Reta Caspar

«Die Kirche ist schädlich, sie verstellt das Denken»

«Gute Menschen tun sowieso Gutes, die brauchen keine Religion», sagt Reta Caspar. Die Freidenkervereinigung, deren Geschäftsleiterin sie ist, sammelt Geld, um mit Buswerbung die Plakate religiöser Gruppen zu kontern. Caspar, eine «apathische Agnostikerin», will die Kirche nicht abschaffen, lehnt aber die «Privilegierung der Staatskirche» ab.

Reta Caspar ist Geschäftsleiterin der Freidenker-Vereinigung. (Franziska Scheidegger)

Reta Caspar ist Geschäftsleiterin der Freidenker-Vereinigung. (Franziska Scheidegger)

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«Bund»: Frau Caspar, was haben Sie gegen Plakate der Agentur C, auf denen es etwa heisst: «Gott ist die Liebe»? Reta Caspar: Rein optisch sind die Plakate eine Beleidigung fürs Auge, dieser harte Blau-Gelb-Kontrast. Ich habe nichts dagegen, wenn diese Leute das glauben, die Frage ist aber , ob sie mir das permanent an den Kopf werfen müssen.

Es gibt Werbung für Bier, für Coca-Cola, für Medikamente, da schaut man einfach nicht hin, wenn sie einem nicht passen.

Gute Produktewerbung ist häufig mit einer Spur Witz gemacht. Aber diese religiösen Plakate sind bierernst. Natürlich rege ich mich darüber nicht pausenlos auf, natürlich schaue ich auch weg. Aber diese Plakate sind zu prominent und zu gross, sie erscheinen ja häufig im lang gestreckten dreifachen Weltformat.

Die Freidenker möchten ja selber auch Werbung machen, so im letzten Jahr in St. Gallen für den Kirchenaustritt.

Das ist Ihre Interpretation. Mit dem Plakat «konfessionsfrei» wollten wir die Konfessionsfreien ansprechen. Der Mensch ist frei geboren, das bestätigt gerade auch das Theater, das die Kirchen um die Taufe machen. Wer aber aus diesem Plakat herausliest, es müsse jemand aus der Kirche austreten, denkt um sieben Ecken herum.

Dieses «Konfessionsfrei»-Plakat ist in St. Gallen verboten worden . . .

. . . nicht nur in St. Gallen. Auch Bern Mobil hat die Plakate abgelehnt. Wir haben mit Bern Mobil gestritten, weil gerade in den Berner Bussen viel religiöse Werbung hängt. Bern Mobil hat schliesslich nachgegeben, das dauerte aber so lange, dass sie uns in der Zeit unserer Kampagne keine Werbefläche mehr anbieten konnten.

Bekannt ist mittlerweile die Buswerbung in London – «Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Mach dir keine Sorgen, geniess das Leben».

Diese Kampagne will zeigen, dass Werbung für Religion im öffentlichen Raum ein Unsinn ist, mit dem man aufhören sollte. Sonst fangen alle damit an. Die Agentur C zum Beispiel fordert Leute auf, in ihren Gärten Plakate aufzuhängen. Die Vorstellung, dass uns in allen Gärten, auf jedem Bus irgendein Glaubensbekenntnis anschreien würde, ist absurd.

Freidenker sind liberal denkende Menschen, da müssten Sie doch zur Erkenntnis kommen, dass man religiöse Werbung nicht verbieten kann.

Um der Freiheit willen muss man manchmal gewisse Freiheiten einschränken. Ich halte es für möglich, dass religiöse Werbung verboten werden könnte. Man könnte vor Bundesgericht argumentieren, dass diese religiösen Botschaften, gerade weil sie auch für Kinder so gut lesbar sind, als unlauter bezeichnet werden müssten.

Das ist ziemlich spitzfindig.

Finde ich nicht. Darf die Religionsfreiheit so weit gehen, dass wir uns durch irgendwelche Glaubensäusserungen von irgendwelchen Leuten permanent belästigen lassen müssen? Es werden uns ja nicht nur Frohbotschaften vermittelt. In der Phase 4 ihrer Aktion will die Agentur C die Gebote Gottes plakatieren. Ich nehme an, da werden einige Drohbotschaften auf uns zukommen. Im Inselspital hing ein Plakat des Inhalts, die Gottlosen seien selber schuld an ihren Plagen, nur die Frommen hätten ein Recht auf Gesundheit.

