«Weltraumforschung ist meistens Teamwork»

Vor 40 Jahren sind die Amerikaner erstmals auf dem Mond gelandet. «Die letzten Minuten waren wirklich spannend», sagt der Physiker Johannes Geiss, der als Leiter des Sonnenwindsegel-Experiments der Uni Bern in Houston mit dabei war.

Rudolf Burger

«Bund»:Herr Geiss, was für Erinnerungen haben Sie an den 21. Juli 1969, an den Moment, als die Astronauten landeten?

Johannes Geiss:Ich war im Kontrollzentrum in Houston. Die letzten Minuten der Landung waren wirklich spannend. Die Techniker und Flugkontrolleure waren natürlich erleichtert, und wir alle auch . . .

. . . und brachen wohl in Jubel aus.

Ja, das war aber damals noch ganz spontan.

Hatten Sie je Zweifel, ob die Mondlandung gelingen würde?

Die Nasa hat das gut vorbereitet, es hatte ja schon zwei Umkreisungen des Mondes und dabei mit Apollo 10 quasi einen Ansatz zur Landung gegeben, indem man mit der Mondfähre hinunterfuhr und wieder hinauf. Also habe ich mir eigentlich immer gedacht, dass es schon gelingen würde. Ausserdem hatte ich Neil Armstrong erlebt, weil ich zuvor als Gastwissenschaftler ein Dreivierteljahr lang in Houston war. In dieser Zeit habe ich oft beobachtet, wie Armstrong und Aldrin buchstäblich jeden Schritt, jeden Handgriff übten. Da erhielt man das Gefühl: Armstrong, das ist der richtige Mann.

Er hat die Mondfähre in dem heiklen Moment von Hand pilotiert, als der Computer, der damals mit einem Speicher von nur gerade 28 Kilobyte auskommen musste, Fehlermeldungen produzierte.

Ja. Dies zeigte, wie wichtig der Pilot tatsächlich war. Der Computertechniker in Houston riet, mit der Landung fortzufahren, aber wahrscheinlich hatte Armstrong das ohnehin im Sinn. Der Austausch zwischen den Leuten am Boden und den Astronauten, die zur Unabhängigkeit tendierten, war sehr interessant.

Das hat man damals gespürt?

Ja. Es gab bei der Landung zwei weitere Probleme: Zum einen war gleichzeitig in der Nähe eine russische Sonde unterwegs, Lunar 15, auf die man aufpassen musste. Zum andern stellte Armstrong fest, dass auf dem vorgesehenen Landeplatz viele grössere Felsbrocken lagen. Deshalb landete er weiter hinten als vorgesehen, hatte dann am Schluss nur noch für 30 Sekunden Treibstoff, was ihm aber ausreichte.

Ihr Team der Universität Bern war mit dem Sonnenwindsegel an der Mission beteiligt. Es muss ein besonderer Moment gewesen sein, als Aldrin das Segel aufstellte.

Man sah das allerdings nur schemenhaft, und es ging nach der Landung ziemlich schnell. Wir hatten auf dem Pfahl, an dem die Folie hing, Ringe angebracht, damit Aldrin wusste, wie tief er das Segel in den Boden gestossen hatte.

Ein Triumph war für Ihr Team wohl auch, dass das Sonnenwindsegel ein paar Minuten noch vor der amerikanischen Flagge aufgestellt wurde – so behielt die Wissenschaft die Oberhand über die Politik.

Wir hatten ein paar Erfolgserlebnisse. Das erste war, dass unser Experiment – als einziges ausländisches während aller Apollo-Missionen überhaupt – akzeptiert wurde. Das zweite, dass wir bei der ersten Mondlandung zum Zug kamen, das war nicht geplant gewesen. Wir wurden ausgewählt, weil unser Experiment keine externe Energiequelle brauchte. Der dritte Erfolg war in der Tat, dass unser Segel vor der Flagge aufgestellt wurde. Das haben wir dem Wissenschaftsdirektor in Houston zu verdanken. Dass überhaupt eine Flagge mitkam, war allerdings erst spät beschlossen worden.

