Ana Roldan

«Seit die Krise da ist, läuft es besser»

«Kunst ist immer ein Experiment, eine Auseinandersetzung mit Emotionen, mit dem Unmöglichen», sagt Ana Roldan. Die 31-jährige Künstlerin erzählt, warum sie ihre Werke anfänglich für «unbezahlbar» hielt, wie sie später im Kunstmarkt Fuss gefasst hat und weshalb ihre Antennen sogar in den Ferien dauernd auf Empfang sind.

Ana Roldan in ihrem Atelier. (Franziska Scheidegger)

Ana Roldan in ihrem Atelier. (Franziska Scheidegger)

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«Bund»: Frau Roldan, vor uns liegt das Foto von zwei geknickten Lederwülsten – ein Werk von Ihnen, Sie haben es «Joe» genannt. Was macht diese Lederwülste zum Kunstwerk?

Ana Roldan: Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nur: Gute Kunst wirkt, sie berührt die Menschen – auch jene, die sich sonst nicht mit Kunst befassen.

Wann haben Sie begonnen, sich für Kunst zu interessieren?

Ich habe mich immer für unzählige Sachen interessiert: Mathematik, Philosophie, Geschichte – all diese existenziellen Fragen. Gleichzeitig war ich handwerklich sehr begabt. Mein Vater stellte in seiner Schlosserei und Schreinerei in Mexiko Möbel her. Früh schon bat er mich, Zeichnungen zu entwerfen für neue Möbel. Wenn ich nicht brav gewesen war, schickte er mich zum Polieren und Schleifen in die Werkstatt. Das war langweilige Arbeit, aber ich liebte sie; ich mochte das Handwerkliche daran. Nach dem Gymnasium habe ich Gastronomin gelernt – eine wunderbare Arbeit, weil sie alle Sinne schult. Nach vier Jahren hatte ich genug. Ich nahm ein Geschichtsstudium in Angriff – leider eine sehr ideologische Sache Mitte der Neunzigerjahre in Mexiko. Ich tat mich schon damals schwer mit allem Fanatischen und Dogmatischen.

Sie kamen auf Umwegen zur Kunst?

Ja und nein. Alles, was ich hier geschildert habe, hat mich zur Künstlerin gemacht. Ich sah damals die ersten Auftritte der Performance-Künstlerin Elvira Santamaria – es war eine tolle Form, die Leute in der Stadt mit Aktionen aufzurütteln. Ich fand das faszinierend, wie der Körper des Künstlers zum Ausdrucksmittel wird und ein Kunstwerk nur für einen kurzen Moment existiert. Der sorgfältige Umgang mit Raum und Zeit ist bei meinen Installationen heute ebenfalls sehr wichtig.

Wie sind Sie nach Bern gekommen?

Ich wollte weg aus Mexiko und suchte eine Kunstschule, die nicht einfach einzelne Disziplinen akademisch unterrichtet, sondern Kunst als Ganzes. Das war in Bern möglich. Ich konnte hier eigene Projekte realisieren.

Hatten Sie klare Vorstellungen von Ihrer Arbeit?

Ich wollte intellektuell arbeiten, Projekte entwickeln – ähnlich wie ein Filmemacher, der eine Idee in mehreren Etappen umsetzt. Es zeichnete sich rasch ab, dass mich dreidimensionale Geschichten interessieren, Skulpturen, Installationen. Der Impuls kann ein Text sein, ein Bild, eine Erfahrung, das ist sehr unterschiedlich.

Wie kommen Kunstwerke wie «Joe» zustande?

Das war eine Mischung aus abstrakter Reflexion und konkreter Erfahrung. Ich beschäftigte mich damals mit der Hierarchie von Gegenständen, mit der Frage, von welchen Faktoren es abhängt, dass eine Masse beachtet wird – ein Gebrauchsgegenstand, ein Mensch, ein Kunstwerk. Den Anstoss hatte ein seltsames Erlebnis gegeben: Beim Vater eines Freundes, einem mexikanischen Filmproduzenten, sass immer eine Kopie des Hausherrn in Form einer Figur aus «Papiermaché» mit am Tisch. Es ist sehr verwirrend, dort am Tisch zu sitzen. Wenn man spricht, ist immer ein Stummer anwesend. Diese Puppe hatte einen lächerlich grossen Einfluss. Manche setzten sich auf sie, weil sie die Form eines Stuhls hatte, aber das machte die Sache nicht besser. Es war kein reiner Gegenstand, es war in meinen Augen auch keine Kunst, schon gar kein Mensch – und doch von allem etwas. Ich wollte auch so etwas machen, das durch seine Ambivalenz die Betrachter anzieht und irritiert. Das man nicht erklären, aber auch nicht wegschieben kann.

Steht hinter Ihren Objekten eine These und Botschaft, oder stehen sie für Prozesse, die für Sie selber rätselhaft bleiben?

