Zahnärzte reizten Spielraum aus

Der Kanton verpflichtet Zahnärzte zu mehr Kostenbewusstsein bei Sozialhilfeempfängern. Sozialdienste reagieren vorerst skeptisch, die Zahnarztgesellschaft gelobt Besserung.

Es gibt eine Lösung bezüglich der Zahnarztkosten in der Sozialhilfe. (Symbolbild)

Es gibt eine Lösung bezüglich der Zahnarztkosten in der Sozialhilfe. (Symbolbild)

(Bild: Jerome Depierre (Archiv))

Christoph Aebischer@cab1ane

Vernachlässigt ein Sozialhilfeempfänger seine Zähne, verwirkt er damit das Anrecht auf deren Sanierung. Er hat die günstigste wirksame Behandlung zu akzeptieren, also beispielsweise den Zahn zu ziehen. Wer achtgibt, kann zwar keinen Luxus, aber mehr als die Minimallösung erwarten. Daran sollen sich Zahnärzte im Kanton Bern künftig halten. Denn die Behandlungskosten von Sozialhilfeempfängern übernimmt der Staat.

Nach längerem Kräftemessen legen die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) und die bernische Sektion der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO Bern) ihren Streit um die angemessene Abgeltung bei, wie sie gestern in einer gemeinsamen Mitteilung kundtaten. Der Kanton akzeptiert nun definitiv die höheren Tarife, verschärft aber zugleich die Kontrolle. GEF-Direktor Pierre Alain Schnegg (SVP) geht davon aus, dass sich so Mehrkosten vermeiden lassen. «Andernfalls müssen die Zahnärzte im übernächsten Jahr einen Rabatt gewähren», sagt er. Ab wann dieser fällig wird und wie hoch er ausfällt, ist in der Vereinbarung im Detail geregelt.

«Zwischen Offerte und dem bewilligten Betrag klafft oft eine erhebliche Differenz»Pierre Alain Schnegg, Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektor

Die SSO Bern erläutert den Mechanismus ihren Mitgliedern in einem gestern versandten Schreiben, das dem «Bund» vorliegt. Als Referenzjahr gilt 2017, also das Jahr vor der Einführung des neuen Tarifsystems. Damals fielen im Kanton Bern Kosten von rund zehn Millionen Franken an für Zahnbehandlungen von Sozialhilfeempfängern, was etwas mehr als 2 Prozent der gesamten Sozialhilfekosten entspricht. Als Folge der neuen Abrechnungsmethode rechnete die GEF mit einem Kostenwachstum von 15 bis 20 Prozent. Nachdem sich 2018 höhere Ausgaben abzeichneten und der Grosse Rat Einsparungen verlangte, zog die GEF die Notbremse. Seit 2019 gelten wieder die alten, tieferen Tarife. Viele Zahnärzte quittierten darauf die Zusammenarbeit mit kommunalen Sozialdiensten (der «Bund» berichtete).

30 Prozent zu teuer

Das engere Korsett hat die SSO Bern selber vorgeschlagen. Eine Analyse der Zahnklinik der Universität Bern zeigt nämlich auf, dass sich die Kosten der offerierten Behandlungen bei näherem Hinsehen im Schnitt um 30 Prozent reduzieren lassen. Die Zahnklinik untersuchte dazu ihre für 18 Gemeinden durchgeführten vertrauensärztlichen Überprüfungen. «Zwischen Offerte und dem bewilligten Betrag klafft oft eine erhebliche Differenz», bekräftigt GEF-Direktor Schnegg. Lorenz Hirt, Sekretär der SSO Bern, gibt sich selbstkritisch: «Zahnärzte müssen disziplinierter werden.»

Meist will der Fachmann laut Hirt einfach das Beste für den Patienten, ihm sind aber auch Fälle bekannt, in denen schlicht der Spielraum ausgereizt wurde. Ab 1. Mai müssen deshalb alle Offerten ab 500 Franken von einem Vertrauenszahnarzt überprüft werden. Bei kommunalen Sozialdiensten führt dies zu Bedenken. Gaby Reber, stellvertretende Leiterin des Sozialamts der Stadt Bern, rechnet mit einer starken Zunahme solcher Überprüfungen und damit auch mit zusätzlichen Kosten: Diese fallen einerseits real für die Expertisen an, anderseits als administrativer Aufwand im Sozialdienst. Reber bezweifelt, dass Schneggs Rechnung aufgeht.

Wegweisend für andere

Regierungsrat Schnegg hingegen ist überzeugt, dass die in Bern entwickelte Lösung auch für andere Kantone interessant sein könnte. Denn die Tariferhöhung betrifft alle. Schnegg geht davon aus, dass die Behandlungsqualität trotz dem strengeren Regime erhalten bleibt. Etwas anders stellt es Lorenz Hirt dar. In Weiterbildungen wolle man nun sämtliche Zahnärzte schulen. Als erfolgreiche Behandlung müsse dabei je nachdem gelten, wenn ein Kunde wieder «schmerzfrei und normal kauen und essen» könne.

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