Die Schüler schlagen zurück

Von politischen Niederlagen lässt sich die Klimabewegung nicht aufhalten. Im Gegenteil. Die neuste Berner Klimademo war so gross wie noch nie.

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Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

«Das ist ja wie bei den Gilets Jaunes», witzelt ein Mann, der unter der grossen Anzeigetafel am Berner Bahnhof steht. Umgeben ist er jedoch nicht von randalierenden Leuchtwestenträgern, sondern von jungen Menschen, vor allem Kindern. Sie halten selbstgemachte Plakate und Transparente in die Luft mit Aufschriften wie «Gottfridstutz: Klimaschutz» und «Mama, was ist ein Eisbär?»

An diesem Freitag ist wieder ein weltweiter Klimastreik angesagt, in über 20 Städten in der Schweiz fordern Jugendliche im Klimaschutz Taten statt Worte. in über 20 Schweizer Städten forderten Junge Taten statt Worte. Nach der Enttäuschung über die Ablehnung des bernischen Energiegesetzes und des CO2-Gesetzes durch den Nationalrat melden sich die Klimaaktivisten in der Bundesstadt eindrücklich zurück.

In Bern streiken zum ersten Mal offiziell auch die Studierenden. Kurz vor dem Mittag treffen sich Hunderte Studentinnen und Studenten vor dem Hauptgebäude der Universität und marschieren schliesslich gemeinsam zum Waisenhausplatz. Er sei sonst selten an Demos, sagt der Jus-Student Camille Savary. «Aber bei diesem dringlichen Thema fühle ich mich verpflichtet, dabei zu sein.» Er sehe zwei Möglichkeiten, in der Gesellschaft etwas zu bewirken: «Entweder man wird in der Politik aktiv, oder man geht auf die Strasse.» Die Schülerstreiks hätten nicht nur die Bedeutung der Klimafrage aufgezeigt, sondern auch vielen Menschen deutlich gemacht, dass Demonstrationen eine zugängliche Form der politischen Aktivität seien.

Am Waisenhausplatz hat sich bereits eine beträchtliche Menge aus Demonstrierenden unterschiedlichen Alters versammelt. Mit der Ankunft der Studierenden schwillt die Kundgebung zu der grössten Berner Klimademo der letzten Wochen an: Insgesamt nehmen rund 8000 Menschen teil.

«Wir sind so viele, und wir werden noch mehr!»

Bei der Platzkundgebung werden Reden zur Klimagerechtigkeit mit tosendem Beifall begrüsst. «Seit Jahren träume ich von einer solchen Bewegung», schwärmt eine Rednerin. «Wir sind so viele, und wir werden noch mehr!» In einer besonders feurigen Ansprache machen drei Jugendliche Stimmung gegen die Klimasünden der Schweizer Banken. Die UBS und die Credit Suisse seien durch ihre Investitionen indirekt für enorme Treibhausgasemissionen verantwortlich. «Solange das Portemonnaie dicker wird, ist es ihnen egal, wenn die Luft zum atmen dünner wird.»

Dass die Klimastreik-Bewegung immer neue Anhänger anzieht, beweisen Neil und Ronja, 14- respektive 13-jährig. Die Kundgebung an diesem Freitag ist ihr erstes Erlebnis einer Demonstration. «Uns ist diese Demo wichtig, weil wir die Folgen des Klimawandels viel stärker mitbekommen werden, als Leute, die jetzt 50 oder 60 Jahre alt sind», so Ronja. «Es ist cool, hier so viele Menschen zu sehen, denen das Thema auch wichtig ist», sagt Neil.

Auch Erwachsene finden sich auf dem Waisenhausplatz ein, um die Politik und die Wirtschaft zum Handeln aufzufordern. Dazu gehören Stefan und Jerome, die mit ihren beiden Töchtern im Kleinkindalter anwesend waren. «Es geht um ihre Zukunft», sagt Jerome, auf seine Tochter im Baby-Tragerucksack deutend. Bei der Klimafrage werde zu viel um den heissen Brei geredet und zu wenig gemacht. «Jetzt ist es Zeit, ein Zeichen zu setzen.»

