«Jene, die uns das angetan haben, sollten sich schämen»

Die 65-jährige Bernerin Erna Eugster wurde in ihrer Jugend in Anstalten versorgt, weil sie angeblich eine liederliche Person war.

Erna Eugster wurde als junge Frau administrativ versorgt.

Erna Eugster wurde als junge Frau administrativ versorgt. Bild: Adrian Moser

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Nestwärme, Liebe, Vertrauen: Für Erna Eugster waren dies Fremdworte. Wenn ihr Vater nicht das «Bierli» in der Beiz trank, sondern zu Hause war, mussten die Kinder still sein, weil er schlief. Einmal gab er ihr eine Ohrfeige – eine der wenigen Erinnerungen an ihn. Schläge gab es auch von der Mutter. Etwa wenn «s’Erni» zu spät von der Schule kam, denn sie sollte in der Küche helfen und im Garten Setzlinge pflanzen, während die Mutter vom Fenster aus Anweisungen gab. Manchmal war Erna spät, weil die Bahnschranke auf dem Schulweg lange unten blieb. In Eugsters Leben blieben lange viele Schranken unten.

Eine Sozialindustrie gab es nicht, nur eine rudimentäre Fürsorge. Dennoch fiel der Behörde auf, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Als Erna «es Loch im Chopf» hatte und angab, sie sei die Treppe hinuntergefallen, glaubte das niemand. Das Kind machte keine Aufgaben und war unkonzentriert, etwas stimmte nicht. Die Ursachen ging niemand an, Erziehungshilfen gab es nicht. Man entfernte das Kind und platzierte es fremd. «Ich wollte nicht dorthin, ein Kind will die eigenen Eltern haben.» Natürlich habe sie gehofft, dass die Mutter einmal «eine gute Laune» habe und sie nicht mehr schlage. «Man hat immer die Hoffnung, dass es besser wird.»

Verdikt arbeitsscheu und asozial

Es wurde aber schlimmer. Sie landete in einer Anstalt, ohne Gerichtsurteil, nur durch eine administrative Verfügung. Liederlich, arbeitsscheu, triebhaft, wenig intelligent: So lautete der Befund über das 16-jährige Mädchen, das immer davonlief. Das Verdikt arbeitsscheu und asozial empört Eugster noch heute: «Ich habe mein Leben lang gekrampft, schon als Kind.» Auch in der Anstalt im Thurgau, in die sie eingewiesen wurde. Die Wärter seien streng gewesen, noch schlimmer die Wärterinnen.

Bei der geringsten Unbotmässigkeit musste man ins cachot, ins Verlies. Als Vergehen galt schon, bei der Milchglasscheibe auf den Fenstersims zu klettern, um durchs Oberlicht blicken zu können. Oder nicht zuzugeben, dass man einem Burschen in der Anstalt ein Zettelchen mit einer amourösen Botschaft geschrieben und in einem Versteck deponiert hatte.

Wenn ein solch lächerlicher Vorfall mit kalter Gründlichkeit untersucht worden sei, habe sie niemanden verpfiffen. «Ich schwieg, was mir als schweigendes Eingeständnis ausgelegt wurde.» Die Strafe folgte auf dem Fuss. Eugster hat den Ort ihrer Pein unlängst wieder aufgesucht: ein modernes Massnahmenzentrum mit Werkstätten, psychologischer Betreuung und der Möglichkeit, eine Lehre zu absolvieren. Für die damalige Anstaltsleitung sei Förderung ein Fremdwort gewesen. Der Leiter sei «ein böser Cheib» gewesen, sagt Eugster und fügt einen nicht zitierfähigen Begriff hinzu. Gabs auch sexuelle Belästigungen? Nein, sagt Eugster, sie selbst habe nichts derartiges erlebt und auch bei anderen keine solchen Vorfälle mitbekommen.

Eine Ausbildung erhielt Eugster nie. Sie jobbte als Serviertochter, wie das früher hiess. Eugster spricht von «Bäzischleudere» – und lacht laut. Gar nicht zum Lachen fand sie es, als ein Stammgast sie plötzlich distanziert behandelte, weil sie eine Hure sei, ihr Vater habe ihm das persönlich bestätigt. Sie wusste, dass dies im Elternhaus die härteste Abqualifizierung war. «Dabei war ich völlig ahnungslos auf diesem Gebiet.» Doch das Verdikt nagte an ihr. «Ich wollte ihm das heimzahlen», deshalb sei sie auf die Strasse gegangen. Die anderen Frauen seien mit Pelzli und Hündchen umhergestanden. «Ich sah eher aus wie James Dean und war nicht sehr erfolgreich.»

Unbewältigte Erinnerungen

Die Phase war kurz und liegt weit zurück. Mit 40 Jahren habe sie einen guten Mann gefunden, erst seitdem wisse sie, was Heimatgefühl bedeute. «Er kennt meine Geschichte, aber er hält sie mir nie vor.» Er verstehe, weshalb sie hie und da nachts in der Wohnung umhertigere. Oft hat sie ein Flash, wähnt die Polizei im Rücken oder möchte aus nichtigem Anlass fliehen. Es sind unbewältigte Erinnerungen an eine Zeit, als die Polizei tatsächlich hinter der «streunenden» jungen Frau her war und sie in Handschellen zurückführte, bis sie wieder floh. «Ich kenne viele ‹Chischte› von innen», sagt sie. «Manchmal fand ich, unsere Peiniger hätten uns gescheiter zu Tode geschlagen, so ‹nüütig› wie wir waren.» Und doch: Verbittert ist sie nicht. Erst als AHV-Rentnerin hat sie endlich einen guten Job gefunden: Putzarbeiten, anständig bezahlt und erst noch bei netten Leuten – rundum erfreulich. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2018, 06:32 Uhr

Eugsters Leben «ir Chischte»

Erna Eugster wurde nie gerichtlich verurteilt. Dennoch erlebte sie als Mädchen eine Odyssee durch Heime, Gefängniszellen und Anstalten.

Sie war nicht die Einzige: Tausende von jungen Menschen, die in irgendeiner Weise sozial auffällig waren, wurden administrativ versorgt und mussten fürsorgerische Zwangsmassnahmen gewärtigen. Nach der Diskussion um die Verdingkinder ist auch dieses Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.

Die Opfer der Massnahmen können bis zum 31. März 2018 einen Solidaritätsbeitrag einfordern. Es seien maximal 25 000 Franken, sagt Eugster, eine Geste, gewiss, aber angesichts der Unbill ein lächerlicher Betrag. Im 2014 erschienenen Buch «Dreckloch» (Xanthippe-Verlag Zürich) hat sie sich die bedrückenden Erlebnisse von der Seele geschrieben.

Ihr Schicksal steht im Mittelpunkt einer Ausstellung im Berner Kornhausforum. Der Künstler Christian Grogg hat eine «Kiste» aus Karton gebaut, die der Zelle von 1968 im Berner Amthaus gleicht. «Ich bin darin wohl um die halbe Welt getigert», sagt Erna Eugster. (mdü)
«Ir Chischte», Kornhausforum: bis 28. 1.

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