Geometrisches Mittel entscheidet im Berner Jura über Sein oder Nichtsein

Der garantierte Jura-Sitz im Regierungsrat wird speziell berechnet – weil 1986 Spezielles vorgefallen war.

Benjamin Hofstetters Wahl hat 1986 einen Stein ins Rollen gebracht. (Hansueli Trachsel)

Benjamin Hofstetters Wahl hat 1986 einen Stein ins Rollen gebracht. (Hansueli Trachsel)

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Es war ein Jahr der Katastrophen: Am 28. Januar explodierte die amerikanische Raumfähre «Challenger». Am 26. April schmolz in Tschernobyl ein Atomreaktor – und tags darauf fanden im Kanton Bern Wahlen statt. Von den damals noch neun Sitzen im Regierungsrat wurden aber erst sieben besetzt (vier SVP, drei SP). Der zweite Wahlgang am 11. Mai mündete in eine Sensation: Die FDP-Kandidatin Geneviève Aubry aus dem Berner Jura, als Nationalrätin weit herum bekannt, wurde von Benjamin Hofstetter überflügelt. Der Tierarzt aus Reconvilier von der Freien Liste (heute Grüne) war von Aubry als «politischer Nobody» bezeichnet worden.

Nicht zu Unrecht: Im ersten Wahlgang hatte Aubry 59 369 Stimmen erhalten, Hofstetter bloss 40 130. Im zweiten Anlauf kam Hofstetter auf 68 054, Aubry bloss auf 60 391 – obschon die Freisinnigen im Berner Jura mit 7339 Stimmen fast doppelt so viele bekommen hatte wie Hofstetter (3813). Weil Leni Robert, Aushängeschild der Freien Liste, den zweiten FDP-Kandidaten (Charles Kellerhals) ebenfalls schlug, war die Katastrophe für die Bürgerlichen perfekt: Vier Jahre lang trauerten sie der verlorenen Mehrheit nach.

Welches Modell darfs denn sein?

Danach wurden – wen wunderts? – Stimmen laut, die ein Verfahren forderten, das den Volkswillen des Berner Jura besser zur Geltung bringen sollte. Dabei ging es nicht um die Sitzgarantie: Eine solche war bereits 1950 in der Verfassung verankert worden – notabene für zwei Sitze. 1978 reduzierte sich die Garantie auf einen Sitz (weil aus einem Teil des Berner Juras der Kanton Jura wurde). Und: Dass der Jura-Vertreter von der Wählerschaft des gesamten Kantons bestimmt wurde, hatte vor 1986 nie Probleme verursacht. Die Gewählten aus dem Jura hatten jeweils im Kanton wie auch in ihrer Region die Stimmenmehrheit erhalten.

Angestossen durch drei Motionen, erarbeitete die Staatskanzlei einen Bericht zu einem neuen Wahlmodus. Ein neues Wahlmodell müsse allgemein verständlich und einfach zu handhaben sein, heisst es darin. Am einfachsten wäre es gewesen, den Berner Jura allein entscheiden zu lassen, also einen speziellen Wahlkreis zu bilden. Doch damit wäre das Prinzip der Mehrheitswahl aufgegeben worden. Denn auf diese Weise «läge der Entscheid bei einer Minderheit, und dies wäre stossender als der Entscheid der Mehrheit», steht im Bericht. Das hiess: Nebst dem zwar höher gewichteten Wählerwillen im Berner Jura musste auch jener des gesamten Kantons berücksichtigt werden. Doch wie? Es gab Vorschläge, die bestechend einfach zu sein schienen, aber doch gewisse Nachteile hatten: Werden die Jura-Stimmen doppelt gezählt, ist der Effekt unter Umständen zu gering (Aubry wäre trotzdem nicht gewählt worden); wird der zweite Wahlgang für Jura-Wähler reserviert, ist es demokratiepolitisch etwas problematisch.

Das einfache Mittel genügt nicht

Die Experten einigten sich schliesslich auf ein System, das auf dem Prinzip des geometrischen Mittels beruht. Dabei werden die Stimmen, die ein Jura-Kandidat im Berner Jura erzielt, mit jenen multipliziert, die er im ganzen Kanton erhält. Um eine handliche Zahl präsentieren zu können, wird aus dem Ergebnis noch die Wurzel gezogen (wobei dies nichts mehr an der Sache ändert). Diese Berechnung führt zum sogenannten geometrischen Mittel. Dieses bringt andere Ergebnisse hervor als das arithmetische Mittel, das dem Durchschnitt entspricht.

Das Spezialwahlverfahren musste seither übrigens nie angewendet werden: Der Jura-Kandidat – 1990 bis 2002 war es Mario Annoni (fdp), 2006 Philippe Perrenoud (sp) – fand sich stets unter den «normal» Gewählten. Vor vier Jahren war es jedoch knapper als sonst: Hätte Perrenoud rund anderthalb Tausend Stimmen weniger erhalten, wäre er hinter der Freisinnigen Eva Desarzens auf Platz acht gelandet. Da er das absolute Mehr ebenfalls erreicht hatte, hätte Desarzens zugunsten von Perrenoud verzichten müssen – die Wahlkatastrophe für die Bürgerlichen wäre noch bitterer ausgefallen.

Übervertretung ist denkbar

Eine weitere Möglichkeit ist seither auch nicht eingetreten: Es ist denkbar, dass zwei Jura-Kandidaten in die Regierung gelangen. Landet nämlich einer von ihnen im ersten Wahlgang auf einem der vorderen Plätze, ohne dass er das höchste geometrische Mittel erzielt, ist er gewählt – aber nicht als offizieller Jura-Vertreter. Diese Rolle gebührt in jedem Fall dem Kandidaten mit dem höchsten geometrischen Mittel. (Der Bund)

Erstellt: 03.02.2010, 10:24 Uhr

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