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Die zierliche Frau fürs Grobe

Sie denkt dezidiert grün, feministisch und gewerkschaftlich. Doch GB-Gemeinderätin Regula Rytz hat keine Mühe mit anderen Meinungen. Weil das auch ihre politischen Gegner merken, findet sie oft einen Kompromiss, mit dem dann alle leben können.

Auf Anhieb landete Neuling Regula Rytz (gb) 2004 auf Platz drei, wenige Stimmen hinter den bisherigen SP-Vertretern Alexander Tschäppät und Edith Olibet. Hinter ihr folgte – mit einer Differenz von nur 19 Stimmen – Alec von Graffenried (gfl). Der Wahlkrimi war perfekt. War es ein Zufallsresultat, vielleicht gar ein falsch ausgezähltes? Die GFL wollte es genau wissen und gelangte bis ans Bundesgericht, das eine Nachzählung anordnete. Nun wurde es noch krasser: Rytz’ Vorsprung schmolz auf sechs Stimmen zusammen. «Die Zitterpartie belastete mich nicht so sehr», sagt die Vorsteherin der Direktion für Tiefbau-, Verkehr- und Stadtgrün (TVS), wenn sie in ihrem geräumigen Büro an der Bundesgasse daran zurückdenkt. Erst die Order aus Lausanne habe sie unruhig gemacht: «Wenn der Sitz an Alec von Graffenried gegangen wäre, hätte ich innert eines Tages das Büro räumen müssen.» Viele Menschen erlebten Schlimmeres, schränkt sie ein. Und jetzt? Zittert sie um ihren Sitz? Nein, sagt Rytz, und man kauft es ihr ab. «Wir haben gute Arbeit geleistet und verfügen über ein gut gefülltes Auftragsheft für die nächsten vier Jahre.»

Keine Angst vor der Kanalisation

Die zierliche Frau, die noch jetzt den guten englischen Regenmantel tragen kann, den sie als 16-Jährige von ihrer Grossmutter bekam, will nicht so recht in ein Tiefbauamt passen, in eine Welt von Baggern, Elektrizitätsleitungen, Trams, Kanalisationen und Kehrichtautos. Doch Rytz fühlt sich offensichtlich pudelwohl. Weil sie wissen will, was die Angestellten machen – «nicht nur strategisch, sondern ganz praktisch» – steigt sie schon mal in einen Abwasserkanal, sucht um vier Uhr früh die Strassenwischer auf und lässt sich das Bäumeschneiden in der Stadtgärtnerei zeigen. «Ich habe Respekt vor der Arbeit meiner Leute.» Sie habe viel gelernt, findet sie. Als Historikerin, die sich lineares Denken gewöhnt sei, fasziniere sie das Matrix-Denken der Ingenieure. «Ein Teil der Grünen ist der Technik gegenüber skeptisch, das ist falsch.» Intelligent angewandte Technik müsse genutzt werden, «von gesellschaftlich bewussten Menschen», fügt sie an.

Ihre Türe sei immer offen, verspricht Rytz. Und so kam es, dass der jetzige Wahlgegner , «Bronco»-Mann, Töfffahrer und Pollergegner Jimy Hofer, bei ihr am Tisch sass. Es war wie bei andern, denen sie ihr Ohr lieh: Man wurde sich vielleicht nicht einig, aber verstand die Argumente des andern besser. «Es ist spannend, verschiedenen Menschen zu begegnen», findet Rytz.

Sie kennt die Oppositionsbank

Überzeugen, nicht überstimmen – und schon gar nicht überfahren, heisst eine rytzsche Devise. Die Mitbegründerin des Grünen Bündnisses kennt die harte Oppositionsbank: Als Grossrätin war Verlieren ihr tägliches Brot. Als Wahlgegner Beat Schori (svp) einst beklagte, RGM mache im Stadtrat Powerplay gegen die bürgerliche Opposition – und mit der Fraktion den Saal verliess, fand sie: Wenn sie als Grossrätin auf die gleiche Weise geschmollt hätte wie die SVP, hätte sie «drei Viertel der Zeit vor der Ratstüre verbracht». Im persönlichen Gespräch verschaffte sich Rytz bei andern Grossräten Respekt. Selbst Gegner merkten, dass sie nicht rein ideologisch, sondern mit Sachverstand argumentierte. Manchmal ist so viel Dialogbereitschaft auch wieder nicht gut. So meinte einst FDP-Stadtrat und Präsident Thomas Balmer sinngemäss: Eine klare Absage wäre ihm manchmal lieber als die höfliche Bereitschaft, etwas zu prüfen, obwohl das Anliegen bei ihr zum Vorhinein chancenlos sei.

