«Gut möglich, dass sich ein Euro-08-Effekt einstellt»

Obwohl bei der Organisation des E-Prix einiges schief gelaufen sei, will Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) eine erneute Auflage nicht ausschliessen.

Alec von Graffenried während der Formel E in der Familienzone im Rosengarten.

Alec von Graffenried während der Formel E in der Familienzone im Rosengarten.

(Bild: Claudio de Capitani/freshfocus)

Herr von Graffenried, wird es in Bern noch einen E-Prix geben?
Man kann so eine Veranstaltung nicht gegen die Bevölkerung durchführen. Deshalb werden wir jetzt zuerst zusammen mit Betroffenen dies analysieren. Es ist gut möglich, dass sich der Euro-Effekt einstellt. Dort waren die Leute im Vorfeld auch skeptisch, rückblickend sind alle begeistert. Aber wie gesagt, das müssen wir zuerst herausfinden. Insgesamt habe ich direkt etwa dreimal so viel Reaktionen begeisterter Zustimmung erhalten gegenüber den schroff ablehnenden Stimmen. Letztere waren in den Medien jedoch deutlich in der Übermacht.

Die Kritik war aber erheblich lauter als bei der Euro 08: Viele Anwohner empfanden die Einschränkungen als massiv, gerade was die Zugänglichkeit anbelangt. Was ist da schief gelaufen?
Das Badge-System, das Anwohnern den Zugang ins Quartier garantieren sollte, war sicher nicht ideal. Allerdings muss man auch sagen, dass dies auf Wunsch des Quartiers eingeführt worden ist. Denn aus dem Quartier kamen Befürchtungen, dass sich Rennfans dort breitmachen könnten - mit allen Nebeneffekten wie Lärm und Dreck.

Es war aber nicht nur das Badge-System. Der ÖV konnte nicht wie geplant fahren und auch bei den Übergängen gab es Probleme.
Eigentlich war alles präzise geplant. Leider lief dann einiges schief. Der 12er-Bus konnte nicht wie vorgesehen fahren, auch wurden die Fussgängerübergänge nur temporär bedient. Wir hofften, dass die Organisatoren öffentlich dazu Stellung beziehen. Als dies ausblieb, haben wir uns an die Öffentlichkeit gewandt.

Die Veranstalter haben mehrere Abmachungen nicht eingehalten. Auch das Nachtarbeitsverbot und die Verwendung von Mehrweggeschirr.
Wir gehen dem nach. Noch ist unklar, wer genau in der Nacht gearbeitet und Einweggeschirr verwendet hat. Schliesslich haben die Organisatoren auch einen Teil der Aufgaben ausgelagert. Wir können auch nicht ausschliessen, dass die Einwegbecher aus privaten Betrieben stammen, wo wir keinen Einfluss nehmen können.

Sieht die Bewilligung für diese Fälle eine Konventionalstrafe vor?
Das muss ich noch abklären. Klar ist, wir haben eine Bankgarantie für alle unsere Aufwendungen. Der Stadt Bern droht also kein finanzieller Schaden.

Bereits in Zürich haben sich die Veranstalter nicht an Auflagen gehalten. Gegner werfen dem Gemeinderat deshalb Naivität vor. Zu recht?
Aus Zürich erhielten wir positive Rückmeldungen, was die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern angeht. Wir haben die Bewilligung auch nicht leichtfertig erteilt, sondern mehrmals intensiv im Gemeinderat darüber diskutiert. Auch verlief die Zusammenarbeit bis mitte letzte Woche ausgezeichnet. Alle unsere Forderungen wurden aufgenommen und teils mit grosser Kreativität erfüllt. Das änderte sich allerdings in den drei Tagen vor dem Rennen.

Ein bisschen naiv wirkt umgekehrt auch, dass man eine Demo auf der Rennstrecke bewilligte.
Ich glaube, es war die richtige Entscheidung. Die Meinungsäusserungsfreiheit ist ein hohes Gut. Zudem hatten so die Gegner die Möglichkeit, Dampf abzulassen. Hätte diese nicht bestanden, wäre wohl das Rennen gestört worden.