Ich glaube nicht, dass die Kunst dazu da ist, Botschaften mitzuteilen. Wenn es so wäre, könnte man es sich einfacher machen. Kunst ist immer ein Experiment, eine Auseinandersetzung mit Emotionen, mit der Welt, mit dem Unmöglichen.

Gleichzeitig ist es auch eine Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Haben Sie sich anfänglich die Frage gestellt, ob Sie davon leben können?

Nein, am Anfang habe ich keinen Gedanken daran verloren. Ich wollte meine ersten Werke zuerst gar nicht verkaufen. Ich fand, die seien unbezahlbar – nicht weil ich Grössenwahn hatte, aber weil mich der Gedanke so traurig machte, sie zu verlieren. Geld brauchte ich nicht viel. Wenn man jung ist, kann man mit sehr wenig leben. Nach zwei Jahren stimmte ich zu, dass die Werke zum Verkauf angeboten werden.

Wie gelang Ihnen der Übergang vom Studium zum Erwerbsleben?

Eine gute Kunstschule ist eine grosse Plattform. Es kommen viele Leute, um zu schauen, wohin die Trends gehen: Künstler, Kritiker, Kuratoren. So ergab sich der Kontakt zu Elisabeth Gerber und zur Galerie «annex14». Ihr gefielen meine Arbeiten, sie wurde zu einer Mentorin für mich. Das war wichtig für mich, denn meine Diplomarbeit hatte schulintern keine gute Kritik bekommen.

Haben Sie sich damals auch schon für die Kunst anderer interessiert und selber Kunst gekauft?

Interessiert dafür habe ich mich schon früh. Kunst zu kaufen, konnte ich mir anfangs nicht leisten. Das war erst möglich, als ich Preise für mein Schaffen erhielt. Für mich war es klar, einen Teil des Geldes für den Erwerb von Kunst zu brauchen. Es hat etwas Magisches, ein Kunstwerk zu besitzen, das man liebt. Ich hatte immer eine Schwäche für Kunstwerke mit Text. Das Erste, was ich gekauft habe, war wohl ein Liebesbrief, ein Bild bestehend aus den Zeilen eines Liebesbriefs, der wie ein Gebet klang, ein hoffnungsvolles, eindringliches Gebet – einfach wunderschön, aus dem Moment geboren und vielleicht nur für diesen Moment gültig, aber von bleibender Schönheit.

Als freischaffende Künstlerin müssen Sie sich selber disziplinieren. Wie sehen Ihre Arbeitszeiten aus?

Es gibt schon Termindruck, aber ich glaube, eigentlich arbeiten alle Künstler die ganze Zeit. Selbst wenn man klassische Touristenferien macht, sammelt man dauernd Eindrücke, geht wie ein Schwamm durch die Welt. Künstler leben von Beobachtungen, das kann man nicht ausschalten. Was die Arbeit hier im Atelier betrifft, bin ich immer hier, wenn ich kann; wenn ich nicht unterwegs bin, Leute treffe, an eine Party gehe.

Müssen Sie sich manchmal zwingen?

Die Arbeit im Atelier muss Spass machen. Wenn ich mich quäle, sieht man das der Kunst an, dann wirkt sie verklemmt. Aber manchmal ist es ganz schön anstrengend, ich muss viel organisieren, die Ausstellungen folgen sich in diesem Jahr Schlag auf Schlag. Als Nächstes nehme ich am Projekt «Kunst im Tunnel» der Kunsthalle Düsseldorf teil. Darauf freue ich mich sehr, denn die Kuratorin, Gertrud Peters, ist sehr engagiert. Das ist ein Glücksfall für uns Künstler, wenn sich ein Kurator die Zeit nimmt, mit uns zusammenzuarbeiten. Danach folgt eine Ausstellung im Rahmen der «Swiss Art Awards» in Basel, im Juni eine in der Kunsthalle Arbon. Im August folgen die Biennale in Peking, Gruppenausstellungen in der Kunsthalle Bern und im Kunstmuseum, im September noch einmal Peking und Ende Jahr eine Ausstellung in Mexiko.

Und da zeigen Sie überall neue Werke?

Das würde ich gerne, aber jetzt haben viele Institutionen weniger Budget, deshalb werden auch ältere Arbeiten gezeigt. Ich freue mich darauf, denn so vieles aus acht Jahren Arbeit kommt zusammen. Das Werk wird so wahrscheinlich besser verstanden. Aber ich spüre schon Druck, Neues zu schaffen. Deshalb ist mein Computer so wichtig. Hier sind unzählige Ideen archiviert. Manche davon müssen lange Zeit reifen, bevor ich sie realisieren kann. Ich weiss jahrelang nicht, wozu sie gut sein sollen, und dann sind sie plötzlich aktuell, passen plötzlich ins Konzept.

Was halten Sie von Künstlerinnen wie Tracey Emin?

