«Frauen fühlen sich sicherer»

Die Genderforscherin Fabienne Amlinger erklärt, warum geschlechtergetrennte Badebereiche kein alter Zopf sind – und ob es auch Abteile für Menschen braucht, die sich weder als Frau noch als Mann definieren.

Auch im Marzili herrschen Geschlechterstereotype. Foto: Adrian Moser

Auch im Marzili herrschen Geschlechterstereotype. Foto: Adrian Moser

Frau Amlinger, wo liegen Sie in der Badi am liebsten?
In die Badi gehe ich eigentlich nie. Ich gehe lieber direkt in die Aare in der Lorraine.

In Bern herrscht aktuell eine Diskussion über geschlechtergetrenntes Baden: Die Männer beklagen den Verlust ihres «Bueber», und die Stadt prüft auch die Aufhebung der Frauenabteile. Verstehen Sie die teils sehr heftigen Reaktionen?
Diese Diskussionen deute ich als Zeichen dafür, dass es einem Bedürfnis entspricht, nach Geschlechtern getrennte Zonen in der Badi zu haben. Das Bedürfnis scheint bei Männern und bei Frauen vorhanden zu sein.

Unsere Recherchen zeigen, dass es den Frauen viel wichtiger ist, in der Badi unter sich sein zu können, als den Männern, denen es eher egal ist, wenn sich in ihrem Bereich auch Frauen aufhalten.
Die von Ihnen durchgeführte Recherche bestätigt, dass in unserer Gesellschaft immer noch starke strukturelle und im Alltag unmittelbar wahrnehmbare Unterschiede in den Lebensrealitäten von Frauen und Männern bestehen.

Fabienne Amlinger Forscht am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern. Bild: zvg

Woher kommt das grössere Bedürfnis der Frauen, in der Badi unter sich zu sein?
Nicht alle Besucherinnen der Frauenabteilung in einer Badi teilen dieselbe Motivation, sich dort aufzuhalten. Befragte Frauen gaben in Studien rund um geschlechtergetrennte Räume häufig an, dass sie solche Orte als sicherer, geschützter oder einfach als entspannter und angenehmer wahrnehmen als gemischtgeschlechtliche Räume. Tatsächlich sind Frauen erwiesenermassen stärker von Belästigungen unterschiedlicher Art, von Übergriffen oder Abwertungen betroffen – und mehrheitlich werden diese von Männern begangen. In der Badi kommt noch dazu, dass Besuchende körperlich sehr exponiert sind, da sie ja einzig in Badesachen gekleidet sind. Und auch hier befinden sich Frauen in einer speziellen Situation, weil für sie ganz andere Schönheitsideale gelten.

Und darum braucht es Rückzugsorte für Frauen?
Es braucht vor allem eine Gesellschaft ohne Belästigungen, Übergriffe und Diskriminierungen. Davon sind wir aber weit entfernt. Solche geschlechtergetrennten Räume lösen selbstverständlich nicht das eigentliche Problem.

Für einige sind die geschlechtergetrennten Bereiche im Marzili nur noch ein Überbleibsel von früher und deren Aufhebung längst überfällig. Was entgegnen Sie?
Ich verstehe nicht, was das mit der Zeit zu tun hat. Das Bedürfnis nach geschlechtsexklusiven Bereichen gab es in der Vergangenheit und gibt es heute, wie der Protest gegen die Aufhebung ja gerade zeigt.

Müssten konsequenterweise nicht auch Bereiche für nonbinäre Menschen, also Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann definieren, vorhanden sein?
Sich als geschlechtlich nicht binär verstehende Personen erleben spezifische Formen von Diskriminierungen und können genauso das Bedürfnis nach eigenem Raum haben wie Personen, die sich als Männer oder Frauen identifizieren. Einige non-binäre Menschen begrüssen solche Bereiche, andere hingegen nicht.

Gerade die Geschlechterforschung sagt, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. In diesem Sinne ist die Aufhebung doch nur konsequent?
Nein, die Geschlechterforschung sagt nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Zur Klärung: Sie leitet wissenschaftlich her, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Das heisst – einfach ausgedrückt – dass das, was wir hier und heute unter «Mann» oder unter «Frau» verstehen, nicht überall auf der Welt auch so ist und dass sich dieses Verständnis im Laufe der Zeit immer auch verändert.

Inwiefern verändert sich das Rollenbild von Mann und Frau in der Schweiz?
In manchen Bereichen verschwinden frühere Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Beispielsweise weichen sich manche Geschlechterstereotype auf, die Tätigkeitsfelder von Männern und Frauen vermischen sich stärker, oder in gewissen Bereichen hat die Gleichstellung zugenommen. Andererseits tauchen aber auch neue Geschlechterstereotype auf, oder Rollenbilder verhärten sich.

In welchen Bereichen?
Als Beispiel kann auf Kleinkinder verwiesen werden. Früher gab es viel weniger gegenderte Spielsachen, und die Kleider für Kleinkinder waren nicht derart stark markiert, wie wir es heute mit den Farben Rosa und Blau kennen.

Wie einfach oder schwierig ist es, den neuen Kanal zu passieren? Sind Wirbel ein Thema? Und überhaupt der Bueber: Haben die Männer Recht, die den Verlust Ihres Refugiums beklagen? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.

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