Eine grosse Mehrheit der Menschen kann doch solche Plakate nicht ganz ernst nehmen, genauso, wie man auch andere Werbung nicht ganz ernst nimmt.

Natürlich, aber wir sind mit unseren Bedenken nicht allein. Wir erhalten ein grosses Echo des Inhalts, es sei gut, dass endlich jemand etwas unternehme, diese allgegenwärtigen religiösen Sprüche seien unerträglich.

Peter Stucki, Chef der Agentur C, hat einmal gesagt: Klar darf jeder seine Meinung sagen, aber diese Diskussion ist nicht harmlos, Gott wird sich irgendwann einschalten.

Er redet auch von der «Rache Gottes», das ist die Drohbotschaft der Agentur C. Das ist wirklich eine optische und geistige Belästigung.

«Es gibt wahrscheinlich keinen Gott», heisst es auf Busplakaten in London. Das tönt nicht so, als ob sich die Verfasser sehr sicher wären.

Nur die Religiösen haben absolute Sicherheit. Wir Freidenker kommen mit einer gewissen Gelassenheit zum Schluss, dass man sich streng wissenschaftlich gesehen nicht zu 100 Prozent sicher sein kann, dass es Gott gibt. Ich selber halte mich für eine apathische Agnostikerin.

Und das heisst?

Apathische Agnostiker haben das Credo: Ich weiss es nicht, und es ist mir egal.

Mit anderen Worten: Vielleicht existiert Gott also doch.

Das würde ich nicht ausschliessen, aber mir hat er sich noch nie gezeigt, es gibt keinen Beweis für seine Existenz. Falls es ihn gäbe und ich ihm jemals begegnen würde, würde ich ihm das sagen. Ich vermute, er hätte Humor und würde mit mir lachen. Ich nehme das Thema einfach nicht so furchtbar ernst.

Die Freidenker können nichts beweisen, die Gläubigen können nichts beweisen. Wieso die ganze Aufregung?

Weil wir seit 2001 eine enorme Aufrüstung beobachten. Viele Politiker brauchen für ihre Politik eine religiöse Sprache und religiöse Würdenträger. Bischof Koch argumentiert, die Stärke des Islams sei die Schwäche des Christentums. Das heisst: Das Christentum muss aufrüsten, um den Kampf gegen den Islam zu bestehen.

Sie können doch nicht bestreiten, dass die Grundwerte unserer Gesellschaft christliche Werte sind.

Doch, das bestreite ich. Das ist eine Behauptung, die von den Politikern perpetuiert wird. Unsere Gesellschaft basiert auf humanistischen Werten. Da haben Christen sicher mitgeholfen, aber diese Werte mussten zum Teil gegen die organisierte Kirche erkämpft werden.

Die grosse Rolle, die die Religion in unserer Gesellschaft spielt, zeigt sich auch daran, dass Staat und Kirche nicht getrennt sind. Das ist eine Tradition und ist 1980 mit 79 Prozent der Stimmen bestätigt worden.

Es ist unklar, ob das heute noch so ist. Es gibt in verschiedenen Kantonen Jungparteien, die den Anachronismus der Verbandelung von Staat und Kirche abschaffen und mit uns zusammenarbeiten möchten.

Wann fangen Sie an, Unterschriften für eine Initiative zu sammeln?

Das kann schon bald sein. Es gibt im Internet auf Facebook schon eine Gruppe für die Trennung von Kirche und Staat. Ob es dafür eine Mehrheit gibt, ist offen. Aber es ist nicht so, dass diese Frage seit 1980 ein- für alle Mal erledigt wäre.

Unsere Kirchen erfüllen wichtige Funktionen, Seelsorge, Taufe, soziale Aufgaben. So schlecht sind doch Kirchen gar nicht.

Wir behaupten nicht, die soziale Tätigkeit der Kirche sei schlecht. Wir finden es aber nicht in Ordnung, dass der Staat seine sozialen Aufgaben einfach auf die Kirche abwälzt, statt sie selber zu erfüllen.

Der Staat erfüllt soziale Aufgaben. Aber soll er auch taufen und beerdigen?

Nein, das kann er zum Beispiel den Freidenkern überlassen. Ich bin auch Trauerrednerin und mache regelmässig Abdankungen für freidenkende Mitglieder oder andere Leute, die keine kirchliche Abdankung wollen. Wir veranstalten auch Hochzeiten und Willkommensfeiern für Kinder. Diese Traditionen sind auch älter als das Christentum, Menschen haben schon immer an Wendepunkten im Leben Rituale gefeiert. Diese Bedürfnisse sind da, und die Kirche darf sie auch befriedigen. Wir wollen die Kirchen nicht abschaffen, wir möchten nur die automatische finanzielle Alimentierung durch den Staat aufheben.

