Es geht nicht nur um Wohnungen

Die Stadt Bern will wachsen. Verdichtungen innerhalb des bestehenden Siedlungsgebietes reichen dafür nicht aus. Deshalb braucht es das Viererfeld.

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Die meisten Bernerinnen und Berner hätten am liebsten den Fünfer und das Weggli: wachsenden Wohlstand einerseits und einen absoluten Schutz von Grünflächen andererseits. Da beides nicht zu haben ist, sind Kompromisse nötig, wie sie zum Beispiel der Berner Regierungsrat im kantonalen Richtplan vorsieht. Das jüngst vom Bundesrat genehmigte Regel-werk zielt darauf ab, die Zersiedelung zu bremsen. Die ländlichen Gebiete sollen als solche erhalten, das Wachstum an zentralen und gut erschlossenen Lagen konzentriert werden. Zu diesem Zweck hat der Regierungsrat dreizehn «prioritäre Entwicklungsgebiete Wohnen» fest­gelegt – darunter das Viererfeld in der Stadt Bern, worüber am 5. Juni abgestimmt wird.

Unlautere Nein-Argumente

Mit der Genehmigung des Richtplans durch den Bundesrat ist ein Grossteil der Einsprachen gegen die Zonenplanänderung hinfällig geworden. Die Einsprechenden beklagen einen Verstoss gegen das Einzonungsmoratorium im Kanton Bern, das mit dem Inkrafttreten des Richtplans aber nicht mehr gültig ist. Da der Kanton nun über einen Richtplan verfügt, müssen für das Vierer- und das Mittelfeld auch keine Bauzonen in ländlichen Gebieten mehr ausgezont werden. Rechtlich gesehen gibt es also keine grundlegenden Einwände gegen die Einzonungen von Vierer- und Mittelfeld mehr. Was auf juristischer Ebene noch geschieht, muss daher als Verzögerungsmanöver betrachtet werden.

Damit rückt die politische Auseinandersetzung in den Vordergrund. Hier zielen die Gegner der Vorlage mit zum Teil unlauteren Argumenten direkt auf die Emotionen. Zu den unlauteren Argumenten gehören etwa die Behauptungen betreffend die Alleen und die Familiengärten, die angeblich gefährdet seien. Die Alleen im Viererfeld werden nicht gefällt. Die Familiengärten werden nicht aufgehoben. Für sie ist Ersatz im Bereich der Grünfläche geplant, die rund die Hälfte des Viererfelds einnehmen wird. Die unlauteren Argumente stammen vor allem von direkten Anwohnern und Nutzern. Die Emotionalität der Argumentation ist daher nachvollziehbar.

Ideologische Spielchen

Weniger nachvollziehbar sind die platten Argumente der links-grünen und der bürgerlichen Gegner der Vorlage. Wer das Viererfeld mit dem Hyde Park in London vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Die Parks in grossen Städten sind Naherholungsgebiete, auf denen vielfältigste Aktivitäten möglich sind. Die einzigen Aktivitäten auf dem Viererfeld hingegen sind dem Landwirt vorbehalten, der jeweils per Traktor aus Bern-West anfahren muss. Das Argument der links-grünen Gegner verkehrt sich somit in sein Gegenteil: Wer der Länggasse einen Hyde Park schenken möchte, müsste der Vorlage und dem darin vorgesehenen Stadtpark eigentlich zustimmen. Absolut enttäuschend ist die Argumentation der bürgerlichen Gegner.

Der Streit um die Parkplätze und um den Anteil des gemeinnützigen Wohnungsbaus wird völlig überbewertet. Dass eine wirtschaftsfreundliche Partei wie die FDP gegen den Bau eines neuen Quartiers für 3000 Einwohner eintritt, ist unverständlich. Der Bau von maximal 0,5 Parkplätzen pro Wohnung ist selbst in bürgerlich dominierten Agglomerationsgemeinden nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die rot-grüne Kompromisslosigkeit bei der Durchsetzung der Auflagen im Stadtrat ist zwar ärgerlich, aber kein ausreichender Grund für ein Nein zu einem derart grossen Entwicklungsschritt für die Stadt. Das Hauptanliegen der Bürgerlichen ist wohl ein politisches: Es geht darum, der rot-grünen Mehrheit im Wahljahr eine Niederlage zu bereiten. Die Vorlage ist aber zu wichtig, um als Gegenstand ideologischer Spielchen missbraucht zu werden.

Einmalige Chance

Trotz der Schwäche der Gegner darf man die emotionale Wirkung ihrer Argumente nicht unterschätzen. Diese Abstimmung ist nicht gewonnen. Es wäre nun aber falsch, wenn sich die Befürworter aufs argumentative Niveau der Gegner begeben würden. Dann müssten sie für den Fall eines Neins zur Vorlage den wirtschaftlichen Niedergang der Hauptstadt in den düstersten Farben prophezeien. Daher bleibt nichts anderes übrig, als auf die Kraft des besseren Arguments zu vertrauen: Wer die Zersiedelung bekämpfen will, muss Ja zum Viererfeld sagen. Es ist besser, eine Wiese im Siedlungsgebiet zu überbauen als am Rand von Jegenstorf. Verdichtungen im Siedlungsbestand sind «Detailhandel» und daher keine Alternative, sondern eine Ergänzung zum Viererfeld.

Und, last but not least: Im Viererfeld entstehen nicht bloss Wohnungen, wie dies in Brünnen der Fall war. Es entsteht ein neues Quartier mit Beizen, Läden, Gewerbe und Schulen. Eine solche Chance gibt es nicht so rasch wieder. (Der Bund)

Erstellt: 21.05.2016, 07:32 Uhr

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