Nicht nur im Hochfeld sind Böden dreckig

Nicht nur die Berner Asylunterkunft Hochfeld, auch andere Zentren kämpfen mit der Hygiene. Die Ursachen hierfür sind vielseitig.

  • loading indicator

Die Hygiene in den Asylunterkünften scheint ein heisses Eisen zu sein. Kaum jemand will sich öffentlich zum Thema äussern – das Thema sei «extrem heikel», wird von mehreren Personen als Begründung angegeben. Auf das Video angesprochen, welches letzte Woche einen Einblick in die bernische Asylunterkunft Hochfeld gab, reagieren jedoch viele Befragten gleich: Die Sauberkeit sei zwar überall eine Herausforderung, aber solche Zustände wie im Hochfeld – Fäkalien am Boden und blutige Papierfetzen auf der Spiegelablage – kenne man im eigenen Zentrum nicht. Trotzdem: Ungenügende Hygienebedingungen beschäftigen auch die anderen Zentrumsbetreiber. «Die Sauberkeit ist eine schwankende ­Angelegenheit – am Morgen trifft man oft eine grosse Sauerei an», sagt ein ehemaliger Betreuer einer Asylunterkunft. Man habe sogar ein Abonnement bei Schädlingsbekämpfungsfirmen, heisst es vonseiten der Betreiber. Auch Wanzen seien ein wiederkehrendes Problem. Eine ­Zentrumsleiterin fügt an, dass sie immer «zweierlei Leute» beherberge. Es gebe immer auch schwarze Schafe unter den Bewohnern, jedoch würden sich längst nicht alle problematisch verhalten.

Unterbringungsart massgebend

Die Ursachen für die mangelnde Hygiene scheinen vielseitig: Je mehr Leute die ­sanitären Anlagen benutzten, desto schwieriger sei es, diese sauber zu halten. «Es ist ein Teufelskreis», sagt der ehemalige Betreuer. Habe beispielsweise jemand Durchfall und versaue die Anlage, setze sich die nächste Person auch nicht mehr auf die Toilette. Auch die Unterbringungssituation habe Einfluss auf die dreckigen Zustände. Es erstaune ­deshalb nicht, dass sich jemand in einer Zivilschutzanlage anders verhalte als in einer oberirdischen Unterkunft. «Wenn die Atmosphäre schlecht ist, tragen die Leute auch weniger Sorge zur Anlage.»

Und wie sieht es mit der Reinigung aus? «Im Grunde genommen ist alles eine Frage der Kapazitäten», sagt ein Informant. Das Problem liege auf nationaler oder kantonaler Ebene. «Wir am Ende der Kette mühen uns ab und versuchen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste zu machen.»

Dreck wegen zu wenig Geld

Dass in der teilweise unterirdischen Unterkunft Hochfeld, die mit 136 Betten zu den grösseren im Kanton gehört, hygienische Mängel auftreten können, scheint also verständlich. Dennoch schwingt in den Antworten der Befragten eine leise Kritik mit: Da die Firma ORS, welche das Zentrum Hochfeld betreibt, eine gewinnorientierte Organisation ist, vermutet jemand, dass die Organisation etwa bei der Betreuung Geld sparen wolle. Die ­finanziellen Mittel zur Versorgung der Asylsuchenden seien enorm knapp, denn die Bundesbeiträge zur Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden wurden in den vergangenen Jahren laufend gekürzt. «Unter dem finanziellen Druck muss jede Organisation selber entscheiden, wie viel Geld sie noch für Putzarbeiten ausgeben will», sagt ein Betreiber.

Mit dem Unterstützungsbetrag bezahlen die Betreuungsorganisationen den Asylsuchenden pro Reinigungsarbeit ein kleines Entgelt – in der Regel drei Franken pro Einsatz. Die Putzarbeiten seien bei den Asylsuchenden immer sehr begehrt, die Durchführung hingegen manchmal eine Herausforderung. Der ehemalige Betreuer der Asylsuchenden erklärt weshalb: «Der kulturelle Hintergrund der Zentrumsbewohner ist sicher prägend.» Ältere Männer beispielsweise hätten Mühe, den Dreck wegzuputzen, der durch fremde, jüngere Bewohner verursacht worden sei. «Viele empfinden die Reinigung einer Toilette, die von 80 Personen benutzt wird, als Drecksarbeit. Das Putzen hat mit Würde zu tun.» Ein anderer Betreuer, der auch anonym bleiben will, nennt weitere Hemmnisse für Asylsuchende: Anonymität, Misstrauen und gegenseitige Vorurteile würden dazu führen, dass der Wille der Asylsuchenden manchmal klein sei, zum Putzlappen zu greifen. «Stellen Sie sich vor: Möchten Sie eine Toilette reinigen, die nicht nur ihre Familie, sondern noch fünfzig andere Personen benutzen?» Man müsse deshalb halt auch selber zum Lappen greifen und den Bewohnern zeigen, «dass auch der Chef sich zu dieser Arbeit bewegen lassen kann».

Auf die Führung kommt es an

Wichtig sei auf jeden Fall – dies betonen mehrere Personen – dass die Leitung eine konsequente Führung an den Tag lege. «Es ist nötig, mit Disziplin dafür zu sorgen, dass die Anlagen gründlich geputzt werden», so der ehemalige Betreuer. Unerlässlich sei aber auch der ­liebevolle Umgang mit den Bewohnern: «Man muss ihnen zeigen, dass Putzen keine abwertende Handlung ist, und sie auch ab und zu mal loben.» Auch für die Zentrumsleiterin ist klar: «Wenn man die Leute richtig instruiert, sollte die Hygiene kein allzu grosses Problem sein.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt