«Ein Mensch ist ein Mensch. Und ein Tier ist ein Tier»

Radikalen Tierschützern gehe es nicht um das Wohl des Tieres, sondern bloss ums Ego, sagt der Direktor des Tierparks Dählhölzli. Die Forderung nach Grundrechten für Tiere sei dem Tierwohl alles andere als zuträglich.

Bernd Schildger nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die «Enttierung» der Tiere geht.

Bernd Schildger nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die «Enttierung» der Tiere geht.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Herr Schildger, essen Sie Fleisch?
Ja. Ich achte aber auf regionale Produkte, die nicht industriell produziert werden. Das auch, weil dieses Fleisch einfach besser schmeckt.

Aber Tiere empfinden doch auch Schmerz?
Ich stelle ja nicht infrage, dass das Töten von Tieren mit Schmerz verbunden ist. Aber es gibt einfach keine logische Erklärung für ein Leben ohne Tod.

Sind Gnadenhöfe für Nutztiere keine Alternative zum Tod beim Metzger?
Ich bin mir nicht sicher, ob Gnaden­höfe in Wahrheit nicht eher dem Menschen dienen als dem Tier. Dient es denn einem in Gruppen lebenden Nutztier wie dem Schwein, jahrelang auf einem Gnadenhof in Einzelhaltung dahinzusiechen?

Also muss von Fall zu Fall entschieden werden, ob das Töten von Tieren sinnvoll ist oder nicht?
Ja, diese Mühsal nimmt uns niemand ab. In der Gratispresse war jüngst von der Empörung zu lesen, welche die Erschiessung einer angefahrenen Katze hervorgerufen hat. Die Polizei sah sich genötigt, ein medizinisches Bulletin des Gesundheitszustandes des Tieres zu publizieren. So wurde selbst dem Laien klar, dass der Polizist das Tier von seinen Leiden erlöst hatte. Die Vertreterin einer Tierschutzorganisation sagte aber, sie gehe nicht davon aus, dass der Polizist fachkundig genug gewesen sei, die Katze zu töten. Sie wies darauf hin, dass der Halter der Katze oder das Veterinäramt Anzeige erstatten könnten.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch «Mensch, Tier!», unser Verhältnis zum Tier habe sich in etwas ­Transzendentes verwandelt. Ist diese Geschichte ein Beispiel dafür?
Genau. Denn in der Realität hat der Polizist grosses Einfühlungsvermögen für das Tier bewiesen. Das wird aber sach- und fallkenntnisfrei transzendiert in ein potenzielles Verbrechen.

«Gott beschütze uns vor Dogmatikern,die genau wissen, was richtig ist.So funktioniertdie Welt nicht.»

Ist die Forderung nach Grundrechten für Tiere denn unberechtigt?
Das sage ich nicht. Aber was hat das Tier davon, wenn man ihm in dieser Situation Grundrechte attestiert? Leiden und Quälerei. Die Vertreterin der Tierschutzorganisation hätte es vorgezogen, dass man die Katze mit herunterhängendem Auge, offener Bauchhöhle und mehreren Knochenbrüchen zum Tierarzt transportiert hätte. Der hätte das Tier ohnehin euthanasieren müssen.

Tiere haben demnach nicht dieselben Grundrechte wie Menschen?
Welches Tier hat denn das Grundrecht? Das Zebra oder der Löwe? Die Maus oder die Hauskatze? Wer Tieren Grundrechte attestiert, will primär sich selber ­besser fühlen. Er erhebt sich über das Tier, indem er diesem generöserweise dieselben Rechte attestiert wie dem Menschen.

Der Tierphilosoph Markus Wild ­vergleicht den Hund mit behinderten Menschen oder Kleinkindern. Er sagt, der nicht behinderte Mensch habe ihnen allen gegenüber eine «Garantenposition».
Diese These ist uralt. Zudem stammt sie nicht von ihm, sondern vom australischen Philosophen Peter Singer. Der Hund wird noch lange nicht zum Menschen, wenn er in irgendeinem Aspekt seines Wesens dem Menschen ähnelt. Diese These ist abstrus, realitätsfern und tierschädlich. Sie entspringt der arroganten Grundhaltung gnadenloser Speziesisten, auch wenn diese von sich selber behaupten, keine zu sein. Sie wollen von oben herab dem Tier etwas andienen, ohne sich auch nur die geringsten Gedanken darüber zu machen, was denn das Tier eigentlich möchte.