Grosse Brocken in erster Amtszeit

In Rytz’ Amtszeit fielen grosse Brocken, der Umbau des Bahnhofplatzes etwa. Das Geschäft hatte den Stadtrat schon passiert, als Rytz das TVS-Zepter übernahm. «Ich sah, dass es schwierig wird.» Um Baldachin und Verkehrsführung hatte es verbissene Streitereien zwischen links und rechts gegeben. Die Tiefbaudirektorin suchte nach Kompromissen und Lösungen für die Anlieferung in der Schwanengasse. Es lohnte sich: Das Geschäft wurde an der Urne gutgeheissen, wenn auch nur knapp. Bundesrichter hätten einmal bei einer Besichtigung des Platzes gesagt, es sei ein Wunder, dass ein Projekt dieser Grössenordnung nicht in Lausanne gelandet sei, sagt Rytz. Heute fänden den Platz alle gut, freut sie sich. Aber so sei es in Bern häufig.

Beim Abfallreglement wars anders. Alles war schon beschlossen, als Rytz das Amt antrat. «Ich hätte vielleicht einige Dinge etwas einfacher geregelt», findet Rytz. Bei der Abstimmung zum Entsorgungshof erlebte sie eine ihrer raren Niederlagen. Viel Getöse gabs 2007, als die Grossverteiler wegen der neuen Berechnungsart der Abfallgebühren auf die Barrikaden gingen. Der Streit dauert noch an. Sie nehme es nicht persönlich, sagt Rytz. Es sei in Ordnung, wenn juristisch geprüft werde, ob die doppelte Gebührenbelastung für Take-Away-Anbieter rechtlich zulässig sei. «Wir sind da sehr zuversichtlich.»

«Etwas mehr an andere denken»

Rytz ist nicht in der Alternativszene gross geworden, sondern in einem bildungsbürgerlichen Thuner Elternhaus. Leute, die nachts den Hausmüll in öffentliche Papierkörbe stopfen, «Fressalien» im Tram liegen lassen, Plunder an Glassammelstellen ablagern und Bierflaschen auf dem Asphalt zerschlagen: Das alles gefällt ihr nicht. Letzteres ist insbesondere für Radfahrende ein Ärgernis, also auch für Rytz, die erste «Allwetter-Velofahrerin» im Gemeinderat, die in Sachen Velo im Kollegium stilbildend gewirkt hat. «Ich würde den abendlichen Alkoholverkauf im Bahnhof noch stärker einschränken», sagt Rytz. Sie habe in Wien gesehen, dass dies Wirkung zeige, dort laufe nicht jeder mit einer Flasche durch die Gegend. Ein totales Essverbot im Tram? Rytz, von Amtes wegen Verwaltungsratspräsidentin von Bern Mobil, ist dagegen: «Eine Mehrheit der Leute würde so harte Massnahmen nicht goutieren.» Ein Verbot müsse auch durchgesetzt werden, sonst nütze es nichts. Ins 68er-Bashing einstimmen mag sie nicht. «Damals wurde vieles aus einer Starrheit befreit», doch damit sei auch der Konsens erodiert. «Heute müssen wir wieder diskutieren, welche Regeln in der Gesellschaft gelten sollen.» Sie verwende zur Kritik eines rücksichtslosen Verhaltens gerne einen linken Begriff: unsolidarisch. Gesellschaft funktioniere nur, wenn die Leute «stets auch an die andern denken».

Bankenkrise ist viel schlimmer

Bei aller Kritik an Sprayereien und Dreck: Man müsse die Relation wahren, findet Rytz. Es sei schon seltsam, dass die Toleranz gegenüber gesundheitsschädigendem Ozon und Feinstaub immer noch gross sei. Und noch schlimmer sei die Finanzkrise, in der vollmundige Versprechungen der Wirtschaftsliberalen zu Makulatur würden.

Und wieder bietet sie dem Gast Guezli von der Bäckerei gegenüber an. Der Patron des Betriebs gehörte zu denen, die im Länggassquartier gegen die Verkehrsberuhigung ankämpften. Rytz weiss das, mag aber die Guezli und sagt dazu nur: «Das sind alte Geschichten.»

Zum Schluss eine Fangfrage an die Feministin Rytz. Wäre es nicht schön, wenn Barbara Hayoz Stadtoberhaupt würde? «Ich möchte Alex Tschäppät als Stadtpräsidenten», sagt Rytz und lächelt.

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