«Es gab Bedenken, dass die Reitschule auf die Schütz expandiert»

Zahlreiche Einsprachen drohen die Belebung der Berner Schützenmatte zu stoppen. Ein Streitpunkt ist der Lärm.

Wissen nicht, wie es weitergeht: Die Platzwarte Kevin Liechti (links) und Christoph Ris im Zelt auf der Schützenmatte.

Wissen nicht, wie es weitergeht: Die Platzwarte Kevin Liechti (links) und Christoph Ris im Zelt auf der Schützenmatte.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Herr Ris, auf der Schütz werden weiterhin Drogen verkauft, und kürzlich gab es wieder Krawalle. Offenbar hat die von Ihnen organisierte Belebung der Schützenmatte die Sicherheit nicht verbessert.
Wir sind erst seit Oktober für die ganzjährige Belebung des Platzes verantwortlich. Zu erwarten, dass sich die Sicherheit auf diesem schwierigen Platz in so kurzer Zeit spürbar verbessert, ist etwas naiv.

Für Gastro-Betriebe auf der Schütz gelten andere Regeln als für die Pop-up-Bars in der Stadt, die jeweils nur für ein paar Monate bewilligt werden. Ist das nicht unfair?
Ich kann durchaus nachvollziehen, wenn sich einzelne Pop-ups daran stören. Aber die Belebung der Schützenmatte ist eben auch ein politisches Projekt. Hier eine Bar zu betreiben, ist nicht dasselbe wie auf dem Münsterplatz.

Nun sind gegen Ihr Projekt zahlreiche Einsprachen eingegangen. Was bedeutet das für die Belebung des Platzes?
Für uns ist es eine schwierige Situation. Da unser Baugesuch für eine dreijährige Zwischennutzung nicht bewilligt wird, reichen wir jeweils Einzelbewilligungen ein. Ob ohne bewilligtes Baugesuch weitere solche Bewilligungen ausgestellt werden können, wissen wir nicht. Im schlimmsten Fall verfügen die Behörden im Juli den Abbau der Infrastruktur. Die von der Stadt seit Jahren gewollte Belebung des Platzes wäre damit gescheitert.

Realistisch ist das aber wohl nicht. Sie haben den Rückhalt von Gemeinde- und Stadtrat.
Wir wissen schlicht nicht, wie es weitergeht. Und für uns ist diese Unsicherheit extrem mühsam. Es ist unmöglich, so länger als ein paar Monate im Voraus zu planen, geschweige denn ein seriöses Budget aufzustellen. Ohne Planungssicherheit können wir den Platz nicht sinnvoll beleben.

Nach einem halben Jahr denken Sie bereits ans Aufgeben?
Eigentlich sollten wir jetzt den Herbst planen, stattdessen sind wir nonstop beschäftigt mit Behörden, Bussen, Einsprachen und Besprechungen. Der einzige Grund, warum wir weitermachen, sind die Menschen, die sich diesen Sommer auf der Schütz engagieren, am Aufbauen sind und den Platz beleben wollen. Ihnen gegenüber haben wir eine Verantwortung. Was danach kommt, ist völlig unklar – auch ob wir dann noch dabei sind.

Sie könnten aber auch einfach auf Konzerte und Partys auf der Schütz verzichten. Die Einsprecher würden dann wohl ihre Einsprachen zurückziehen.
Wenn wir gar keine Konzerte mehr veranstalten können, dann hat man am Ende einfach eine Sauf- und Fressmeile auf dem Platz. Das entspricht überhaupt nicht unserem Konzept einer möglichst vielfältigen Belebung.

«Im schlimmsten Fall verfügen die Behörden im Juli den Abbau der Infrastruktur»

Wer trägt die Verantwortung, falls die Schützenmatte-Belebung scheitert?
Verantwortlich ist letztlich der Gemeinderat. Wir versuchen lediglich unser Konzept umzusetzen, für das uns Stadt und Gemeinderat den Zuschlag erteilt haben.

Ein Einsprecher sagte gegenüber dem «Bund», dass Sie der Gemeinderat wider besseres Wissen in eine Sackgasse laufen liess.
Das sehen wir nicht so. Der Gemeinderat und die Stadt bemühen sich sehr um die Belebung der Schütz und stehen klar hinter dem Projekt. Da fast alle Direktionen involviert sind, hapert es manchmal mit der Kommunikation. Man wartet dann zum Beispiel monatelang darauf, dass die Stadt endlich Abfallcontainer auf den Platz stellt. Für uns unverständlich ist auch, dass wir zwar von Abfallgebühren befreit sind – schliesslich ist es ein öffentlicher Platz –, jedoch fürs Glasrecycling zahlen müssen. Das führt dann dazu, dass uns die Verwaltung rät, einfach aufs Recycling zu verzichten.

