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Fast alle wollen an belebter «Schütz» festhalten

Die Stadt will gegen die zunehmende Kriminalität auf der Berner Schützenmatte vorgehen. Ihre Lösungsansätze kommen in der Politik aber nicht nur gut an.

Die Belebung der Berner Schützenmatte hat in Sachen Sicherheit nicht die gewünschte Wirkung mit sich gebracht.
Die Belebung der Berner Schützenmatte hat in Sachen Sicherheit nicht die gewünschte Wirkung mit sich gebracht.
Barbara Héritier

Die Situation auf der Schützenmatte beschäftigt Berns Politik. Obwohl der Platz vor der Reitschule vom Verein Platzkultur belebt wird, kommt es seit diesem Frühling vermehrt zu Delikten. In den vergangenen Wochen häuften sich Vorfälle wie organisierte Raubüberfälle oder Schlägereien. Dies bestätigte nicht nur die Kantonspolizei auf Anfrage, auch die Reitschule äusserte dies vor drei Wochen in einem öffentlichen Brief an den Gemeinderat.

Die Entwicklung beunruhigt den Berner Stadtpräsidenten Alec von Graffenried (GFL). Die Situation sei «gravierend», sagte er am Freitag im «Bund»-Interview. Im Bereich der Sicherheit habe es «keine Verbesserung» gegeben. Ist die Belebungsstrategie also gescheitert? Und braucht es noch mehr Polizei, um die Situation in den Griff zu bekommen?

Belebung auf dem Prüfstand

Das sehen die Parteien und Fraktionen im Berner Stadtrat unterschiedlich. Nur SVP und FDP stellen die aktuelle Zwischennutzung jedoch wirklich infrage. «Die Belebungsstrategie ist gescheitert», sagt Thomas Fuchs, Präsident der Stadtberner SVP. Die Schützenmatte sei zur Erweiterung der Reitschule geworden und biete Unterschlupf für Kriminalität. Bei der FDP ist man zwar für eine Belebung, wie deren Fraktionschef Bernhard Eicher sagt. Sie müsse allerdings ein durchmischtes Publikum anlocken. Das schaffe die aktuelle Zwischennutzung nicht. Die Idee der Belebung sei gewesen, mehr Durchmischung und soziale Kontrolle auf den Vorplatz zu bringen, sagt Lukas Gutzwiller (GFL). «Wenn nun aber die Kriminalität zunimmt, muss man prüfen, ob das Konzept funktioniert.»

Ansonsten will die Berner Politik an der Belebung festhalten. «Ich habe den Eindruck, dass die Zwischennutzung gut funktioniert», sagt Edith Siegenthaler, Co-Präsidentin der SP Stadt Bern. Von der Belebung könne man auch nicht erwarten, dass sie innert weniger Monate die Situation auf der Schützenmatte komplett verändere. Und auch Michael Daphinoff aus der CVP- und BDP-Fraktion begrüsst die Belebung der Schützenmatte: «Platzkultur macht im Grossen und Ganzen einen wirklich guten Job.» Deshalb überrasche ihn auch die Zunahme von Kriminalität und Gewalt.

«Ich glaube nicht, dass noch mehr Polizei zur Beruhigung der Situation beitragen würde»

Edith Siegenthaler, Co-Präsidentin SP Stadt Bern

Brauchts mehr Polizei?

Umstritten ist auch, wie die Situation auf der Schützenmatte bald wieder unter Kontrolle gebracht werden soll. Von Graffenried meinte, es brauche auch «mehr Präsenz» der Polizei. Diese Forderung stösst jedoch bei anderen RGM-Parteien auf Ablehnung. Von Graffenrieds Parteikollege Gutzwiller etwa findet, es wäre «absurd», die Polizeipräsenz auf dem Vorplatz zu verstärken: «Eine Belebung zu fördern und dann doch mehr Polizei zu benötigen, ist nicht der Sinn der Sache.» Auch Siegenthaler sagt, es gebe bereits heute viel Polizeipräsenz. «Ich glaube nicht, dass noch mehr Polizei zur Beruhigung der Situation beitragen würde.» Rahel Ruch, Co-Präsidentin des Grünen Bündnisses, meint sogar, es sei nicht die Belebung, sondern die Strategie der intensiven Polizeieinsätze, die gescheitert sei. «Mit Repression versucht man es schon lange, das hat nicht funktioniert.»

Ausserhalb RGM stösst die Idee stärkerer Präsenz der Polizei jedoch lediglich bei der GLP auf Ablehnung. Das könne nicht das Mittel sein, sagt Melanie Mettler: «Mehr Repression hat noch nie zu weniger Gewalt geführt.» Daphinoff hingegen findet, es brauche sehr wohl mehr Polizei und auch mehr Überwachung auf der Schützenmatte. Gleichzeitig müssten aber auch weitere Massnahmen ausgearbeitet werden. Eicher findet ebenfalls: «Um die Situation kurzfristig in den Griff zu bekommen, braucht es eine stärkere Durchsetzung der Regeln mit mehr Repression.» Dem stimmt auch die SVP zu.

Sozialarbeit «prüfenswert»

Um Delikte auf der Schützenmatte zu minimieren, will die Stadt nun vermehrt Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter einsetzen. Sie sollen in Begleitung von älteren Personen aus dem arabischen und afrikanischen Raum auf dem Vorplatz präsent sein, auf Leute zugehen und heikle Situationen im Dialog entschärfen. Die Begleiter helfen dabei, sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden. Fuchs hält davon nichts. Sozialarbeiter seien für Situationen, wie sie auf dem Vorplatz anzutreffen sind, nicht ausgebildet. Auch Eicher ist wenig begeistert. Der Sozialdienst Pinto sei bereits vor Ort. Die Regeln könne aber bis anhin auf dem Vorplatz niemand ausser der Polizei durchsetzen.

Daphinoff hingegen findet die Idee «durchaus prüfenswert», allerdings bloss in Kombination mit weiteren Massnahmen. Bei den anderen Mitte- und Links-Parteien stösst die Idee von mehr Sozialarbeit auf Zustimmung. «Sozial- und Jugendarbeit auf der Schützenmatte zu testen, finde ich sinnvoll», sagt etwa Ruch vom Grünen Bündnis. Gleiches findet auch Siegenthaler von der SP. Damit habe man auch schon andernorts, etwa am Bahnhof, gute Erfahrungen gemacht. Mettler von der GLP sieht darin auch die Chance, dass die «konstruktivere» Sozialarbeit zu weniger Eskalation führen könnte. «Das schafft die Polizei bisher nicht.»

Auch die Freie Fraktion (AL/PdA/GaP) unterstützt die Reitschule in der Forderung nach Gassen- und Jugendarbeit, «also nicht Krokus, zivile Drogenfahndung, Pinto oder Securitas», sagt Fraktionssprecherin Tabea Rai (AL). Es brauche keine Polizei, sondern ein sozialpolitisches Management.

Trotz neuer Entwicklungen auf der Schützenmatte: Was bleibt, sind viele unterschiedliche Meinungen und Bedürfnisse. Von Graffenried kündigte an, das Dialogangebot der Reitschule annehmen zu wollen. Ruch findet das wichtig und fordert, dass man auch den Reitschülerinnen und Reitschülern gut zuhört. «Wichtig ist, dass ein anwaltschaftlicher und partizipativer Ansatz gewählt wird», so Ruch.

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