Perspektiven: Und schon wieder zerbricht die Schweiz

Alle paar Jahre bricht die Schweiz auseinander. Ihre «Kohäsion» ist infrage gestellt, der Zusammenhalt akut gefährdet. Dabei geht es stets um die Sprachen, und die Hiobsbotschaften stammen stets aus der Suisse romande.

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Beispiel: Im Herbst 2000 kündigte der damalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor an, den Kindern in Zürcher Primarschulen werde künftig zuerst Englisch, erst danach Französisch beigebracht.

Durch die Suisse romande ging ein Aufschrei, und so machte ich die Probe aufs Exempel: Ich bat sämtliche welschen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren um ein Interview – auf Deutsch. Das Fazit war ernüchternd. Nur zwei waren des Deutschen wirklich mächtig: die Genferin Martine Brunschwig Graf und die Waadtländerin Francine Jeanprêtre. Die andern radebrechten mehr schlecht als recht, und zwei konnten schlicht kein Wort: die Jurassierin Anita Rion und – bemerkenswert für den Bildungsdirektor eines zweisprachigen Kantons – der Walliser Serge Sierro.

Bricht die Schweiz auseinander, weil welsche Erziehungsdirektoren kaum Deutsch können?, fragte ich damals rhetorisch. Die Genfer Tageszeitung «Le Temps» hatte wegen des Zürcher Frühenglischen immerhin «The End of Switzerland» angekündigt. Antwort: Die Schweiz ist, zehn Jahre danach, immer noch intakt.

Jetzt entzündet sich die Diskussion neu, diesmal nicht am Englischen, sondern an den Dialekten. Der grüne Genfer Nationalrat Antonio Hodgers, aus Argentinien stammend, verbringt ein Jahr in Bern und hat feststellen müssen, dass die Leute hier Mundart reden.

Bekanntlich werden in der deutschen Schweiz noch Dialekte gesprochen, auch wenn sie sich merklich abgeschliffen haben und auch wenn in Wirtschaft, in Lehre und Forschung Hochdeutsch oder gar Englisch zunehmend zur Umgangssprache werden. Das im Gegensatz zur Suisse romande, wo diverse Patois – Walliser, Waadtländer, Freiburger, Jurassier – kurz vor dem Aussterben stehen. In Walliser Seitentälern reden die Alten noch das melodiöse Frankoprovenzalisch, das auch in einigen Regionen Frankreichs und Italiens gesprochen wurde. Die Jüngeren verstehen es nur noch knapp; die Jungen haben es vergessen.

Hodgers fordert nun, Deutschschweizer sollten nur noch in der Familie und im frühkindlichen Alter Mundart reden, danach die «Standardsprache» Hochdeutsch; schliesslich sei diese und nicht Dialekt Landessprache, und wer Dialekt rede, grenze Menschen aus andern Kulturkreisen aus.

Dies ist in dreifacher Hinsicht absurd: Erstens hat fast jede Region auf dieser Welt sprachliche Besonderheiten, die von «Standardsprachen» abweichen: sei das nun das Arabisch der Ägypter oder das Französisch der Kanadier oder das Spanisch der Argentinier. Umgekehrt wird reines Hochdeutsch nur in Norddeutschland geredet.

Zweitens ist es nicht schwieriger, Schweizerdeutsch zu lernen, als irgendeine andere Sprache. Zehntausende von Tessinern und Rätoromanen haben das bewiesen, und auch Welschen gelingts, wenn sie nur wollen, siehe CVP-Chef Christophe Darbellay.

Und drittens wird das Hochdeutsche in Schulen der Deutschschweiz bereits heute forciert.

Die Idee, einem Volk seine Sprache auszutreiben, kommt normalerweise nur totalitären Regimen: Unter Franco sollte allen Spaniern – auch Katalanen, Galiciern und Basken – das Kastilianische aufgezwungen werden. Die Folgen sind bekannt.

Am Thema vorbei

Doch dies alles geht am Thema vorbei. Denn die Schweiz ist gar nicht wegen ihrer Sprachen eine Nation – wie könnte sie? Sie ist eine Nation, weil das für alle Beteiligten, für Romands, Deutschschweizer, Rätoromanen, Tessiner, die politisch attraktivste und zudem lukrativste Langzeitlösung ist. Die Schweiz wird deshalb nicht an ihren sprachlichen Unterschieden scheitern – wieso sollte sie?

Hodgers hat in einem Beitrag für die «NZZ am Sonntag» am 21. März, mit dem er die Debatte lostrat, Belgien als Beispiel bemüht: Auch dort verstünden sich zwei Sprachgemeinschaften nicht mehr. Doch diese Analogie zeugt von fortgeschrittener Ahnungslosigkeit: Belgien ist ein Kunstgebilde, das erst seit 1830 besteht. Und der Streit zwischen den Holländisch sprechenden Flamen und den französischsprachigen Wallonen hat mit zwei Faktoren zu tun, die in der Schweiz nicht existieren: erstens dem rechtsradikalen flämischen Ultranationalismus und zweitens mit dem massiven wirtschaftlichen Gefälle zwischen dem reichen Flandern und dem verarmten, ehemals industrialisierten Wallonien.

Der freisinnige Zürcher Nationalrat Ruedi Noser hat in einem Interview mit dem «Blick am Abend» eine kurze und plausible Erklärung für die neue Debatte abgegeben. Er ist insofern dazu berechtigt, als er selber momentan die gleiche Erfahrung wie Hodgers macht: Er verbringt ein Jahr in Genf. Zum neuen Sprachenstreit meint er: «Wenn einem welschen Politiker nichts mehr einfällt, dann spricht er eben über das Schweizerdeutsche.» Mit grossem Erfolg übrigens: Antonio Hodgers hat sich mit seinen Äusserungen in der ganzen Schweiz bekannt gemacht. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2010, 10:34 Uhr

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