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Er führte die Redaktion ruhig durch unruhige Zeiten

Konrad Stamm, ehemaliger Chefredaktor des «Bund», ist 75-jährig gestorben. Ein Nachruf.

Iris Andermatt

Als Chefredaktor und Mitglied der Geschäftsleitung führte Konrad Stamm den «Bund» von 1995 bis 2000 – mit ruhiger Hand in unruhigen Zeiten, unter steigendem Konkurrenzdruck und nach mehreren Wechseln in den Besitzverhältnissen des Verlags. Es gelang ihm, viel vom Geist hinüberzuretten, der in ruhigeren Fahr­wassern in der Redaktion geherrscht hatte. Als «verschworene Gemeinschaft» pflegte einer seiner Vorgänger, Paul Schaffroth, diese Redaktion zu bezeichnen. Unter Schaffroths Leitung begann 1967 Stamms lange «Bund»-Laufbahn, als freier Mitarbeiter noch während des Geschichts­studiums, dann als Redaktor (und vielfach Reporter) zunächst im Ressort Ausland, danach Inland. Seine Doktorarbeit über «Die guten Dienste der Schweiz», also die aktive Neutralität, gab ihm für beides eine solide Grundlage.

Ab 1977 leitete Stamm die Inland­redaktion; er tat dies nach innen und aussen im Geist des Liberalismus, den er als Haltung verstand, nicht als Doktrin. Er profilierte sich mit prägnanten, sachlichen Kommentaren und Leitartikeln sowie kundigen Berichten aus dem Bundeshaus – besonders aus dem Aussendepartement, wo ihm manch einer gern Interna zusteckte. Zusätzlich übernahm er verschiedene Aufgaben in der Gesamtredaktion, ab 1989 auch als stellvertretender Chef­redaktor. Daneben machte er militärisch Karriere bis zum Major im Nachrichtenwesen.

Als die «Neue Zürcher Zeitung» 1995 die Federführung beim Verlag übernahm, berief sie Konrad Stamm zum Chefredaktor; mit seiner seriösen Art passte er gut zur NZZ und zu deren Absicht, den «Bund» als in der Bundesstadt verankerte Regionalzeitung zu festigen. Als Geschäftsleiter setzte sie J. Pepe Wyss ein; in einer Würdigung beschreibt dieser Stamm als «fairen, ehrlichen und kompetenten Mitstreiter» und fährt fort: «Zwar hörte seine Kompromissbereitschaft auf, wenn er die Qualitätsansprüche und die Unabhängigkeit der Re­daktion in Gefahr sah oder die liberale publizistische Ausrichtung gefährdet schien oder sich die Grenzen zwischen journalistischer und kommerzieller Berichterstattung nicht ausreichend abzeichneten. Ansonsten aber bot er immer Hand, Aktionen des Verlags zu unterstützen» – mit Rat und Tat.

Die Belastung war enorm, auch wenn Koni Stamm sie sich kaum je an­merken liess; er blieb der freundliche, geduldige, selten und dann sanft mahnende Gesprächspartner – so erlebte ich ihn, als ich damals die Auslandredaktion leitete. Der «Bund» bekam ein neues Erscheinungsbild und richtete in Biel eine Zweigredaktion ein; zwar konnte sich die Zeitung im Markt halten, indes ohne genügende Erträge. Auch die NZZ konnte und wollte auf Dauer keine Verluste tragen, und so blieben Stamm «Sparübungen» nicht erspart. Dass dabei auch Ent­lassungen nötig wurden, machte ihm persönlich schwer zu schaffen; er war weit sensibler, als seine beherrschte Haltung zunächst erahnen liess.

Auch gesundheitliche Probleme veranlassten Stamm, auf Ende 2000 die Leitung der «Bund»-Redaktion auf­zugeben. Er übernahm bei der NZZ in Geschäftsleitung und Chefredaktion verschiedene Aufgaben, auch beim für ihn neuen Medium Fern­sehen: Er betreute die Sendung «NZZ Standpunkte». 2007 liess er sich leicht frühzeitig pensionieren, namentlich um lang gehegte Buchpläne zu verwirklichen.

Konrad Stamms schriftstellerische Ader hatte ihn schon lange zu Kurzformen greifen lassen, zu aphoristischen Streiflichtern und munteren Limericks, mit denen er seinen Freundeskreis erfreute. Auch Privates, Kondolenzbriefe etwa, konnte in gestochen klarer Handschrift literarische Qualitäten annehmen. Nach der journalistischen Laufbahn widmete Stamm sich seinem erlernten Metier des Historikers, ohne dabei das Handwerk des Zeitungsschreibers zu vergessen. Es entstanden drei magistrale, gut lesbare biografische Werke von je etwa 400 Seiten, zunehmend der schweren Krankheit abgerungen.

Das erste galt «Marokko-Müller», einem abenteuerlustigen Schweizer Obersten, der Anfang des 20. Jahr­hunderts für den Sultan eine Armee aufzubauen versuchte. Es folgte «Der ‹grosse Stucki›» über den Minister (Gesandten) Walter Stucki, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Schweiz aus der handelsdiplomatischen Isolation hinauslotste. Die Krönung bildete «Minger – Bauer – Bundesrat» über den legendären Landesvater. Es war Konrad Stamm eine grosse Genug­tuung, dieses Werk 2017 noch vollenden zu können. Am 23. September 2019 ist er gestorben.

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