Eine Männerdomäne wird weiblich

Lange war das Malergewerbe eine Männerwelt. Heute nicht mehr: Im Kanton Bern schlossen in den letzten Jahren mehr Malerinnen als Maler die Lehre ab.

Sie habe sich in all den Jahren auf dem Bau nie dumme Sprüche anhören müssen, sagt Malermeisterin Sandra Hänni.

Sie habe sich in all den Jahren auf dem Bau nie dumme Sprüche anhören müssen, sagt Malermeisterin Sandra Hänni.

(Bild: Adrian Moser)

Mischa Stünzi

Als Sandra Hänni sich vor mehr als 30 Jahren für eine Lehre als Malerin entschied, war der Beruf eine Männerdomäne. Heute machen Frauen schweizweit rund die Hälfte der Lehrabschlüsse aus. In mehreren Kantonen, etwa in Bern, haben die Jungmalerinnen sogar die Oberhand. Trotzdem ist Hänni eine der ganz wenigen Frauen, die ein eigenes Geschäft führen.

Wenn sie heute in ihrem Betrieb in Urtenen-Schönbühl über die Veränderungen in ihrem Beruf spricht, kommt sie zum Schluss: «Die Zeiten haben sich nicht geändert, aber die Frauen.» Sie sieht denn auch bei den Malerinnen eine Mitverantwortung, wenn sie auf dem Bau respektiert werden sollen. «Wenn sich eine Frau die schweren Kübel tragen lässt, ist sie im falschen Beruf. So etwas kommt bei meinen Mitarbeiterinnen nicht vor.»

Obwohl sie auf dem Bau oft die einzige Frau gewesen sei und es dort meist rau zu- und hergehe, habe sie sich nie dumme Sprüche anhören müssen. Einmal habe ein Kunde ihre Malerin gepiesackt. Da sei sie als Chefin hin und habe den Auftrag umgehend abgebrochen. Bei diesem einen Vorfall sei es geblieben.

Viele Frauen steigen aus

Sie habe sich eigentlich nie bewusst für den Malerberuf entschieden, sagt Hänni. «Ich habe mich in der Schule nie mit der Berufswahl beschäftigt, sondern wollte lieber Kind sein, jung sein.» Ein Bekannter habe ihr die Lehre als Malerin empfohlen. So landete die Toggenburgerin in einem noblen Malergeschäft in der Region – als erste Frau überhaupt im Betrieb.

Hänni beschäftigt derzeit zehn Angestellte – rund die Hälfte davon sind Frauen. Als Lernende zieht Hänni Frauen vor. «Malerinnen denken schneller. Das ist mir wichtig. Ich will meinen Leuten die Sachen nicht dreimal sagen.»

Der Kopf sei gleichzeitig ein Grund dafür, dass viele Frauen zwischen 20 und 30 wieder aus dem Beruf aussteigen. Gemäss Hänni können es sich nur wenige vorstellen, ein Leben lang Malerin zu sein. «Einige gründen eine Familie. Aber ganz viele schulen um und wechseln die Branche, gehen zum Beispiel in den Handel oder die Beratung.» Nur weil die Frauen selten bis zur Pensionierung Malerinnen blieben, heisse es bei Verbandssitzungen manchmal, es gebe zu viele Frauen in der Malerausbildung, ärgert sich Hänni.

Mehr Respekt von den Jungen

Tatsächlich fällt auf, dass die Frauen zwar bei der Grundausbildung in der Überzahl sind. Auf Stufe Meisterprüfung überwiegen aber die Männer nach wie vor deutlich. Und Malerinnen mit eigenem Geschäft sind eine absolute Rarität. Hänni erzählt dazu eine Anekdote: Vor zwei, drei Jahren habe sich eine Freundin und ehemalige Angestellte selbstständig gemacht. Mehr aus Jux habe sie ihr gesagt: «Schau doch mal, ob www.malermeisterin.ch noch zu haben ist.» Und tatsächlich war die prominente Domain noch nicht vergeben.

Es sei nicht immer einfach, als Frau eine Malerei zu führen, erklärt die Patronne. «Es gibt diesen Schlag Mann, meistens ältere, konservative Männer. Die diskutieren jedes Mal mit mir über die Rechnung, versuchen den Betrag zu drücken oder zahlen lange nicht. Denen sage ich immer: ‹Gell, wenn ich ein Mann wäre, würdest du nicht so mit mir umgehen.› Am Ende des Tages musste ich aber noch nie eine Mahnung schreiben.» Neulich habe sie einen befreundeten Schreiner gefragt, ob er mit diesem oder jenem Mann auch schon Probleme gehabt habe. Natürlich habe er solche Schwierigkeiten nicht gekannt.

Immerhin zeichnet sich laut Hänni eine Besserung ab: Unter Handwerkerkollegen erfahre sie in der Regel vom Juniorchef mehr Respekt als vom Senior. «Die Jungen suchen viel eher meinen Rat als ihre Väter.»

«Ansehen ist eher gestiegen»

Je höher der Frauenanteil in einem Beruf ist, das zeigen Analysen, desto tiefer sind in der Regel das Ansehen und die Löhne (siehe Text unten). Als Beispiele werden gerne der Lehrer- und der Pfarrerberuf erwähnt, beides einst Männerdomänen mit hohem Ansehen und stattlicher Entlöhnung. Beide werden heute oft von Frauen ausgeübt und geniessen bei weitem nicht mehr das Renommee von früher.

Wie beurteilt die Malermeisterin die Entwicklung in ihrem Berufsstand? Hat das Ansehen der Maler in den letzten Jahren gelitten? Im Gegenteil, sagt Hänni. «Ich glaube, bei den Malern ist es sogar eher umgekehrt.» Bei den Kunden und vor allem den Kundinnen kämen Malerinnen sehr gut an. Sie glaube auch, dass häufiger und in Sachen Farben mutiger gestrichen werde, seitdem mehr Frauen im Beruf seien. Männer führten in der Regel einfach aus, was der Kunde bestellt. Frauen dagegen würden die Kunden stärker beraten.

Die Löhne im Malergewerbe seien zwar niedrig, aber vergleichbar mit anderen Handwerkern. Klar verdiene ein Maurer besser, dafür sei sein Job auch anstrengender, sagt Hänni. Montage-Elektriker dagegen haben im Gesamtarbeitsvertrag den etwas tieferen Mindestlohn festgeschrieben als die Maler.

Und wie hält es Hänni im eigenen Betrieb mit der Lohngleichheit? «Wir hatten vor fünf Jahren jemanden hier, um unsere Löhne zu durchleuchten. Dabei kam heraus, dass bei mir die Frauen sogar etwas besser verdienen als die Männer.»

«Eine richtige Krampferin»

Letztlich brauche es im Beruf aber beide Geschlechter, betont Hänni. «Einem Mann kannst du eine Fassade geben, bei der er eine Woche lang schleift und schmutzig wird und danach wieder etwas Neues aufbauen kann. Frauen übernehmen dagegen lieber Pinselarbeiten.» Ist das nicht etwas klischeehaft? Hänni überlegt. «Ja, das ist es vielleicht. Aber in der Regel stimmt es», antwortet sie dann.

Und wie um die Regel mit einer Ausnahme zu bestätigen, schwärmt sie zum Abschluss von einer ehemaligen Angestellten, die nun selbstständig ist: «Die ist eine richtige Krampferin, zäh und stark, was man ihr auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Wenn die etwas will, macht sie es einfach – auch mal eine ganze Fassade im Alleingang.»

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