Eine Frage der Gleichstellung

Im Fall der vom Berner Inselspital entlassenen Ärztin Natalie Urwyler geht das Gericht von einer Rachekündigung aus. Ein Bericht zeigt: Das ist ein seltener Fall.

Im Fall Urwyler muss das Inselspital nachgeben.

Im Fall Urwyler muss das Inselspital nachgeben.

(Bild: Manu Friedrich)

Noch hat die Insel-Gruppe nicht bekannt gegeben, ob sie das Urteil im Fall der entlassenen Ärztin Natalie Urwyler an das Bundesgericht weiterzieht. Sowohl das Regional- als auch das bernische Obergericht gaben der Ärztin recht: Die Insel-Gruppe muss die Kündigung aufheben. Die Grundlage für das Urteil bildet das Gleichstellungsgesetz. Dessen Artikel 10 schützt Angestellte, welche sich gegen Diskriminierung wehren: Reicht eine angestellte Person im Betrieb eine Diskriminierungsbeschwerde ein, darf ihr während einer gewissen Zeit nicht gekündigt werden. Genau dies hatte das Inselspital aber getan.

Es hatte im Juni 2014 die Kündigung ausgesprochen, obwohl Urwyler vier Monate vorher eine Beschwerde eingereicht hatte. Ihr Vorwurf: Diskriminierung des weiblichen Geschlechts und Verhinderung ihrer akademischen Karriere. Zuvor hatte das Spital der Ärztin, die Mutter geworden war, den Antrag um Pensenreduktion von 100 auf 80 Prozent sowie um Urlaub abgelehnt.

Bei einer Kündigung trotz hängiger Beschwerde ist gemäss Artikel 10 von einer Rachekündigung auszugehen. Die Insel-Gruppe hätte diese Annahme widerlegen und einen begründeten Anlass für die Entlassung vorlegen müssen, damit das Gericht diese akzeptiert hätte. Das ist ihr laut dem Gericht nicht gelungen. Das gestörte Vertrauensverhältnis, das die Insel-Gruppe geltend machte, hat gemäss dem Urteil schon viel früher bestanden und sei somit kein dringlicher Kündigungsgrund. Die Urteile zeigen, dass sich schon seit längerer Zeit Konflikte angestaut hatten.

Ein seltener Fall

Babette Sigg, Präsidentin der CVP-Frauen und Präsidentin des Konsumentenforums kf hat den Fall von Beginn an verfolgt: «Es freut mich sehr, dass das Obergericht das erste Urteil bestätigt hat und dass der Fall bekannt wurde.» Das werde Folgen haben, denn es zeige, dass es schwieriger werde für Unternehmen, wenn sie sich bezüglich Diskriminierung nicht korrekt verhielten.

Dass sich Rechtsfälle zum Thema Gleichstellung um Rachekündigungen drehen, ist allerdings selten. Das zeigt ein Forschungsbericht, den das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann vor einem Jahr herausgegeben hat. Die darin enthaltene Analyse von 190 kantonalen Gerichtsentscheiden nach dem Gleichstellungsgesetz zeigt: In 12 dieser Entscheide ging es um den Artikel 10. Und in 11 dieser 12 Fälle sei das Vorhandensein einer Rachekündigung verneint worden. So hätten zum Beispiel in fünf Fällen die Gerichte die Ansicht vertreten, die Kündigung beruhe auf einem begründeten Anlass. Die Analyse der Gleichstellungsfälle zeigt aber auch: Die Gesundheitsbranche ist besonders oft betroffen, und oft geht es um Klagen wegen Lohndiskriminierung.

Zum konkreten Fall im Inselspital nimmt die Ärzteverbindung FMH nicht Stellung. Für den Verband sei die Gleichstellung aber allgemein ein wichtiges Thema, sagt Yvonne Gilli vom FMH-Zentralvorstand. Gemäss Angaben der FMH liegt der Frauenanteil bei den Medizindiplomierten inzwischen bei über 60 Prozent. Die Verantwortungsträger in den Spitälern seien aber weiterhin meist männlich. Laut Gilli ist einerseits Sensibilisierung nötig und andererseits die Möglichkeit für ein besseres Nebeneinander von Beruf- und Familienleben.

Es stimme zwar, so Gilli, dass es während der Aus- und Weiterbildung wichtig sei, viel Erfahrung zu sammeln. Dafür müssten aber nicht möglichst viele Arbeitsstunden angehäuft werden, sondern es seien gezielte und strukturierte Ausbildungsprogramme nötig. Gilli berichtet von ihrer Erfahrung am Royal Free Hospital in London, wo schon in den 1980er-Jahren gezielt Frauen in Kaderpositionen gefördert und berücksichtigt worden seien. «Es geht, wenn man es will», so Gilli.

Verbesserungen wahrgenommen

Beim Verband schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte sind Gleichstellungsfragen unabhängig vom Fall Urwyler schon länger ein Thema, weil es immer mehr Ärztinnen gebe, teilt die Geschäftsstelle der Sektion Zürich auf Anfrage mit. Da Frauen langsam in Führungsfunktionen drängten und einen Kulturwandel herbeiführten, nehme man auch Verbesserungen wahr. Und weil mit zunehmendem Ärztemangel nicht auf Ärztinnen mit Kindern verzichtet werden könne, bestehe mehr Verhandlungsspielraum. Handlungsbedarf gebe es aber etwa noch bei den langjährigen, immer wieder befristeten Anstellungen und beim Mutterschaftsschutz.

DerBund.ch/Newsnet

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