Flüchtlinge demonstrieren «gegen Asylcamps»

Am Samstagnachmittag haben gemäss Organisatoren auf dem Berner Bundesplatz rund 2000 Personen für eine bessere Situation von Flüchtlingen in Schweizer Asylzentren und internationalen Camps demonstriert.

Rund 500 Geflüchtete und solidarische Schweizer und Schweizerinnen sind dem dem Aufruf von Migrant Solitarity Network zur Kundgebung gefolgt.

Rund 500 Geflüchtete und solidarische Schweizer und Schweizerinnen sind dem dem Aufruf von Migrant Solitarity Network zur Kundgebung gefolgt.

(Bild: Peter Schneider / Keystone)

Auf dem Berner Bundesplatz hat am frühen Samstagnachmittag eine nationale Kundgebung «gegen Asylcamps» begonnen. Laut den Organisatoren haben über 2000 Flüchtlinge und Unterstützer daran teilgenommen.

Aufgerufen zur Kundgebung hat das Migrant Solidarity Network. Das ist eine Aktivistennetzwerk, das nach eigenen Angaben die Stimme von Flüchtlingen auf politischer Ebene besser zur Geltung bringen will. Es hat seinen Sitz in Bern. Die Kundgebung richtet sich gegen die Zustände in libyschen und griechischen Flüchtlingslagern und gegen die «Abschottung Europas», wie das Migrant Solidarity Networt in einer Mitteilung schreibt.

Gewalt, Krankheit und Tod in Libyen

«Wir wollen, dass die libyschen Camps geschlossen werden», sagt der Aktivist Negasi Sereke. Die Schweiz dürfe nicht wegschauen und Libyen gar finanziell unterstützen. Der Eritreer lebt heute mit seiner Familie in Ittigen und macht eine Ausbildung zum Pfleger. Via Facebook steht er mit Flüchtlingen in Libyen in Kontakt. Er erzählt Schlimmes: In libyschen Camps werden sie sexuell missbraucht und mit dem HI-Virus oder Tuberkulose infiziert. «Frauen müssen auf dem Boden gebären und viele sterben bei der Geburt ihrer Kinder», sagt Sereke. Zum Teil würden den Flüchtlingen Organe geraubt.

Er selber sei 2006 via Libyen in die Schweiz geflüchtet. Unter dem Regime von Gaddafi sei die Situation von Flüchtlingen noch viel besser gewesen. «Wir waren frei und konnten uns in der Stadt bewegen», sagt Sereke.

Isolation in der Schweiz

Einer, der die prekären Zustände in Libyen selbst erlebt hat, ist der 25-jährige Taha Yahia. Als Kind war er mit seinen Eltern vom Sudan in den Tschad geflüchtet und wuchs dort in einem Camp auf. Vor vier Jahren flüchtete er via Libyen und Italien in die Schweiz. Er sei verdächtigt worden, bei den Rebellen mitzumachen. In Libyen wurde er gekidnappt und musste drei Monate als Sklave in einem Stall arbeiten, bevor er wieder freigelassen wurde, weil er mittellos war, wie er erzählt.

Taha Yahia will Teil der Gesellschaft sein und die gleichen Rechte haben. Foto: nj

Doch auch die Verhältnisse in der Schweiz kritisierten die Flüchtlinge auf dem Bundesplatz. Yahia verbrachte zwei Jahre im Asylzentrum in der Region Biel. Fern der Stadt habe er sich isoliert gefühlt. «Es gab nur Bauernhöfe.» Weil er seine Anwesenheit täglich mit einer Unterschrift bestätigen musste, konnte er nie bei Freunden übernachten. «Aber ich will auch Teil der Gesellschaft sein», sagt er. Heute wohnt er in der Stadt Bern in einer grossen Wohngemeinschaft und macht bei der Spitex eine Ausbildung.

Kritik an der Nothilfe

Auf dem Platz demonstrierten nicht nur geflüchtete Menschen, sondern auch zahlreiche solidarische. Etwa Gabrielle Progin. Sie engagiert sich in Freiburg im Kollektiv Bleiberecht und fordert die Abschaffung der Nothilfe. Diese sei «entwürdigend». Stattdessen brauche es ein Bleiberecht und Niederlassungsfreiheit für alle. Abgewiesene Asylsuchende sollten wie die anderen von der Sozialhilfe betreut werden, sagt sie.

Nach einem Umzug durch die Berner Innenstadt soll die Kundgebung am späteren Nachmittag auf der Berner Schützenmatte enden. Die Demonstration ist von der Stadt Bern bewilligt worden.

nj/sda

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