Sie haben mit Ihrem Sonnenwindsegel 10 Mikrogramm Sonnenwind eingefangen, das sind 10 Millionstelgramm. Der Laie fragt sich, wie man eine so geringe Menge überhaupt analysieren kann.

Um mehr einzufangen, hatten wir ja auch geplant, das Segel einen ganzen Tag lang aufzustellen. Das ging dann bei Apollo 11 nicht, und ich musste plötzlich erklären, auch eine Stunde reiche aus. Gemessen haben wir die Isotope der leichten Edelgase, was mit unseren modernen Instrumenten gut möglich war.

Was waren wesentliche Erkenntnisse aus Ihren Forschungen?

Mit unserem Segel haben wir das erste Sonnenmaterial überhaupt auf die Erde gebracht. Die erste Erkenntnis war, dass der Sonnenwind in der Tat auf dem Mond ankommt. Das war vorher nicht so klar gewesen, auch auf dem Mond gibt es eine – allerdings sehr dünne – Atmosphäre. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, als ich das Segel auf dem Mond stehen sah: Ja kommt jetzt der Sonnenwind wirklich herein? Als eine weitere Erkenntnis haben wir herausgefunden, dass die Sonne sich im Inneren während der letzten drei Milliarden Jahre überhaupt nicht durchmischt hat, ein wichtiges Resultat für die Sonnenphysik. Schliesslich haben wir dank dem Segel auch berechnen können, wie viel gewöhnliche Materie es im Universum gibt, nämlich im Durchschnitt ein Atom auf sechs Kubikmeter.

Eine Erkenntnis der Mondmission war doch, dass man sich über die Entstehung des Mondes Klarheit verschafft hat.

Das war das Resultat der Analysen des Mondgesteins, die zeigten, dass der Mond durch einen Einschlag auf die Erde entstanden war, und zwar nur etwa 30 bis 50 Millionen Jahre nach der Entstehung der Erde vor viereinhalb Milliarden Jahren. Auch an diesen Forschungen waren wir wegen unserer früherer Arbeit an Meteoriten von Anfang beteiligt. Die Nasa hat das Mondgestein grosszügig und zum Vorteil der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit in der Welt verteilt.

Wie viel Mondgestein hat man der Universität Bern überlassen?

Vom ersten Flug waren das ein paar Gramm, mehr Staub als Stein. Wir haben Altersbestimmungen gemacht, da waren wir in Bern ganz vorne mit dabei. Auch heute noch verfügt die Universität Bern über viele Mondsteine und Staub.

Das alles soll irgendwo in einem Tresor aufbewahrt werden.

Der Tresor war mit einer Zahlenkombination und der Raum durch eine mit der Polizei verbundenen Ultraschall-Anlage gesichert. Mondgestein durfte man zwar verbrauchen, musste aber ganz genau Buch führen, was man damit gemacht hatte.

Haben die bemannten Mondlandungen etwas gebracht, was unbemannt nicht möglich gewesen wäre?

In den Meteoritensammlungen gab es vor den Mondlandungen keinen einzigen Mondstein, und man wusste eigentlich sehr wenig über den Mond. Ohne Mondlandungen wären wir mit unserem Wissensstand vielleicht heute noch nicht so weit. Die Astronauten haben, besonders dann mit dem Mondauto erstaunlich systematisch Gesteinsproben sammeln können. Das unbemannt zu machen, wäre sehr schwierig, und der politische Wunsch, das zu tun, wäre viel weniger stark.

Weiss man jetzt, dank den Mondlandungen, genug über den Mond?

Nein, es gibt noch offene Fragen. Um sie zu beantworten, solle man nicht warten, bis wieder Menschen auf dem Mond sind – das geht ja noch zwölf Jahre. Was fehlt, sind Mondproben von anderen Stellen.

Also sollten wieder unbemannte Mondexpeditionen gestartet werden?