Nachdem Musikerinnen des Gymnasiums Hofwil ein Klimaschutz-Lied mit der Melodie der italienischen Partisanenhymne «Bella Ciao» vortragen, begibt sich die Menge auf den Demoumzug. Dieser verläuft über Kornhausbrücke und Viktoriastrasse, dann via Aargauerstalden und Nydeggbrücke zurück ins Stadtzentrum.

Sommaruga zeigt Verständnis

In Lausanne schwänzen viele Jugendliche die Schule, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Um 10.30 Uhr startet der Protestmarsch, der vom Bahnhof ins Stadtzentrum führt. Auf Schildern und Transparenten konnte man lesen: «Ohne einen Planeten werden wir dumm aussehen» ist einer der lautstarken Sprechchöre, die zu hören sind. Die Polizei schätzt die Zahl der Kundgebungsteilnehmer in Lausanne auf rund 10'000. Erneut schliessen sich viele Erwachsene der Jugendbewegung an.

Ob in Bern, Luzern, Lausanne oder Neuenburg: Schweizer Jugendliche gehen für Klimaschutz auf die Strasse. Video: Keystone/SDA

Bundesrätin und Umweltministerin Simonetta Sommaruga versteht die Ungeduld der Jugendlichen, wie sie in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagt. «Wir müssen jetzt Antworten geben, denn der Klimawandel ist auch in der Schweiz angekommen», sagte Sommaruga am Donnerstag in Nairobi. Dort hat sich die Bundesrätin an der vierten Vollversammlung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEA-4) für eine Stärkung der internationalen Umweltpolitik ausgesprochen. Nicht nur international setzt sich Sommaruga für Umweltschutz ein, sie setze sich im Parlament mit all ihren Möglichkeiten für die Ausarbeitung des CO2-Gesetzes ein, sagt Sommaruga.

Die Organisatoren des Klimastreiks in der Schweiz fordern, dass die Schweiz den Klimanotstand ausruft, heisst es auf der Webseite. Zudem solle die Schweiz bis im Jahr 2030 ihre «Treibhausgasemmissionen auf Null senken», dies ohne Kompensationstechnologien einzuplanen.

Dezentrale Jugendbewegung

Die Klimastreiks in der Schweiz werden von einer dezentralen Jugendbewegung organisiert, die weder an eine Partei noch an eine Organisation gebunden ist, wie es auf der Webseite der Organisatoren weiter heisst. Am 14. Dezember hatte der erste Klimastreik mit rund 300 Teilnehmenden in Zürich stattgefunden.

Unterdessen ist die Bewegung gewachsen. Anfangs Februar demonstrierten in 14 Schweizer Städten Tausende Schülerinnen und Schüler, Eltern, Grosseltern und andere Sympathisanten für einen besseren Klimaschutz und die Ausrufung des Klima-Notstands. Nach Angaben der Polizei waren es landesweit mehr als 38'000 Personen. Laut den Organisatoren waren es 65'000 Menschen.

Start in Neuseeland

Mit einer Demonstration in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington hat am Freitag der weltweite Protesttag von Jugendlichen begonnen. Die Schüler-Proteste gehen auf die schwedische Schülerin Greta Thunberg zurück. Sie hatte vergangenes Jahr begonnen, jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament für Klimaschutzmassnahmen zu demonstrieren, statt in die Schule zu gehen. Dafür wurde sie mittlerweile für den Friedensnobelpreis nominiert.

«Wir erleben nur den Anfang», schreibt Thunberg im Kurzmitteilungsdienst Twitter zu der jüngsten Protestwelle. «Ich denke, dass der Wandel am Horizont zu sehen ist und die Menschen für ihre Zukunft aufstehen.»

Trotz anhaltender Warnungen von Wissenschaftlern vor den Folgen der Erderwärmung hat der weltweite Ausstoss von klimaschädlichem Kohlendioxid in den vergangenen zwei Jahren neue Rekordwerte erreicht. Laut einem Bericht des Weltklimarats IPCC vom Oktober kann nur ein grundlegendes weltweites Umsteuern eine globale Klimakatastrophe verhindern.

Der Bund

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