Das Hauptproblem ist aber nach wie vor das nicht bewilligte Baugesuch. Warum wurde es denn erst so spät eingereicht?
Dass sich der Gemeinderat mit dem Gewerbeverband als Einsprecher gegen die Aufhebung der Parkplätze so schnell einigte, kam überraschend. Den Zuschlag für unser Konzept bekamen wir zwei Monate vor Projektbeginn. Erst zehn Tage vorher hat der Stadtrat das Budget abgesegnet. Das Baugesuch konnte erst dann eingereicht werden. Andererseits: Hätte man es früher eingereicht, wäre der Platz wohl jetzt einfach leer. Das System Baugesuch eignet sich nicht wirklich für Experimente und eine partizipative, dynamische Belebung des Platzes.

Die Einsprecher stören sich aber vor allem am Lärm. Haben Sie es übertrieben?
Wir haben schon jetzt viele Zugeständnisse gemacht. So dauern unsere Konzerte nie länger als Mitternacht, und die Sonntagsruhe wird strikt eingehalten. Ich habe vollstes Verständnis für Leute, die sich in der Nacht durch Lärm gestört fühlen. Aber wenn uns Anwohner sagen, dass sie wegen lauter Bässe um vier Uhr nicht schlafen können, fühlen wir uns nicht zuständig, weil wir um diese Uhrzeit schon lange geschlossen haben. Aber wir sind halt die Einzigen, die ansprechbar sind und zur Rechenschaft gezogen werden können.

«Wir haben schon jetzt viele Zugeständnisse gemacht»

Die Anwohner auf der gegenüberliegenden Aareseite sind hässig auf den Gemeinderat. Er hat jahrelang nichts gegen die Bässe der illegalen Bars auf dem Vorplatz unternommen. Im Gegenzug verhindern sie nun die von ihm gewollte Schützenmatte-Belebung.
Das sehen wir ähnlich. Die Einsprecher schneiden sich aber auch ein bisschen ins eigene Fleisch, wenn sie uns verhindern. Denn im Gegensatz zu den anderen übernehmen wir Verantwortung und sind ansprechbar. Wenn wir nicht mehr auf dem Platz sind, wird das Vakuum von jemand anderem gefüllt.

Dann wäre es doch auch in Ihrem Interesse, wenn der Gemeinderat gegen die Bars auf dem Vorplatz vorgehen würde? Letztlich verhindern diese doch eine geregelte Belebung der Schütz.
Die Bars auf dem Vorplatz einfach zum Schweigen zu bringen, kann auch nicht die Lösung sein. Die Bewegung rund um «Tanz dich frei» und die Verfügungen vom Regierungsstatthalter gegen die Reitschule damals haben gezeigt, dass die Berner Jugend ein hartes Durchgreifen auf dem Vorplatz nicht einfach so hinnehmen würde. Wenn die Kids endlich einen Jugendraum hätten, würde sich das Lärmproblem vielleicht etwas entschärfen. Der letzte Anlauf, einen solchen Raum zu schaffen, ist bekannterweise kürzlich gescheitert. Mit der vor kurzem erfolgten Ankündigung des Gemeinderats, einen solchen Jugendraum auf der Grossen Schanze zu schaffen, besteht hier zum Glück auch etwas Hoffnung.

Der geplante Jugendraum an der Nägeligasse wurde zum Teil von denselben Einsprechern zu Fall gebracht, die jetzt auch Ihr Projekt blockieren.
Die ganze Diskussion um Lärm ist in einer wachsenden Stadt ein grundsätzliches Problem. Das Gesetz gewichtet das Lärmempfinden einzelner Personen mehr als das öffentliche Interesse nach einem Jugendclub oder der Belebung eines leeren Parkplatzes. Es braucht endlich die Kommunalisierung des Gastgewerbegesetzes: Die Stadt soll selber entscheiden können, was auf Stadtboden bewilligt werden kann.

Womöglich haben aber viele Einsprecher auch ein Problem damit, dass Sie in der Reitschule aktiv sind?
Am Anfang waren sicher Bedenken vorhanden, dass die Reitschule nun auf die Schütz expandiert. In Gesprächen mit den Anwohnern hat sich dann aber gezeigt, dass dies kaum Probleme darstellt.

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