Ja. Für Astronauten wird es trotzdem immer noch genug zu tun geben, zum Beispiel für Altersbestimmungen, bei der Untersuchung von Strahlungen vergangener Zeiten. Dafür braucht es Proben von weiteren Gebieten auf dem Mond.

Es gibt Stimmen, die in der bemannten Raumfahrt ein Unding sehen: viel zu teuer, viel zu riskant.

In der Wissenschaft geht in der Tat nicht alles, aber fast alles, auch unbemannt. Das ist oftmals billiger, besser und schneller. Die heute praktizierte bemannte Raumfahrt auf der Erdumlaufbahn hat mit der so wichtigen Beobachtung der Erde vom Weltraum aus nicht viel zu tun.

Das machen die Satelliten besser?

Ja, die sind in ihrer Bahn nicht so eingeschränkt.

Also: Wozu braucht es die bemannte Raumfahrt noch?

Das Einzige, wo es immer eine Überlegenheit von Menschen gegenüber Robotern geben wird, ist das Urteils- und Entscheidungsvermögen: Wenn es zu viele Informationen gibt – wie oft in der Mond- und Planetenforschung – muss man das Wichtige vom Unwichtigen an Ort und Stelle trennen können.

Finden Sie es richtig, dass die Amerikaner bis 2020 wieder auf dem Mond landen wollen?

Sehen Sie: Die Entscheidung über das Programm wird sowieso nicht von Wissenschaftlern, sondern von Politikern getroffen im Namen der Gesamtgesellschaft. Wissenschaftler müssen dafür sorgen, dass bei bemannten Mondlandungen neben «Wir sind da gewesen» auch noch etwas anderes herausschaut. Das ist unserer Gruppe beim Apollo-Programm gut gelungen. Wenn man sich dazu entschliesst, mit der bemannten Raumfahrt fortzufahren, hat es auch keinen Sinn, langfristig in der Erdumlaufbahn zu bleiben, die ist ja fast tausendmal näher bei der Erde als der Mond. Wenn man also die bemannte Raumfahrt fortführt, ist es richtig, die Mondlandungen wieder aufzunehmen, dort vielleicht eine Basis zu bauen und offene wissenschaftliche Fragen zu beantworten, besonders solche, die für das Verständnis unserer Erde wichtig sind.

Der Mond gilt als Ausgangspunkt für einen bemannten Flug zum Mars. Ist es sinnvoll, das zu versuchen?

Von der Wissenschaft her nicht. Wenn man in 20–30 Jahren zum Mars fliegt – diesen Zeitraum sehen Optimisten, meiner Ansicht nach wird das viel länger dauern – dann weiss man schon so viel über den Mars, dass gar nicht klar ist, was Menschen nach der Landung dort wissenschaftlich machen sollen. Sie können eine Flagge hissen, aber unsere Kenntnisse über den Mars werden dann viel grösser sein als unser Wissen über den Mond zur Zeit der Apollo-11-Landung. Um dennoch zu relevanten Resultaten zu kommen, müssen die ersten Marsbesucher viel mehr leisten, viel komplexere Fragen angehen, als seinerzeit die ersten Astronauten auf dem Mond. Abgesehen einmal von der grundsätzlich viel weiteren und gefährlicheren Reise

Sie sind also in Bezug auf eine bemannte Marsmission eher skeptisch.

Ja. Aber wenn man den Frieden unter den Nationen dadurch verlängern kann, dass bei einer Marsmission alle kooperieren, ist es die Sache wert.

Es gibt ja weiter die Idee, dass die bemannte Raumfahrt den Menschen eines Jahrtausends aus unserem Planetensystem hinausführen soll.

Das ist die Vorstellung, die Zivilisation durch eine Art Arche Noah zu retten. Nur: Eine Mission zum Mars ist dazu nicht geeignet. Um eine überlebensfähige Menschensiedlung auf dem Mars zu schaffen, müsste man sehr viele Menschen dorthin transportieren. Pragmatisch gesagt: Es ist viel einfacher, die Erde von der Erde aus zu retten, als das Überleben der Menschheit auf dem Mars sicherzustellen. Langfristig und statistisch gesehen sind Einschläge von Meteoriten auf der Erde ein grosse Gefahr. Der letzte grosse Einschlag datiert aus dem Jahr 1908 in Sibirien. Wäre das in besiedeltem Gebiet passiert, so hätte das zu einer grossen Katastrophe geführt.

