«Läck, isch das schön», sagt Friedli heute

Als aufmüpfiger Jungpolitiker lehrte Bänz Friedli seinerzeit die Dorfgewaltigen in Wohlen das Fürchten. Heute lebt der Hausmann und Kolumnist in Zürich – und sieht vieles nicht mehr so verbissen.

«Ich freue mich jedesmal, wenn ich sie sehe»:?Kolumnist Bänz Friedli vor der geretteten Alten Sek in Uettligen. (Valérie Chételat)

«Ich freue mich jedesmal, wenn ich sie sehe»:?Kolumnist Bänz Friedli vor der geretteten Alten Sek in Uettligen. (Valérie Chételat)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Hausmann und Kolumnenschreiber aus dem fernen Zürich ist in aufgeräumter Stimmung. «Läck, isch das schön», sagt der 44-jährige Bänz Friedli, als der «Bund» mit ihm durch Uettligen fährt. Fotografiert werden möchte er vor der Alten Sek. Das Gebäude sollte einst abgebrochen werden. «Ich half mit, es zu retten», erzählt Friedli. Und schon ist man mitten in den 1980er-Jahren, als er in jugendlicher Erobererlaune gegen die SVP-Ordnung in der Gemeinde Wohlen anrannte.

Seine «grossi Schnurre» war bekannt, fiel er doch schon im Turnverein nicht durch Gelenkigkeit auf, sondern als Moderator des bunten Abends. So stand am Anfang seiner Karriere eine Augustrede. 1983 hatte man in der Gemeinde die Idee, «einen Jungen reden zu lassen». Das gönnerhafte Angebot, die Jungen sollten sich die Hörner abstossen, genügte ihm aber nicht. «Ich ermahnte die Zuhörer, die Jungen ernst zu nehmen.»

Es waren unruhige Zeiten. In Zürich rebellierte die Jugend, auch in Bern gabs Unruhen. Obwohl Friedli in der Stadt die Schule besuchte, bewegte er sich nur am Rand in dieser Szene. Auch im Dorf galten Friedlis, wiewohl sie schon lange in Uettligen wohnten, als Zugezogene. Wohl deshalb habe er sich im Dorf wie zum Trotz überintegriert.

Kampf gegen Spekulation

«Wir wollten uns für unser Dorf einsetzen, waren gegen Spekulanten, gegen öde Betonbauten.» Als die Alte Sek, obwohl geschützt, abgerissen werden sollte, da sie in schlechtem Zustand sei, griffen die Jungaktivisten ein. «Wir übten Demokratie, sammelten Unterschriften.» Der Erfolg kam erst Jahre später. «Ich freue mich jedesmal, wenn ich das Haus sehe», sagt Friedli. Von 1981 bis 1985 war der Schulhaus- Dachstock ein politisches und kulturelles Labor. Da gabs dadaistische Variété-Aufführungen und Filmabende mit Streifen von Tanner und Pasolini. Man produzierte eine aufmüpfige Zeitung namens «Vulkan» und verfasste Texte, die Friedli im Nachhinein als «Musenalp-Lyrik» belächelt. Auch an ein schlechtes Erlebnis erinnert er sich, wenn er vor dem Haus auf dem Geländer posiert, welches damals noch nicht existierte. Als Bub verlor er auf dem Velo des Bruders das Gleichgewicht und stürzte hinunter. Ein komplizierter Armbruch war die Folge.

«Laferi» im Gemeinderat

1985 tritt der «Laferi» bei den Gemeinderatswahlen an. Man kennt ihn, der einmal grüne Haare hat und manchmal einen Zopf, zumal die «Offene Liste», auf der er kandidiert, sich in fast US-Manier an die Wählerschaft heranmacht. Sie verschickt Tausende von Kassetten mit einer Botschaft an die Haushalte. Motto: «Wir geben Ihnen unsere Stimme.» Nicht zufällig wird auf die Wahl hin der Gemeinderat von 11 auf 9 Mitglieder verkleinert, was die Chancen für Kleinparteien vermindert. So gibt man der «Offenen Liste» wenig Kredit, in der es nicht nur junge Wilde hat, sondern auch Bio-Bauern, die sich in der SVP nicht mehr aufgehoben fühlen, dazu Angehörige der postmateriellen Intelligenzia: Beamte aus dem Energie- und Raumplanungsfach. Zwei Vertreter schaffen die Wahl, darunter Bänz Friedli. Die kleine Sensation wird reihum beachtet, sei es TV-«Zischtigs-Club» oder im «Bund».