Tierparkdirektor Bernd Schildger im Berner Bärenpark. Bild: Urs Baumann (Archiv)

Ist Menschenleben wertvoller als Tierleben?
Diese Kategorisierung mache ich nicht. Aber ich bin ein Speziesist. Ein Mensch ist ein Mensch, und ein Tier ist ein Tier. Innerhalb der Tierwelt mache ich wenig Kategorisierungen. Ich gestehe aber, dass ich auf das Leben einer Stech­mücke weniger Rücksicht nehme als auf das Leben einer Katze. Solche Kategorisierungen machen sogar die selbst ernannten Antispeziesisten. Tierphilosoph Markus Wild erniedrigt seinen Hund, einen Wolfsabkömmling, indem dieser Tag für Tag bei ihm im Büro unter dem Tisch liegen muss. Dies legitimiert er mit der abstrusen Behauptung, dass es zwischen Mensch und Hund eine ­Koevolution gebe.

Was soll daran falsch sein?
Der Hund hat überhaupt keine Koevolution mit dem Menschen. Das ist ein Missbrauch des Begriffs Evolution. Die einzige koevolutionäre Entwicklung von Hund und Mensch ist die Fähigkeit des Hundes, die Kohlenhydrate zu verdauen, mit denen er vom Menschen gefüttert wird.

Hunde leisten aber doch auch Dienste als Hirten- oder Drogenhund.
Das zeigt bloss ihre Lernfähigkeit. Aber das ändert nichts daran, dass sie vom Wolf abstammen. Und der Wolf ist keine Tierart, die sich über Jahrmillionen entwickelt hat, um unter Schreibtischen zu leben.

Wollen Sie den Menschen ihre Haustiere vermiesen?
Nein. Dazu fehlt mir der dogmatische Impuls. Gott beschütze uns vor Dogmatikern, die genau wissen, was richtig ist. So funktioniert die Welt nicht. Sie ist komplizierter. Sie spielt sich in Graustufen ab. Es ist problemlos möglich, in unserer Gesellschaft einen Hund so zu halten, dass er Lebensfreude empfindet. Wenn der Hund Familienanschluss und Bewegung hat und ausgewogen ernährt wird, dann wird er sehr wohl hunde­gerecht gehalten.

Obwohl er als Wolfsabkömmling ein Rudeltier ist?
Ja. Das funktioniert aber nicht, wenn man dem Hund Grundrechte attestiert. Wie will man ihm Regeln beibringen, ohne ihn zu berühren und damit seine körperliche Unversehrtheit zu verletzen? Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber was ist denn die Würde des Hundes? Antispeziesisten dürften eigentlich auch die Stechmücke nicht totschlagen. Konsequenterweise müssten sie dafür eintreten, den Erdball von der Existenz der Menschen zu befreien.

«Zoos sollten den Menschen helfen, zu sich selbst zu finden. Der Mensch, der den Zoo verlässt, ist ein besserer Mensch.»

Wie steht es denn mit den Katzen? Sind sie nicht verantwortlich für das Aussterben der Singvögel?
Das Schwinden der Singvögel geht eher auf die intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden zurück. Der perfekteste Eliminator ist der Mensch. Wer von uns achtet denn tagtäglich darauf, keine Produkte mit Palmöl zu verwenden? Insbesondere für Veganer dürfte das eine grosse Herausforderung sein. Durch den Konsum von Palmöl nehmen wir in Kauf, dass der Regenwald verschwindet, der auch für unser Überleben essenziell ist.

Katzen kann man demnach ­bedenkenlos halten?
Ja. Die schweizerische Tierschutzgesetzgebung schreibt vor, dass es dem Tier gut gehen soll. Das reicht.

Was heisst das für Zoos? Der hin und her gehende Leopard im Tierpark Dählhölzli macht nicht gerade einen glücklichen Eindruck.
Das ist vielleicht nicht falsch. Gemäss Tierschutzgesetz ist aber auch eine Fläche von einem Zehntel des bestehenden Geheges ausreichend. Leopardengerecht wäre wohl ein Gehege von der Dimension des Emmentals. Dann würde ihn aber niemand mehr sehen. Die Tiere im Dählhölzli haben nicht überall dieselben Flächen zur Verfügung wie in freier Wildbahn. Es sind Arbeitstiere, wir ­engen sie ein.

