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Hohe Erwartungen an den Sieger

Der neu gewählte Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) dürfte bald ins politische Sandwich geraten.

Alec von Graffenried nimmt die Gratulationen seiner Familie entgegen: Ehefrau Cornelia, Tochter Isabelle und Sohn Moritz.
Alec von Graffenried nimmt die Gratulationen seiner Familie entgegen: Ehefrau Cornelia, Tochter Isabelle und Sohn Moritz.
Adrian Moser

Am Resultat gibt es nichts zu mäkeln: Knapp 58 Prozent der Stimmenden und sämtliche Stadtteile haben Alec von Graffenried (Grüne Freie Liste) zum Nachfolger von Alexander Tschäppät (SP) gewählt. Und trotzdem hat es am Sonntag nicht jenes Wunschresultat gegeben, das sich der Herausforderer ursprünglich erhofft hatte. Denn in den Wahlen von Ende November konnte das Bündnis von Rot-Grün-Mitte (RGM) einen Sitz im Gemeinderat dazu gewinnen und verfügt nun über vier von fünf Sitzen in der städtischen Exekutive. Bei einer derart deutlichen rot-grünen Mehrheit wird von Graffenried das Zünglein an der Waage nicht spielen können, das er bei einer Konstellation mit drei rot-grünen und zwei bürgerlichen Gemeinderatsmitgliedern gerne gespielt hätte. Die relativ hohe Stimmbeteiligung von knapp 50 Prozent deutet zudem darauf hin, dass der liberalgrüne Kandidat viele bürgerliche Wählerinnen und Wähler mobilsieren konnte.

Als Stadtpräsident wird von Graffenried daher nicht «nur» mit den Erwartungen der Bündnispartner konfrontiert werden, sondern auch mit denjenigen der Bürgerlichen. Der neue Stadtpräsident müsse eine «konsequente RGM-Politik» verfolgen, hält die SP in einer Mitteilung fest. Und auch das Grüne Bündnis (GB) erwartet eine «Fortführung der sozialen und ökologischen Politik». FDP-Präsident Philippe Müller wiederum weist darauf hin, dass das RGM-Bündnis mit bloss 60 Prozent der Stimmen 80 Prozent der Sitze in der Stadtregierung besetze. «Ich erwarte, dass Stadtpräsident von Graffenried die Anliegen dieser starken Minderheit berücksichtigen wird», sagt Müller.

Die Rolle des FDP-Präsidenten

Die Aussagen des FDP-Präsidenten sind insofern interessant, weil er einst von Graffenried zur Kandidatur ermuntert hatte. Die vorherrschende Polpolitik in der Stadtberner Politik müsse ein Ende haben, sagte Müller bereits im November 2015. Er wünsche Alec von Graffenried «ein Quäntchen mehr Mut», um in den Stadtpräsidiumswahlen gegen die «ideologische» Ursula Wyss (SP) anzutreten. Müller stiess damit nicht nur in ein RGM-Wespennest, er sorgte auch in der eigenen Partei für Kritik, hatte damals doch der mittlerweile abgewählte Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) seine Kandidatur fürs Stadtpräsidium noch gar nicht bekannt gegeben. Müller ist aber nach wie vor überzeugt, richtig gehandelt zu haben. «Von Graffenried war der einzige, der eine Wahl von Wyss verhindern konnte.»

Der Alte und der Neue: Alexander Tschäppät (SP, rechts) gratuliert seinem Nachfolger Alec von Graffenried.
Der Alte und der Neue: Alexander Tschäppät (SP, rechts) gratuliert seinem Nachfolger Alec von Graffenried.
Adrian Moser
Der Sieger - und die Unterlegene.
Der Sieger - und die Unterlegene.
Adrian Moser
Die Unterlegene: Ursula Wyss.
Die Unterlegene: Ursula Wyss.
Franziska Rothenbühler
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«Gräben in das Bündnis gerissen»

Seine Erwartungen an von Graffenried möchte Müller nicht konkretisieren. Etwas deutlicher wird SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Von einer SP-Stadtpräsidentin Wyss hätte er nichts erwartet, sagt Fuchs. Von Graffenried hingegen solle «mehr gesunden Menschenverstand» walten lassen. So müsse etwa die Verwaltung «bürgernaher» werden, auch für Gewerbetreibende und Hauseigentümer. In Bezug auf die Reitschule wiederum erwarte er eine Politik, die «in Nuancen» von der bisherigen abweiche. So werde sich von Graffenried vielleicht mehr zurückhalten als sein Vorgänger oder das Dossier an Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) zurückgeben. «Vielleicht stärkt der Stadtpräsident ja sogar einmal der Polizei nach einem Einsatz den Rücken», sagt Fuchs.

Angesichts der Erwartungen von allen Seiten wird der neue Stadtpräsident die von ihm selber gelobten Fähigkeiten als Vermittler und Moderator gebrauchen können. Die eindeutigen RGM-Mehrheiten in Gemeinderat und Stadtparlament werden seinen Spielraum jedenfalls nicht erhöhen. Zudem haben die «langen Verhandlungen im Bündnis» und der «teils sehr emotional» geführte Wahlkampf «Gräben in das Bündnis gerissen», wie die SP in ihrer Medienmitteilung schreibt. SP-Kandidatin Wyss hat am Sonntag zwar mehrfach betont, dass sie sich um ein konstruktives Klima im Gemeinderat bemühen werde. Zumindest im Stadtparlament könnte sich die Tonlage zwischen SP und GB einerseits sowie GFL andererseits aber verschärfen. Zwar haben einige GB-Wählende von Graffenried gewählt. Aber die Stadtratsfraktion stand beinahe einhellig hinter der SP-Kandidatin. Darin liegt auch ein innergrüner Zündstoff, zumal GB und GFL zwei Sektionen innerhalb der Grünen Kanton Bern sind.

Präsidialer Optimismus

Ein schwieriges Umfeld, wie zu vermuten wäre. Der neue Stadtpräsident selber sieht aber offenbar keine Spannungsfelder. Er sei nicht der Kandidat der Bürgerlichen, sagt er zum «Bund» (siehe Interview rechts). Und das RGM-Bündnis sei nicht geschwächt, sondern gestärkt aus dem Wahlkampf hervorgegangen. Dies sage er «im Gegensatz zu allen Journalistinnen und Journalisten, die das Gegenteil behaupten werden», so von Graffenried.

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