Dampf ablassen tönt etwas euphemistisch. Es kam zu Sachbeschädigungen, welche eine Verzögerung des Ablaufs am Samstag zur Folge hatte.
Die Sachbeschädigungen sind natürlich inakzeptabel. Man sollte aber auch nicht übertreiben. Ein paar Demonstranten haben einige Plakate heruntergerissen - dafür braucht es nun keine enorme kriminelle Energie. Ich glaube auch, ihnen war gar nicht bewusst, wie wichtig die Sponsorenplakate für die Veranstalter sind und welchen Zusatzaufwand sie damit auslösen.

Die Kritik kam vor allem von der links-grünen Basis. Hat der Gemeinderat das Gespür für die eigenen Wähler verloren?
Nein, wir hatten dieses Gespür schon. Wir wussten, dass es nicht nur Applaus gibt. Doch wir wollten mit der Veranstaltung eine Diskussion über Elektro-Mobilität auslösen. Und das ist uns auch gelungen. Aber natürlich muss man bei jedem Grossanlass über die Folgen für die Umwelt diskutieren. Allerdings wird das bei einem Schwingfest oder einem Grosskonzert nicht gemacht.

Von Anfang an herrschte typisch bernisches Naserümpfen. Macht es eigentlich Freude, eine etwas biedere Bevölkerung zu regieren?
Ich erlebe die Bernerinnen und Berner überhaupt nicht als bieder. Es gibt natürlich Leute, die gegen alles Neue sind. Aber der grösste Teil der Kritik bezog sich auf Dinge, die tatsächlich nicht ideal waren. Gleichwohl muss auch gesagt werden, dass die meisten Reaktionen, die ich bekam, sehr positiv bis überschwänglich waren. Zudem war eine gewisse Grosszügigkeit Leitlinie unseres Handelns - auch wenn das Rennen für einige Gemeinderäte nicht unbedingt eine Wunschveranstaltung war. Aber ob es nun um den FC Breitenrain, eine Gartenwirtschaft oder ein Fest geht: Man muss nicht überall mitfeiern und kann trotzdem den Leuten den Spass gönnen. Ein solches Denken wollen wir in der Stadt Bern fördern.

Vielleicht hängt es nicht nur von der Stadt Bern ab, ob es zu einer Neuauflage kommt: Der Organisator sagte, er sei sich nicht sicher, ob er in Bern willkommen sei. Was für Signale haben Sie bekommen?
Das war nicht der Organisator, sondern der Eigentümer der Rennserie. Der Organisator selber sagte, die Zusammenarbeit mit der Stadtberner Behörden sei einwandfrei.

Der Gemeinderat hat bereits am Vortag die Veranstalter kritisiert. Drei Gemeinderäte liessen mitteilen, dass sie dem Rennen nicht beiwohnen werden. Das war nicht die feine Art.
Sie liessen nicht mitteilen, sondern sie wurden gefragt. Und es ist üblich, dass nicht alle Gemeinderäte an einer Veranstaltung teilnehmen. Als Boykott war das sicher nicht gedacht.

Wo haben Sie den gestrigen Renntag verbracht?
Ich bin viel zirkuliert, meistens rund um das Renngelände. Das Rennen selber beobachtete ich vom Muristalden aus. Ich wollte die Beschleunigungsfähigkeit dieser Elektromotoren am Stutz beobachten. Zudem freute ich mich natürlich über die wunderbaren Postkartenbilder von Bern während des Rennunterbruchs.

Wie haben Sie die Stimmung erlebt?
Am Rennen waren natürlich vornehmlich Leute, die aus Begeisterung für diesen Anlass da waren, entsprechend ausgelassen war die Stimmung. Die anderen blieben dem Event wohl eher fern. Insgesamt war es aber viel entspannter, als ich gedacht hätte. Im Rosengarten spielten Kinder, unten am Klösterlistutz sassen die Leute in Liegestühlen. Teils empfand ich die Stimmung als fast poetisch. Noch am Freitagabend war die Atmosphäre im Obstberg etwas ambivalenter. Als die Nydeggbrücke gesperrt worden ist, wurden einzelne richtig wütend. Als das Quartier dann abgesperrt war, kam eine ganz spezielle Stimmung auf, die sehr verbindend wirkte.

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