsere Altstädte, Ortsbilder, Schlösser und Bauernhäuser», sagte Bettina Keller (Grüne, Hinterkappelen).

Mit solchen Äusserungen wollten die Rot-Grünen unterstreichen, wie wichtig ihnen ein guter Denkmalschutz ist. Sie wollten sich diesen nicht allzu stark verwässern lassen. Die Bürgerlichen hingegen strichen hervor, dass es eine Lockerung des Denkmalschutzes brauche, um die innere Verdichtung zu fördern.

Zudem müssten die Hauseigentümer mehr Spielraum für Umbauten erhalten. «Der beste Schutz vor dem Zerfall ist die Nutzung», sagte Vreni Kipfer (BDP, Ferenberg). Dabei dürfe die Denkmalpflege nicht «Verhinderer» sein. Luc Mentha (SP, Köniz) versuchte aufzuzeigen, dass schon heute gute Lösungen mit der Denkmalpflege möglich sind.

Der ehemalige Gemeindepräsident nannte als Beispiele aus seiner Kommune die Umnutzungen der Vidmarhallen im Liebefeld und die Überbauung des Areals der Gurtenbrauerei in Wabern. Gemäss Mentha haben sich an beiden Orten unterdessen «hochinteressante Steuerzahler» niedergelassen, die bei 08/15-Projekten vielleicht nicht dorthin gezogen wären.

Der Bund

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