Wie stehen Sie denn zu einer Vorlage wie der Minarettverbotsinitiative der SVP?

Das war für die Freidenker eine nicht ganz einfache interne Diskussion. Wir sehen es als Gefahr, wenn man in unsere eigentlich laizistische Verfassung wieder religionsspezifische Artikel aufnähme.

Sie sind also gegen die Minarettsinitiative?

Ja, damit würden die Glaubensfreiheit und andere Verfassungsgrundsätze verletzt.

Was halten Sie vom Religionsunterricht in der Schule?

Den möchten wir abschaffen.

Es ist doch nicht falsch, Kindern erste moralische und ethische Werte zu vermitteln.

Ich hoffe, dass Kinder erste moralische und ethische Werte in der Familie kennengelernt haben, bevor sie in die Schule kommen. Ich hoffe, dass unsere demokratisch verfasste Gesellschaft das Prinzip der Gleichbehandlung und der Chancengleichheit und all diese Werte vermittelt, sodass in der Schule nicht religiöse Dogmen transportiert werden müssen.

Die Religion vermittelt doch keine falschen Werte. Du sollst nicht stehlen, nicht töten.

Das wissen die Menschen schon lange, dafür braucht es keine Religion, keinen Gott, das ist reine Vernunft. Dass in einem sozialen Gefüge gewisse Regeln gelten müssen, war immer klar. Das Christentum vermittelt aber immer dort, wo es einen absoluten Wahrheitsanspruch vertritt, auch falsche Werte, etwa im ersten Gebot mit der absoluten Gottesverehrung.

Die Freidenkerbewegung ist in ihrem 101. Jahr seit der Gründung. Wieso ist ihr Jubiläumsjahr, das 100. Jahr, von der Öffentlichkeit nicht beachtet worden?

Es gab Öffentlichkeit, aber nicht viel. Sie müssen den Medien die Frage stellen, wieso sie zum Beispiel die 125 Jahre Heilsarmee viel grösser gebracht haben.

Weil die Heilsarmee viel Gutes tut. Brockenstuben, Suppenküchen, schöne Konzerte zu Weihnachten . . .

. . . im Kanton Bern zum Beispiel macht die Heilsarmee Sozialarbeit und betreibt Asylbewerberheime.

Das ist doch gut, das machen die Freidenker eben nicht.

Das ist nicht nötig, das sind Aufgaben des Staates und sollte nicht glaubensgebunden sein. Was uns bei der Heilsarmee und ähnlichen Gruppen nicht passt, ist die Motivation für ihre Sozialarbeit: Motivation ist nicht die Sozialarbeit an sich, sondern das Bekenntnis zum Glauben.

Das behaupten Sie jetzt einfach.

Nein, diese Institutionen arbeiten explizit im Namen Gottes. Eine Gesellschaft, die so divers ist wie die unsere, kann sich nicht nur auf eine Religion beziehen, sie muss gemeinsame Werte finden, und diese Werte können nur säkulare Werte sein, Werte, die allen einleuchten, auch Ungläubigen.

Seit wann ist für Sie klar, dass es vermutlich keinen Gott gibt?

Ungefähr seit ich 17 war. Wie fast alle jungen Menschen hatte ich eine Phase, in der ich mich sehr intensiv mit religiösen Fragen befasste. Ich war Mitglied einer jungen Kirche und war offen für eine Heilsbotschaft. Ich habe mich dort stark engagiert.

Sie waren also einmal tiefgläubig.

Tief suchend. Für Suchende habe ich grosses Verständnis. Ich gehe manchmal auch in eine Kirche. Eine Kirche ist für mich meistens ein friedlicher Ort, ich weiss, dass viele Menschen dort als Suchende hingehen. Leider erhalten sie dort einen klaren Tarif, was gelten soll. Das steht im Gegensatz zu meiner Offenheit.

Was hat Sie denn von dieser jungen Kirche weggebracht?

Ich habe mir nichts geschenkt und sogar die ganze Bibel durchgelesen. Wer das mit kritischem Geist tut, dem werden die Grenzen der geschlossenen christlichen Denkweise offensichtlich. Motor dieser jungen Kirche war eher der Glaube an den Teufel als an den lieben Gott. Dass man permanent von einem Gott beobachtet wird und ihn anflehen soll, damit er einem hilft, einem nicht in Versuchung führt, das konnte ich nicht mehr mitmachen.

