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100 Dezibel und eine feurige Rede

Mehrere Hundert Jugendliche protestierten am Samstag in Thun gegen das Clubsterben und die «rigide Bewilligungspraxis» der Stadtbehörden.

Als am Samstag um 16 Uhr die «Kundgebung gegen das Clubsterben» auf dem Thuner Rathausplatz startet, ist das Publikumsaufkommen bescheiden.
Als am Samstag um 16 Uhr die «Kundgebung gegen das Clubsterben» auf dem Thuner Rathausplatz startet, ist das Publikumsaufkommen bescheiden.
Franziska Scheidegger
Doch später wurde die Stimmung immer besser...
Doch später wurde die Stimmung immer besser...
Franziska Scheidegger
...und die Thuner feierten gegen das Clubsterben.
...und die Thuner feierten gegen das Clubsterben.
Franziska Scheidegger
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«Hallo Widerstand», schreit ein junger Mann ins Mikrofon. Der Ruf verhallt praktisch ungehört. Als am Samstag um 16 Uhr die «Kundgebung gegen das Clubsterben» auf dem Thuner Rathausplatz startet, ist das Publikumsaufkommen bescheiden. Der Sprecher erklärt den Anwesenden das ökologisch einwandfreie Depot-System mit den Mehrwegbechern. Mitten auf dem Platz steht ein überdimensionierter Weihnachtsbaum. Kurz, der Anlass hat anfänglich den Charme einer Strasseneinweihungsfeier. Dabei geht es bei der Party-Kundgebung gerade um «weniger Bünzlitum und mehr Lebendigkeit», wie es eine Teilnehmerin ausdrückt. Thun sei seit der Schliessung des Selve-Areals vor vier Jahren bezüglich Nachtleben «schlimmste Provinz». Sie sei hier, um etwas dagegen zu tun.

«Behörden zerstören Projekte»

Adrian Lengyel, Gründer der Allianz gegen das Clubsterben und Organisator des Anlasses, gibt der Teilnehmerin recht. Er ortet die Verantwortung für die unbefriedigende Situation bei den Behörden. Diese zeigten kaum Bereitschaft, Rahmenbedingungen für ein florierendes Nachtleben zu schaffen. «Im Gegenteil, mit ihrer rigiden Bewilligungspraxis zerstören sie vorhandene Projekte.» Er verweist etwa auf das Konzertlokal The Rock und die Veranstaltungsreihe «Summerdance» im Café Mokka, welche Lärmklagen zum Opfer fielen. «Das Fass zum Überlaufen gebracht» habe indes die Schliessung des N8Stern vor ein paar Wochen. Die Behörden schlossen den Technoclub, nachdem die Polizei bei einer Razzia Marihuana und andere illegale Drogen sichergestellt hatte. Nun haben die Betreiber zwar wieder eine Bewilligung erhalten, diese ist aber auf Ende Januar befristet.

Die Allianz gegen das Clubsterben fordere die Ausarbeitung eines Nachtlebenkonzepts, wie es die Stadt Bern gemacht habe, sagt Lengyel weiter. In einem ersten Schritt gehe es aber darum, Akzeptanz für die Anliegen der Jugend zu schaffen. «Wir fahren eher die menschliche Schiene und wollen die verantwortlichen Personen im Gespräch überzeugen.» Sie achteten auch darauf, die Auflagen für die Party-Kundgebung einzuhalten. «Jede Verfehlung wäre ein gefundenes Fressen für unsere Gegner.» Dass die Veranstaltung bereits um 22 Uhr beendet sein müsse, finde er aber schon ein bisschen schade. Hingegen sei es ein «Hoffnungsschimmer» für die Zukunft, dass der Kundgebung Musik mit einer Lautstärke von bis zu 100 Dezibel erlaubt wurde. Und: «Es wird heute schon noch abgehen.»

Müller entzündet Feuer

Langyel sollte recht bekommen. Bereits eine Stunde nach Beginn ist die Ansammlung beachtlicher und die Stimmung besser. Nicht ein Musiker, sondern ausgerechnet ein Redner entzündet dann das Feuer endgültig. Als Thomas Müller, Vorstandsmitglied der SP Thun, auf die Bühne steigt, sind die Kommentare der Demonstranten noch hämisch. «Der hat doch noch nie einen Club von innen gesehen», heisst es, und: «Haben sie niemand Jüngeres gefunden?»

Das ändert sich allerdings schlagartig, als Müller mit seiner Rede beginnt. Er geisselt die «Hirnis» und «Kulturtaliban» der Behörden und kritisiert die N8Stern-Razzia als unverhältnismässig. «Die sollen besser bei Hedge-Fonds-Managern Drogenrazzien durchführen», sagt er. Die Menge johlt. «Geile Siech», sagt die junge Frau, die ihn vorher noch belächelt hat. Müller fährt fort: «Wir leben in der Generation Velohelm, wo alles kontrolliert, normiert, geregelt und abgesichert ist.» In einer solchen Welt hätten Jugendliche eigentlich nichts mehr verloren. «Denn Jugendliche sind laut und wild, haben Sex und nehmen Drogen.»

Nun ist das Eis gebrochen. Die folgenden Musiker haben leichtes Spiel. Die Menge tanzt und jubiliert. Immer mehr Leute stossen dazu. Gegen 21 Uhr befinden sich schätzungsweise 500 Personen auf dem Rathausplatz. Und sie feiern friedlich weiter. Zwar nicht bis ins Morgengrauen, sondern nur bis 22 Uhr. Doch das immerhin bei 100 Dezibel.

SDA/gbl

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