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«Die Korruption zerstört das schöne Land»

Peter und Alfred Hostettler aus Moosseedorf leben seit 50 Jahren in Südafrika. Dort gebe es zwar viele Probleme, doch in der Schweiz wäre es ihnen zu eng.

15 Minuten Altersunterschied: Peter (links) und Alfred Hostettler in Moosseedorf.
15 Minuten Altersunterschied: Peter (links) und Alfred Hostettler in Moosseedorf.
Franziska Rothenbühler

Auf einer massiven Kommode steht ein alter Globus, getragen von einem vierbeinigen, hölzernen Gestell. An den Wänden hängen gestickte Bilder, die elegante Pendeluhr ist bei fünf nach vier stehen geblieben. Tatsächlich wähnt man sich im Haus von Alfred und Peter Hostettler in einer vergangenen Zeit. Das Grundstück an der Bernstrasse in Moosseedorf erbten die pensionierten Zwillinge von ihren Eltern. Hier verbringen sie jedes Jahr den Sommer. Den Rest des Jahres leben die 73-jährigen Auswanderer auf der anderen Seite der Erdkugel, in Kapstadt.

Für ihre Wahlheimat haben sie sich vor fünfzig Jahren entschieden. «Uns hat damals die Abenteuerlust getrieben», sagen sie. Diese hätten sie vermutlich von ihrem Grossvater. Dieser fuhr in seiner Jugend zur See, um die Welt zu sehen, bevor er eine Konditorei in Moosseedorf eröffnete. Ihr Vater hingegen blieb sein Leben lang im Dorf und engagierte sich in der Gemeinde als Ratsmitglied, in der Schulkommission und im Uferschutzverband.

Eine fremde Welt

Seine Söhne wiederum trieb es fort. 1969 reiste der Feinmechaniker Alfred Hostettler zusammen mit zwei Freunden nach Johannesburg, weil Südafrika damals Fachleute aus Europa anwarb. Die dortige Regierung kam für alle Reise- und Logierkosten auf. Deshalb reiste sein Bruder Peter Hostettler, gelernter Automechaniker, ein Jahr später nach. In der Fremde suchten sie sich bald auf eigene Faust eine Bleibe, um nicht mehr vom Staat abhängig zu sein.

Sie zogen von Germiston in der Nähe von Johannesburg nach Kapstadt um. Beide konnten als junge Burschen kein Englisch. Zum Glück konnten sie sich auch mit Deutsch und Französisch durchschlagen. Doch nicht nur die Sprache, sondern auch das Apartheidsystem war gewöhnungsbedürftig. «Das war schon eine fremde Welt für uns», sagt Alfred Hostettler. «Ein Schock», fügt sein Bruder an. Da von den Toiletten bis zu den Siedlungsgebieten alles nach Rassen getrennt war, hatten sie kaum Kontakt zur nicht weissen Bevölkerung.

Vor 25 Jahren wurde die Rassentrennung in Südafrika aufgehoben. Wie erlebten Hostettlers das Verhältnis zwischen weisser und schwarzer Bevölkerung nach dem Umbruch von 1994? Schwarze hätten ihr während der Apartheid konfisziertes Land zurückverlangt, weisse Farmer hätten den Besitz nicht hergeben wollen, erzählen sie. Der Konflikt sei heute noch spürbar.

«Am Morgen kann man in die Berge gehen, am Abend ans Meer.»

Man merke, dass auf den hoch geachteten ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela kein Nachfolger dieses Formats gefolgt sei. «Die Korruption zerstört das schöne Land», sagen sie. Die Schere zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiss werde immer grösser. Das Bevölkerungswachstum fördere die Arbeitslosigkeit. Deshalb wandere die zweite Generation der emigrierten Schweizerinnen und Schweizer grösstenteils wieder nach Europa aus.

Viel zu wenig Platz

Trotz dieser Umstände blieben die Zwillingsbrüder bis heute in Afrika. «Die Lebensqualität in Kapstadt ist gut», findet Peter Hostettler. Sein Bruder stimmt zu: «Am Morgen kann man in die Berge gehen, am Abend ans Meer.» Auch das Klima gefällt ihnen dort besser. Hostettlers pflegen vor allem den Kontakt zu anderen Auslandschweizern. Sie sind dem lokalen Schützenverein beigetreten und haben früher in einem Männerchor mitgesungen.

Die Zwillingsbrüder machen fast alles zusammen. «Man hat eben die gleichen Interessen», sagen sie. Weil die Brüder nicht getrennt voneinander leben wollten, ist Peter Hostettler vor fünfzig Jahren seinem jüngeren Bruder nachgereist. Peter ist fünfzehn Minuten älter. «Weil ich ihn hinausgeworfen habe», sagt Alfred – und beide lachen. In der Kindheit zog ihnen die Mutter meist identische Kleider an. Noch heute sind sie ähnlich angezogen: helle Shorts und graue Poloshirts. Wurden sie oft verwechselt? «Sehr oft», bestätigen sie. Ihr Vater habe grösste Schwierigkeiten gehabt, sie auseinanderzuhalten. «Manchmal erzählte er einem Sohn kurz hintereinander dasselbe, weil er meinte, nun höre ihm der andere zu.»

Könnten sie sich vorstellen, hauptsächlich in der Schweiz zu wohnen? Niemals, sagen beide: «In der Schweiz ist viel zu wenig Platz.» Erinnert sie die derzeitige Hitze an Südafrika? Hostettlers sagen, der letztjährige Hitzesommer in Südafrika sei schlimm gewesen. So habe die Regierung die Wasserzuteilung auf 50 Liter pro Tag und Person rationiert.

Als Bürger Südafrikas dürfen sie politisch mitbestimmen. Peter Hostettler zeigt einen orangen Farbstrich auf dem Daumennagel. Damit soll gewährleistet werden, dass niemand zweimal an die Urne gehen kann. Und als Schweizer Bürger? Auch da nehmen sie ihr Stimm- und Wahlrecht wahr, so oft es geht. «Aber oft erhalten wir das Couvert mit den Unterlagen zu spät.»

Begegnungen mit Menschen: wiedermontag.derbund.ch

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