Und gegen solche Einschläge kann man sich schützen?

Ja. Man stellt jetzt eine Kartei der Objekte auf, und man ist dabei, Verfahren auszudenken, um gefährliche Asteroide abzulenken.

Aber gegen einen solch gewaltigen Einschlag wie vor 70 Millionen Jahren in Mexiko wäre man machtlos.

Wenn es sich um einen Kometen handelt, könnte man ihn schlecht voraussagen, aber Asteroide hofft man ablenken zu können.

Inwiefern hat die Sonnenwind-Forschung der Universität Bern genützt?

Das Apollo-Programm war für Bern und die Schweiz der Einstieg in die Weltraumforschung, die ja ein sehr teurer Wissenschaftszweig ist. Die Publizität war enorm, und die wissenschaftlichen Resultate waren sehr gut – wie wir erwartet haben, aber viel besser, als andere erwartet haben.

Hat Ihnen der Erfolg ausser Ehre auch Geldmittel für die Forschung gebracht?

Ja. Die Infrastruktur, Testgeräte, neue Massenspektrometer und andere wissenschaftliche Geräte für unser Physikalisches Institut wurden vom Nationalfonds und vor allem vom Kanton Bern finanziert.

War Ihnen vor 40 Jahren klar, dass Sie mit Ihrer Forschung im Apollo-Programm in den Wettbewerb zwischen den USA und der Sowjetunion eingespannt waren?

Auch in der Wissenschaft gab es Wettbewerb, aber nicht Kalten Krieg. Und wir hatten auch Zusammenarbeit mit russischen Instituten. So waren wir zum Beispiel die Ersten, die das Alter der Basaltprobe bestimmten, das die Sonde Luna 16 zurückgebracht hatte.

Sie hatten also keine Berührungsängste?

Nein, das sollte auf der wissenschaftlichen Ebene auch nicht sein. Ich behaupte ja auch immer, dass das Apollo-Programm mindestens psychologisch ein Wendepunkt im Kalten Krieg war. Damals haben die sowjetischen Politiker die technologische Stärke der USA erkennen müssen, die ja Chruschtschow bezweifelt hatte.

Heute sind Sie Direktor ehrenhalber des International Space Science Instituts. Die Weltraumforschung hat Sie also nicht losgelassen.

Das Institut habe ich mit ein paar Kollegen nach meiner Pensionierung gegründet. Wir bauen hier nichts, wir sind eine Art Denkfabrik. Gruppen aus vielen Ländern arbeiten bei uns und mit uns zusammen, vergleichen ihre Daten und werten sie aus. Das ISSI ist sehr beliebt in der Welt, und es ist schön für mich, hier zu arbeiten.

Sie sind auch täglich an der Arbeit?

Ja, das wird ein bisschen schwieriger von Jahr zu Jahr. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit der Heliosphäre und mit Gebieten der Astrophysik, der chemischen Entwicklung der Galaxie, beschäftigt. Alles im Rahmen von internationalen Gruppen. Weltraumforschung ist meistens Teamwork. Auch unsere Forschungserfolge im Rahmen des Apollo-Programms waren nur im Team zu erzielen.

Sie haben namhafte Preise bekommen. Waren Sie nie Kandidat für den Nobelpreis?

Das sollte man eigentlich nicht wissen. Ich habe wertvolle Medaillen und einige Preise erhalten und bin sehr dankbar für die Anerkennung, die ich für meine Arbeit erfahren habe.

Der Moment der Landung jährt sich am Dienstag zum 40. Mal. Werden Sie feiern?

Ich weiss noch nicht, was ich machen werde, wahrscheinlich und am liebsten in privatem Kreis feiern, mit Champagner, wie seinerzeit in Houston.

Der Bund

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