Ein folgenschwerer Routineeinsatz

In «akuter Bedrohung» erschoss die Kantonspolizei am Mittwoch im Schosshaldequartier einen 36-jährigen Berner. Solche Fälle sind in der Schweiz selten – und auch für Polizisten belastend.

Forensiker der Kantonspolizei Zürich waren gestern am Ort der tödlichen Schussabgabe am Kuhnweg in der Stadt Bern.

Forensiker der Kantonspolizei Zürich waren gestern am Ort der tödlichen Schussabgabe am Kuhnweg in der Stadt Bern.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Noah Fend@noahfend

Was normalerweise ein Routineeinsatz ist, endete am Mittwoch in Bern für einen 36-jährigen Mann tödlich. Am späten Nachmittag ging bei der Kantonspolizei Bern die Meldung ein, dass ein Mann aus einer psychiatrischen Institution in der Stadt Bern verschwunden sei. Zwei Polizisten rückten aus und suchten nach dem Mann, der der Polizei bereits bekannt war. Sie hätten «im Zusammenhang mit ihm bereits mehrfach ausrücken müssen», sagt Christoph Gnägi, Sprecher der Berner Kantonspolizei (Kapo). Am gleichen Abend fand die Polizei den Mann im Schosshaldequartier und konnte ihn ansprechen.

So weit, so unspektakulär. «Die Rückführung von Personen, die aus Anstalten verschwinden, ist per se ein ganz normaler Einsatz», sagt auch Adrian Wüthrich, Berner SP-Nationalrat und Präsident des Polizeiverbands Bern-Kanton. Dann aber geriet die Situation offenbar ausser Kontrolle. Sie wurde für die Polizisten «akut bedrohlich», wie die Kapo in einem Communiqué schreibt. Daraufhin setzten die Einsatzkräfte die Dienstwaffe ein. Der Schuss traf den Angehaltenen. Trotz «sofortiger Hilfeleistung und Versorgung» erlag er im Spital seiner Schussverletzung.

Der Mann trug eine Schusswaffe auf sich, die laut Mitteilung von der Polizei anschliessend sichergestellt wurde. «Das macht den Routineeinsatz sofort zur heiklen Herausforderung», sagt Wüthrich.

Vieles ist unklar

Weitere Informationen über den Vorfall waren gestern Abend von der Polizei nicht zu erhalten. Vieles bleibt deshalb unklar. So etwa, wie sich die «akut bedrohliche Situation» genau präsentierte, ob der Schusswaffeneinsatz vermeidbar gewesen wäre, was nun mit den betroffenen Einsatzkräften geschieht, wie der Verstorbene zu seiner Waffe kam oder weshalb er in psychiatrischer Behandlung war.

Fakt ist – und deshalb wollte die Kapo gestern auch nicht mehr dazu sagen: Der Vorfall wird nun extern untersucht. Laut Gnägi wird nach jeder Schussabgabe aus einer Dienstwaffe deren Verhältnismässigkeit geprüft. Je nach Ausgang der Situation erfolgt die Prüfung intern oder von einer externen Stelle. Wegen des tödlichen Ausgangs erfolgt die Prüfung dieses Falls bei externen Experten. So würden der genaue Hergang und die Umstände nun durch die Kantonspolizei Zürich unter der Leitung der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland untersucht. Dass bei solchen Vorfällen externe Polizeistellen mit der Ermittlungsarbeit beauftragt werden, ist üblich.

«Polizisten werden in der Regel nach einem Waffeneinsatz sofort psychologisch betreut.»Markus Mohler, Experte für Polizeirecht

Beim Opfer handelt es sich um einen 36-jährigen, im Kanton Bern wohnhaften Schweizer, der in psychiatrischer Behandlung war. Anwohnerinnen und Anwohner kannten den Mann vom Sehen, wie sie gegenüber dem «Bund» sagten. Wegen laufender Ermittlungen, aus Schutz der Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen und aus Rücksichtnahme auf dessen Angehörige machte die Polizei zum Opfer keine weiteren Angaben.

Belastend trotz Ausbildung

Polizistinnen und Polizisten sind geschult für den Einsatz einer Schusswaffe. Das gehört im Rahmen des staatlichen Gewaltmonopols zu ihrem Job. «Damit ist es Berufsrisiko, die Waffe verwenden zu müssen», sagt Wüthrich. Klar ist aber auch, dass Situationen mit einem Ausgang wie am Mittwoch in Bern auch für die Einsatzkräfte schwierig sind. Nicht zuletzt, weil der Ernstfall in der Schweiz nur sehr selten eintritt. Im Kanton Bern kommt es jährlich zwischen null und vier Mal zu Schussabgaben aus Dienstwaffen der Polizei.

Kommt es zu einer tödlichen Schussabgabe aus einer Dienstwaffe, steht, «bis dieser entkräftet ist, aus rechtlicher Sicht der Vorwurf der vorsätzlichen Tötung im Raum», sagt Wüthrich. Das sei für alle Beteiligten eine schwierige Situation. Genau deshalb, das weiss der erfahrene Jurist und renommierte Polizeiexperte Markus Mohler, «werden Polizeiangehörige in der Regel nach einem Waffeneinsatz sofort psychologisch betreut». Ob die Einsatzkräfte von dieser Betreuung Gebrauch machen, ist allerdings ihnen überlassen.

Gesprächsthema im Corps

Wie Polizistinnen und Polizisten in einer solchen Situation reagieren und das Erlebte verarbeiten, sei sehr unterschiedlich. «Ob sie für eine bestimmte Zeit vom Dienst dispensiert werden, hängt vom Einzelfall ab», so Mohler. Bei den involvierten Einsatzkräften in der Schosshalde wird das gemäss Kapo derzeit evauliert. «Wie es nun bezüglich Dienst weitergeht, muss in Ruhe und unter Berücksichtigung aller Aspekte angeschaut werden», sagt Gnägi.

Dass Einsätze, die tödlich enden und deshalb auch in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlagen, die Arbeit eines gesamten Polizeikorps kurz- oder langfristig beeinflussen, glauben sowohl Wüthrich als auch Mohler indes nicht. Je nach dem könne das Vorgefallene während einer gewissen Zeit Gesprächsthema sein, so Mohler. «Vielfach wird ein solcher Fall danach auch in einer folgenden Weiterbildung mit allen behandelt.»

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