Mich interessieren biografische Werke nicht, ich mag mein Privatleben nicht zur Kunst stilisieren. Ich befasse mich derzeit mit der Frage, was passiert, wenn ein Künstler, der eigentlich eine Alternative zum System sein sollte, selber zu einer Institution, zu einem Teil des Systems wird. Auch ich möchte, dass etwas von mir bestehen bleibt, dass all die Recherchen, die ich mache, in Form meiner Kunst erhalten bleiben, auch wenn ich einmal nicht mehr da bin.

Gibts eine Spannung zwischen den eigenen Interessen und dem, was der Markt honoriert?

Ja, diese Spannung spüre ich stark. Alle im Kunstbetrieb, die Galeristen, die Sammler, die Künstler, alle sind auf der Suche nach den neusten Trend, denn wer den Trend verpasst, verliert den Anschluss, erhält keine Anerkennung. Als Künstler sollte man darauf vertrauen, dass die eigene Auseinandersetzung mit der Gegenwart von Interesse ist. Manchmal wundert man sich über den Kunstmarkt, aber man darf ihm nicht hinterherrennen. Ich versuche, durch mein Werk zu reden. Zum Glück habe ich ein paar wirklich gute Werke. Nicht alles ist gelungen, aber ein paar sind wirklich gut.

Wissen Sie sofort, ob etwas gut gelungen ist?

Nein, nicht immer. Manchmal gehe ich mit einem Kunstwerk zu Freunden und sage: «Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, können wir darüber reden?» Die besten Sachen geschehen manchmal unbewusst. Ich habe zum Beispiel ein Werk mit dem Schriftzug «Gott ist rot» versehen, und es war mir nicht sofort bewusst, dass da meine Nietzsche-Lektüre in spanischer Sprache Spuren hinterlassen hat. Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Wie würden Sie Ihre Kunst charakterisieren? Jemand hat mal über Sie geschrieben: «Der Zugang zu ihrem Werk ist nicht einfach. Es ist, als würde man Chiffren enträtseln.» Das klingt nach viel intellektueller Arbeit für den Betrachter.

Solche Aussagen ärgern mich. Kürzlich sagte eine Kuratorin zu mir, meine Arbeit sei zu geheimnisvoll für viele Leute. Das glaube ich nicht. Oft fragen mich Besucher in Ausstellungen, was meine Werke bedeuten. Wenn ich dann frage, was sie nicht verstehen, erzählen sie mir eine fantastische Geschichte, die zeigt, dass sie längst verstanden haben. Gute Kunst ist nicht eindeutig, aber sie bewegt, bleibt haften, lässt nicht gleichgültig.

Auf welche Werke sind Sie besonders stolz?

«Sam», eine Maske aus Bergkristall, gefällt mir sehr gut. Ich trug die Idee lange mit mir herum. Man riet mir ab, etwas in die Richtung zu machen. Eine Freundin sagte mir, es seien schon so viele Masken gemacht worden, von Picasso bis zu den Wrestling-Stars, alle stünden auf Masken. Ich sagte: «Es geht doch um das Wie, nicht um das Was.» Ich kam auf die Idee, eine Maske mit einer aufgesetzten Nase zu machen. Inspiriert dazu haben mich Georges Bataille und seine Schilderung eines Menschen, der mit einer falschen Nase durch die Welt geht. Schliesslich erlebte ich mit «Sam» einen unglaublichen Erfolg. Die Maske wurde an der Benefizauktion der Kunsthalle Bern für 17000 Franken von einer Sammlerin ersteigert.

Wie sieht es sonst mit der Nachfrage aus?

Seit die Krise da ist, läuft es besser – aber wahrscheinlich hat das nichts mit der Krise zu tun, sondern damit, dass ich allmählich einen guten Namen habe und sich Sammler und Institutionen für meine Arbeiten zu interessieren beginnen. Früher machte ich viele total unverkäufliche Sachen, Wachsgegenstände für Installationen, die ich danach wieder einschmolz.

Kann man in Ihrem Beruf so etwas wie Laufbahnplanung machen? Haben Sie eine Ahnung, was Sie in fünf Jahren machen werden?

Nein, das ist eine grosse Sorge von mir. Ich brauche eigentlich festen Boden unter den Füssen. Die Arbeit mit Kunst ist ein solches Wechselbad, dass man gut etwas Stabilität und Sicherheit vertragen könnte. Das gäbe mehr Ruhe für die Arbeit. Ich würde mir wünschen, dass mir jemand sagt: So wird deine Biografie aussehen, genau so wird sich deine Karriere entwickeln, du hast keine Wahl, Punkt. Das würde mich sehr entlasten.

Und wie sieht die Realität aus?

Im Moment arbeite ich für die Ausstellungen, die ich erwähnt habe. Wie es nächstes Jahr weitergeht, weiss ich noch nicht; es kann theoretisch sein, dass keine einzige Anfrage kommt. Diese Unsicherheit hat mich früher psychisch und physisch sehr belastet. Nun habe ich mich ein wenig daran gewöhnt. Ich kann es nicht ändern. Alles, was ich tun kann, ist hart arbeiten und hoffen, dass ich damit andere Menschen erreiche. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2009, 08:35 Uhr

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