Sind die Tiere Angestellte des Zoos, die Umsatz bringen sollen?
Es sind Angestellte. Aber sie dienen sicher nicht der Umsatzsteigerung. Zoos, die etwas taugen, kosten Geld. Der Tierpark kostet zehn Millionen Franken und erwirtschaftet zweieinhalb Millionen.

Fragen der artgerechten Haltung stellen sich sogar bei Fischen. Laut Herrn Wild werden Fische in Aquarien «entmenschlicht».
Damit weist er unfreiwillig auf die grösste Gefahr für das Tier hin: seine «Enttierung». Die Enttierung des Tieres in der Fleischtheke hat verheerende Folgen. Damit wird suggeriert, dass Fischstäbchen und Chicken Nuggets auf den Bäumen wachsen. Das Fleisch ist in Folien verpackt und wird in der Theke rot-blau illuminiert. An der Wand hängt ein Plakat mit glücklichen Kälbern. Das alles hat nichts zu tun mit Fleisch. Früher wurde auf Kreidezeichnungen informiert, von welchem Teil von Kalb, Rind oder Schwein ein Stück Fleisch stammt. Diese Tafeln sind verschwunden.

«Dank Zoos konnten weltweit ganze 13 Tierarten vor dem Aussterben bewahrt werden.»

Diese kognitive Dissonanz hat doch jedes Kind: Es findet Kälbchen süss und isst trotzdem Kalbfleisch.
Das ist eigentlich keine Dissonanz, ­sondern eine Resonanz von etwas, das zusammengehört. Der Mensch war ursprünglich ein Jäger, der das Wild geachtet hat, das er zum Überleben brauchte. Die Indianer sassen um den Büffel herum und dankten der Natur, bevor sie ihn zerlegten. Es wäre sinnvoll, wenn auch wir heute zur Kenntnis nehmen würden, dass wir keine vom Himmel gefallenen göttlichen Wesen sind, sondern Menschlein.

Sie verlangen eine Vergrösserung des Bärenparks. Weil die Bären zu wenig Auslauf haben?
Nein, das ist zu trivial. Im Bärenpark können sich die Bären verhalten wie auf freier Wildbahn. So konnte man Tag für Tag erleben, wie Bärin Björk junge Bären erzieht. Aber die Separierung von Bärenvater Finn war nicht bärengerecht. Sein Abteil war viel zu klein. Zum Glück ist es gelungen, die Familie wieder zusammenzuführen. Für die Bärenhaltung ohne Männchen und ohne Nachzucht reicht der Bärenpark aus. Wenn man aber wieder Jungbären möchte, brauchte man einen grösseren Park.

Die Stadt Barcelona will den Zoo schliessen und in eine Wildstation umwandeln. Haben Sie Angst, bald Ihren Job zu verlieren?
Überhaupt nicht. Ich bin nicht persönlich betroffen, wenn jemand Zoos kritisiert. Die Legitimation des Zoos, die vom einstigen Tierparkdirektor Heini Hediger entwickelt wurde, ist siebzig Jahre alt: Wissenschaft, Arterhalt, Vermittlung und Erlebnis sind zwar okay, aber heute nicht mehr ausreichend. Dank Zoos konnten weltweit ganze 13 Tierarten vor dem Aussterben bewahrt werden. Zoos sollten sich weiterentwickeln.

Wie denn?
Sinnvoll wären engere Kooperationen zwischen Reservaten und Zoos, wie das zum Beispiel bei der Masoala-Halle in Zürich der Fall ist. Auch sollten Zoos dem Menschen helfen, zu sich selbst zu finden. Wer beim Betrachten von Tieren die Zeit vergisst, beruhigt seinen Geist. Der Mensch, der den Zoo verlässt, ist ein besserer Mensch. Zoos können Menschen aber nur dann bewegen, wenn sie den Bedürfnissen der Tiere entsprechen. Daher wird der Tierpark wohl der letzte Zoo sein, der in der Schweiz geschlossen wird.

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