«Bund»-Essaypreis

Einblick in eine «abstruse Beziehung»

Die 45-jährige Aargauerin Regula Haus Horlacher hat das Publikum in der Berner Dampfzentrale überzeugt und den 3. «Bund»-Essay-Wettbewerb gewonnen: In einem literarisch angehauchten Text legte sie die widersprüchliche Beziehung des Menschen zum Tier bloss.

Auch ihre Ausdrucksweise überzeugt: Essaypreisträgerin Regula Haus Horlacher im Gespräch mit Ueli Schmezer. (Bild: Adrian Moser)

Auch ihre Ausdrucksweise überzeugt: Essaypreisträgerin Regula Haus Horlacher im Gespräch mit Ueli Schmezer. (Bild: Adrian Moser)

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Für die Journalistin und Buchautorin Regula Tanner begann es mit einem Seepferdchen. «Die Zucht von Seepferdchen ist äusserst heikel», sagte Jurymitglied Tanner an der Preisverleihung des dritten «Bund»-Essay-Wettbewerbs im Gespräch mit Moderator Ueli Schmezer. Von tausend Seepferdchen überlebe in einem künstlichen Umfeld bloss eines. Und dieses eine Exemplar in einem Aquarium ging Tanner nicht mehr aus dem Kopf. «Warum hält jemand ein Seepferdchen?», fragte die Autorin vor den rund 250 Zuschauern in der Dampfzentrale. «Warum hält der Mensch in den eigenen vier Wänden überhaupt Tiere?»

Gemeinsam mit dem Fotografen Hansueli Trachsel hat Tanner im Buch «Tiere und ihre Menschen» die Vielfalt der Beziehungen zwischen Tier und Mensch reflektiert. Und diese Beziehung ist «voller Widersprüche», wie es in der Ausschreibung des Essaypreises zum Thema «Das Tier in mir» heisst.

«Tiere sind Teil der Umwelt»

Aus rund hundert eingesandten Manuskripten haben «Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel und Alexander Sury, Leiter des «Kleinen Bund», gut zwanzig Texte zuhanden der Jury ausgewählt. Gemeinsam mit dem Berner Tierparkdirektor Bernd Schildger und dem Zürcher Tieranwalt Antoine F. Goetschel hat Tanner drei Wettbewerbsbeiträge für die Preisverleihung auserkoren. «Ich bin der einzige Tieranwalt auf der Welt», sagte Goetschel, der sich für die Abschaffung des Sachstatus des Tieres in der Schweiz eingesetzt hat. Allein die Tatsache, dass es in der Schweiz einen Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen gibt, mag eigentümlich anmuten.

Tierparkdirektor Bernd Schildger kann dies jedoch nicht in Erstaunen versetzen. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier sei «abstrus», sagte Schildger. Die Arbeit im Tierpark bestehe eigentlich darin, den Menschen den «Respekt vor Tieren» zu vermitteln. «Tiere sind Teil der Umwelt und nicht Ersatz für den verlorenen Ehegatten», sagte Schildger unter Anspielung auf eine Aussage Tanners über die Beweggründe einer verlassenen Frau zum Kauf eines Kanarienvogels.

Der menschliche Irrtum

«Irgendwie scheint der individualisierte Teil der Menschheit verlernt zu haben, an wen man seine Emotionen richten könnte», heisst es im zweitplatzierten Text des 41-jährigen Berner Historikers und Katzenhalters Daniel Schläppi. In dieser Orientierungslosigkeit böten sich Tiere als «ideale Projektionsflächen» und «dankbare Adressaten menschlicher Emotionen» an. In einem verspielten Mix aus persönlichen Schilderungen und Reflexionen spürte Schläppi den «grossen Gefühlen» nach, die hinter der Idealisierung von Tieren zu besseren Menschen stecken. Wie gross der dahintersteckende Irrtum sein muss, geht aus der Aussage eines Tierarztes hervor, die er dem Autor gegenüber vertraulich geäussert hat. Bei Klein- und Haustieren, so der Tiermediziner, seien die diagnostischen Methoden derart unsicher, dass Kleintierärzte zu achtzig Prozent nicht die Tiere, sondern deren Halter therapierten. Dabei hat deren Gefühlsverirrung durchaus Verständnis verdient, «sprechen doch nur geborene Katzenstrecker und Hundehasser nicht auf Tiere an». Wofür Schläppi in seinem Text plädierte, blieb letztlich unklar. Am ehesten schien er sich für eine nüchterne Betrachtungsweise der Beziehung von Mensch und Tier einzusetzen. «Als Adressaten menschlicher Gefühle taugen Tiere nur in unserer Vorstellung.»

Vergötterung und Verteufelung

Wie nahe Vergötterung und Verteufelung der Kreatur besonders bei Heranwachsenden liegen können, machte der Siegertext von Regula Haus Horlacher deutlich. In einer knappen, scheinbar oberflächlichen und doch literarisch-dichten Sprache schildert eine Ich-Erzählerin ihr ambivalentes Verhältnis zu einem «Wunschhund» und zu einem Meerschweinchen. Hund und Meerschweinchen bleiben stets dieselben – aber der «Wunschhund» wird allmählich zum Ärgernis und das Meerschweinchen wird bald langweilig. Regula Haus Horlacher hat im engeren Sinn zwar keinen Essay geschrieben. Aber ihre Erzählung unter dem Titel «Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr» brachte einem das menschliche Missverständnis im Umgang mit Haustieren näher, als dies ein theoretischer Text vermocht hätte. Das Schlussbild der schmollenden Katze der Nachbarin, welche die Ich-Erzählerin nicht mehr grüsst, ist zwar erneut eine menschliche Projektion – führt den Mechanismus als solchen aber ad absurdum und legt ihn damit bloss.

«Eine komische Welt»

Damit traf sie eher den Geschmack des Publikums als Schläppi mit seinen Betrachtungen und der 64-jährige Thurgauer Martin Ebner mit der an Franz Hohler gemahnenden Vision einer «Rückeroberung» durch die Tierwelt. Regula Haus Horlacher, die aus ihren schriftstellerischen Ambitionen keinen Hehl machte, obsiegte in der Urnenabstimmung deutlich.

«Wir leben in einer komischen Welt, aber niemand findet sie komisch», sagte Moderator Ueli Schmezer zu Beginn des Abends. Wir töteten Nutztiere und verarbeiteten diese zu Nahrung. Und wir verfütterten Lachsguetzli an unsere Hauskatzen. Die Siegertexte des «Bund»-Essay-Wettbewerbs schafften es, ein wenig Licht in diese «komische Welt» zu bringen.

Der «Kleine Bund» veröffentlicht ab 24. Januar die drei Essays in ungekürzter Version. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2009, 14:15 Uhr

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