Dossiersichere Nervensäge

Der Neuling hockt nicht aufs Maul, studiert Akten, holt Rat bei Fachleuten und nervt den Rat mit Abänderungsanträgen, wobei ihm sogar ein Gegner zuweilen bescheinigt, sein Ansinnen sei juristisch in Ordnung. Einmal beschimpft ihn ein Kollege. Friedli will den Eklat protokolliert haben, doch wird es dort später heissen, der «unschöne Ausdruck» sei «weder gesagt noch gehört» worden. «Wir brachen vieles auf», Reformen seien an die Hand genommen worden, Politik sei heute transparenter. «Es war ein Stahlbad, eine Lebensschule.» Er habe sich gewundert, wenn der Rat über ein Unterstützungsgesuch des Männerchors von ein paar Fränkli ausufernd debattiert habe, um dann ein millionenschweres Abwasserprojekt kommentarlos durchzuwinken. Seither vermutet Friedli, dass es auf Kantons- oder Bundesebene ebenso zu- und hergeht. Nach vier Jahren macht er bei den Wahlen das zweitbeste Resultat, wird fast Gemeindepräsident. «Doch ich nahm die Wahl nicht an.»

Das Kreuz mit dem «Kreuz»

Der Hausmann aus Zürich sitzt in der Gartenwirtschaft des Restaurants Kreuz in Wohlen, vor sich ein Cola, kein Männer-«Zero», sondern ein «Light», «wie es sich für Hausfrauen gehört». Es «tschudere» ihn ein wenig. Hier ging der Gemeinderat nach der Sitzung essen, sofern er wegen Friedlis Anträgen nicht zu spät dran war. Die Gäste wussten dann, dass der junge Wilde wieder genervt hatte – und blickten entsprechend finster. Hier hatte er als junger Bursche den ersten Rausch, hier fand die «Grebt» statt, das Leichenmahl für seinen Vater.

Die Sache mit dem Fixleintuch

Vieles sieht der Kolumnist heute weniger verbissen. Das hat mit den Realitäten in der eigenen Familie zu tun. Als Musikkritiker zerriss er einst die erste CD von Gölä. Heute hört er mit seiner begeisterten Tochter Gölä-Hits und fragt sich, weshalb ein Kritiker andern vorschreiben soll, welche Musik sie toll zu finden haben. Hinter sich gelassen hat er auch den wöchentlichen Hype beim inzwischen eingestellten «Facts». Am Dienstag hätten in der Redaktion alle hyperventiliert, «am Donnerstag war es Altpapier». Damals schrieb er einen bösen Bern-Artikel, der ihm heute noch vorgeworfen wird. Manche hätten darin Dinge gelesen, die er nicht geschrieben habe, sagt Friedli. Es habe alles gestimmt, «bloss würde ich es heute nicht mehr so böse schreiben». Eigentlich bewege er heute mit seiner Hausmann-Kolumne im «Migros-Magazin» mehr, löse richtige Debatten aus. Er habe gemerkt, dass es im Volk viele kluge Leute gebe, viel mehr, als Politiker und Journalisten oft dächten. Er sei heute geerdet. Als Hausmann, dessen Putz- und Aufräumarbeit jeden Tag zunichtegemacht werde, sei er ein iysyphus, den man sich laut Camus «durchaus als glücklichen Menschen vorstellen» dürfe. Oft thematisiert der Wahlzürcher in der Kolumne vertrackte Probleme: Wie faltet man Fixleintücher zusammen? Die Lösung kam von einer Bernerin. Nach der Vernissage von Friedlis Hausmann-Buch in der Mühle Hunziken kam die Bäuerin und frühere Berner Gemeinderätin Ursula Begert nach vorn und zeigte Friedli mit einem mitgebrachten Tuch, wie frau das macht. (Der Bund)

Erstellt: 08.10.2009, 09:49 Uhr

Werbung

Immobilien

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...