Dann war für Sie klar, dass es Gott nicht gibt?

Auf jeden Fall nicht so, wie ihn evangelikale Kreise sehen:

Gott quasi als nächster Freund, der einem dauernd zur Seite steht und dauernd ansprechbar ist.

Sie haben sich von der Kirche entfernt, andere haben Gotteserlebnisse und werden plötzlich erleuchtet. Können Sie das akzeptieren?

Ich habe kein Problem mit dem, was die Menschen für sich persönlich glauben, ausser das gerate in Konflikt mit den Menschenrechten. Die Freidenker wollen den persönlichen Glauben nicht abschaffen. Wir sind aber gegen den Anspruch der organisierten Kirche, in der Gesellschaft den Tarif durchzugeben und allein zuständig zu sein für Ethik und Werte.

Anthropologen sagen: Solange es den Menschen gibt, hat er an einen Gott geglaubt.

Auch das bestreiten wir nicht. Der Mensch ist offensichtlich so konstruiert, dass er sich Dinge zu erklären versucht. Weil er für vieles keinen Grund fand, hat er sich Gott geschaffen. Aber der Spielraum für diesen grossen Gott ist in der Entwicklung immer kleiner geworden, heute akzeptiert sogar die katholische Kirche die Evolutionstheorie.

Erhoffen Sie sich durch das Darwin-Jahr Aufschwung für Ihre Bewegung?

Wir hoffen nicht, wir schauen zu und stellen unsere Strukturen zur Verfügung. Wir haben kein Ziel, im Gegensatz zur Agentur C fehlt uns ein Siebenjahresplan. Wir wollen die Welt nicht bekehren. Wer sich mit unseren Idealen solidarisieren kann, ist willkommen. Wir reden für alle Leute, die die Privilegien der Staatskirchen ablehnen. Die Kirche ist schädlich, sie verstellt das Denken.

Aber die Freidenkerbewegung ist doch in letzter Zeit sicher gewachsen?

Wir haben sehr viele Beitritte, sind aber überaltert. Ende letzten Jahrhunderts war die Bewegung eher am Einschlafen, weil man das Gefühl hatte, die Problematik habe sich erledigt.

Wie viele Mitglieder sind es denn?

Mit den 20 neuen von heute rund 1280.

Fliessen die Spendengelder?

Gestern um Mitternacht habe ich für unser Pay-Pal-Konto auf unserer Website die Zahl von etwas über 5000 Franken eingetippt. Ein Postcheckkonto habe ich eben eingerichtet, da hat es eine Spende von 500 Franken gegeben.

Etwas über 5000 Franken – nicht gerade viel.

Darüber sind wir gar nicht so enttäuscht. Wir möchten auf 50000 Franken kommen, und das werden wir wohl erreichen. Damit wollen wir in zehn Städten einen Bus mit Werbung fahren lassen. Wir wollen gar nicht alles vollpflastern, das wäre mir unangenehm. Unsere paradoxe Strategie heisst ja: Werbung machen, um zu zeigen: Werbung für religiöse Inhalte hat keinen Sinn, man sollte damit aufhören.

Könnte man das Geld nicht sinnvoller einsetzen als für eine solche Kampagne?

Das finden wir auch. Wenn die Agentur C mit ihren Spenden gute Sachen machen würde, statt die Schweiz mit Plakaten zu überziehen, wären wir dabei. Wir bestreiten auch nicht, dass einzelne Menschen Gutes tun. Wir sagen nur: Gute Menschen tun sowieso Gutes, die brauchen keine Religion. Es kann aber sein, dass falsch verstandene Religion gute Menschen zu Ungeheuern macht.

Was auch immer Sie unternehmen, Freidenker sind und bleiben eine kleine Minderheit.

Die Volkszählung im Jahr 2000 hat immerhin 11 Prozent Konfessionslose gegeben. Und eine Umfrage von «Facts» im Jahr 2005 hat gezeigt, dass es in den Kirchen sehr viele nichtgläubige Mitglieder gibt. Sie sind wegen Taufe, Heirat, Beerdigung und dem sozialen Engagement dabei. Wir denken, dass etwa 25 Prozent Freidenker sind. So wenig ist das auch wieder nicht. (Der Bund)

Erstellt: 23.02.2009, 11:13 Uhr

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