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Frauenstreik lässt viele Firmen kalt

Während sich die grossen Arbeitgeber im Kanton Bern vom Frauenstreik unbeeindruckt zeigen, wollen die Gewerkschaften den Schub nutzen, um bessere Löhne in Frauenbranchen auszuhandeln.

Was vom Frauenstreik übrig bleibt: Alte Forderungen und viel Gewerkschaftsarbeit.
Was vom Frauenstreik übrig bleibt: Alte Forderungen und viel Gewerkschaftsarbeit.
Franziska Scheidegger

Der zweite Frauenstreik geht als eine der grössten Demonstrationen in die Schweizer Geschichte ein. Sein Hauptanliegen sind gleiche Löhne für Männer und Frauen. Was sagen die Arbeitgeber im Kanton Bern dazu?

Einer der grössten ist die Swatch Group. Dort verweist man auf den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) und den Arbeitgeberverband der Schweizer Uhrenindustrie. Dessen Generalsekretär François Matile gibt sich unbeeindruckt.

Coole Uhrenindustrie

In den Unternehmen habe kein Streik stattgefunden, und die Mitarbeiterinnen hätten auch keine konkreten Forderungen eingereicht. Die allgemeinen Forderungen nach Lohngleichheit seien nicht neu, und der Verband sei mit den Gewerkschaften schon seit eh und je in Verhandlung. «Wenn das Lohngleichheitsgesetz in Kraft tritt, werden wir die geforderten Lohnanalysen durchführen und dann weitersehen», erklärt er.

Das revidierte Gleichstellungsgesetz verlangt, dass Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitenden eine Lohnanalyse durchführen müssen. Über das Resultat müssen sie lediglich ihre Angestellten und Aktionäre informieren. Stellt ein Unternehmen unerklärbare Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen fest, muss es keine Sanktionen fürchten, sondern nach vier Jahren bloss die Analyse wieder durchführen.

Die Enttäuschung der Gewerkschaften darüber, dass das Parlament das Gesetz stark verwässert hatte, war laut der VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber Auslöser des zweiten Frauenstreiks.

Post und Migros sind aktiv

Nicht ganz so cool wie in der Uhrenindustrie, aber immer noch gelassen tönt es bei der Post. Diese ist nach der Kantons- und Bundesverwaltung die grösste Arbeitgeberin im Kanton Bern. Ihr Mediensprecher François Furer unterstreicht, dass Gleichberechtigung wichtig sei. «Sie darf nicht nur am Frauenstreiktag Thema sein.» Die Post habe erst letztes Jahr die Resultate einer Lohnanalyse auf Basis der Löhne von 2016 erhalten und werde noch in diesem Jahr eine weitere durchführen. Zudem schaffe sie bis im Spätsommer eine neutrale Ansprechstelle, an die sich Mitarbeitende bei wahrgenommener Lohnungleichheit wenden könnten.

Ähnlich antwortet auch die Migros. Das Unternehmen führe alle zwei Jahre eine Lohnanalyse durch, schreibt die Kommunikationsverantwortliche Andrea Bauer. Dabei würden keine nennenswerten Lohnunterschiede festgestellt. Die strategisch relevanten Gremien seien «durchaus weiblich», und die Migros fördere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aktiv. «Wir werden diesen eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgen», so Bauer. Auch die Migros-Angestellten unterstehen einem GAV. Weder sie noch die Post-Mitarbeiterinnen haben zum Frauenstreik Forderungen deponiert.

Betreuerinnen wollen mehr

Die Stadt Bern ist die drittgrösste Arbeitgeberin in der öffentlichen Verwaltung. Sie hat am Frauenstreik konkrete Forderungen von den vereinigten Betreuerinnen in den Tagesschulen erhalten. Diese fordern eine angemessene Finanzierung der Kinderbetreuung und in mehreren Punkten bessere Arbeitsbedingungen. Denn der tiefste Lohn von ungelernten Betreuerinnen beträgt zwar rund 4000 Franken und entspricht so dem von den Gewerkschaften geforderten Mindestlohn.

Doch werden die Betreuerinnen laut Vanessa Salamanca vom VPOD aufgrund der zerstückelten Arbeitszeiten zu maximal 70 Prozent angestellt. Die Tagesschulen betreuen die Schulkinder am Morgen vor dem Unterricht, über Mittag und nachmittags nach der Schule. So verdienen die Betreuerinnen monatlich nur 2850 Franken, sind aber trotzdem täglich am Arbeitsplatz. Eine zweite Stelle können sie unter diesen Umständen kaum annehmen.

Die zuständige Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) zeigt sich den Forderungen gegenüber offen. «Viele der Ideen sind mir sympathisch und haben Hand und Fuss.» Trotzdem sei es so kurz nach dem Streik zu früh, fundiert Stellung zu nehmen. Die Lohnforderung müsse im Rahmen des städtischen Lohnsystems geprüft werden. «Ich gehe davon aus, dass wir ein faires Lohnsystem umgesetzt haben.» Bis zu den Herbstferien will Teuscher den Betreuerinnen erste Antworten geben.

Lohn in Frauenbranchen

Gibt man sich bei den Arbeitgebern der Uhrenindustrie betont kühl, geht es bei den Gewerkschaften heiss zu und her. «Wir sind vom Frauenstreik überwältigt und gleisen nun schnell erste Schritte auf», sagt Regula Bühlmann, Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbundes. Am Sonntag habe bereits eine Telefonkonferenz mit den Präsidentinnen und Vizepräsidentinnen von Unia, Syndicom, VPOD und der Gewerkschaft des Bahnpersonals (SEV) stattgefunden.

«Der Erfolg des Streiks gibt uns Kraft», sagt Bühlmann. Nun gehe es darum, die konkreten Forderungen mit konkreten Massnahmen am richtigen Ort anzubringen, sodass sie rasch umgesetzt werden könnten. Insbesondere seien Lohnerhöhungen in den typischen Frauenbranchen ein Schwerpunkt in den anstehenden Lohnverhandlungen.

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