«Die Fahrerin töggelte auf dem Handy und fuhr auf mich zu»

Konzentriert regelt Laura Amato am Berner Ostring den Verkehr. Zerstreut sind hingegen manche Auto- oder Velofahrer – oder sogar ungeduldig und aggressiv.

Laura Amato wird für den Fototermin am Ostring von einem Kollegen abgelöst.

Laura Amato wird für den Fototermin am Ostring von einem Kollegen abgelöst.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Als Laura Amato wegen der «Bund»-Anfrage zum Chef des Securitas-Verkehrsdiensts gerufen wird, befürchtet sie zuerst, jemand habe sich beschwert. Aus Erfahrung weiss sie, dass die orange gewandeten Männer und Frauen auf Kreuzungen und bei Baustellen für manche Verkehrsteilnehmer ein rotes Tuch sind. Zwar gebe es auch die dankbaren, die beim Vorbeifahren aus dem Auto oder auf dem Velo riefen: «Seit ihr hier den Verkehr regelt, geht es viel rassiger als mit der Ampel.» Das stimme auch, sagt Amato. Bei einer Ampel gebe es stets Momente, in denen sich nichts bewege. Ein Mensch, der alles im Blick habe, könne viel rascher auf Situationen reagieren als ein Lichtsignal, das nach Schema F programmiert sei. Manche Verkehrsteilnehmer haben es laut Amato immer eilig, sie liessen sich von niemandem etwas vorschreiben, schon gar nicht von Leuten, die keine «richtigen» Polizisten seien.

«Wenn ich die Schicht beendet habe, lege ichinnerlich denSchalter um.»Laura Amato

Die 39-jährige zweifache Mutter macht den Job seit Februar. Die zupackende Frau mit sizilianischen Wurzeln war zuerst als Anlassdienstspezialistin tätig, doch sei es immer ihr Ziel gewesen, als Verkehrsdienstspezialistin zu arbeiten. Einfach dazustehen, sei nichts für sie. VD heisst der Verkehrsdienst im Securitas-Jargon: Amato liess sich danach auch für den KD ausbilden, den Kreuzungsdienst, was noch einen Zacken anspruchsvoller ist. Wer auf einer Kreuzung steht, muss quasi den 360-Grad-Radar im Kopf eingeschaltet haben, damit nichts der Aufmerksamkeit entgeht: Schulkinder, die über den Zebrastreifen wollen, betagte Leute, Autofahrerinnen, Velofahrer, Tram oder Bus.

Wie an unsichtbaren Fäden

Man lerne in einem Kurs, präzise und klar zu winken, sie habe einen Super-Lehrer gehabt, sagt Amato. Nach dem Theorietest absolvierte sie auf einer Verzweigung in Bümpliz den Praxistest mit einem breitkrempigen Filzhut auf dem Kopf, denn «es regnete wie verrückt». Amato hat eine starke körperliche Präsenz. Wer ihr zusieht, wie sie die Verkehrsteilnehmer ins Auge fasst und mit zwingenden Bewegungen zu sich winkt, hat fast den Eindruck, als zöge sie die Fahrzeuge an unsichtbaren Fäden über die Kreuzung.

Hier an der Baustelle am Ostring regnet es nicht, es ist ein Hitzetag. Der Uniformhut mit dem perforierten Stoff beugt zwar einem Sonnenstich vor, doch die ständige Konzentration ist anstrengend. «Nach einer Viertelstunde werden wir abgelöst», sagt Amato. Denn einen Fehler darf sich die Securitas-Mitarbeiterin nicht erlauben. «Wir sind für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer da.»

Viele anerkennten dies und seien dankbar, andere wiederum verärgert, weil sie warten müssten – wie sonst vor der Ampel. «Wegen der Uniform sehen viele in uns nicht den Menschen, sondern nur die Funktion.» Manchmal zeige einem jemand den Vogel. Einige machten ungeduldige Handbewegungen. Schlimm sei, wenn jemand in einem Auto, das leicht zur Waffe werden könne, unkonzentriert am Steuer sitze. «Eine Frau töggelte am Handy und fuhr langsam auf mich zu.» Im letzten Moment habe die Lenkerin sie wahrgenommen und gebremst. «Ich bedeutete ihr, dass sie schauen müsse.» Doch die Frau habe sich keineswegs geschämt, sondern eher empört gewirkt. «Es gibt welche, die fahren einem absichtlich direkt bis vor die Füsse.» Ihr gibt dieses Verhalten «schon zu denken», andererseits ist sie kein Mensch, der lange über unfreundliche Begegnungen nachgrübelt. «Wenn ich die Schicht beendet habe, lege ich innerlich den Schalter um.» Sie liebe diesen Job, zumal die positiven Begegnungen in der Mehrheit seien. Zudem sei sie froh, dass sie 50 Prozent arbeiten und die Kinder oft selbst betreuen könne, das sei ihr sehr wichtig.

Einmal stand auf der Kreuzung plötzlich ein «richtiger» Polizist. Grund war der Besuch eines «hohen Tiers», vermutlich ein ausländischer Minister. Eine dunkle Wagenkolonne huschte vorbei. «Du machst das noch cheibe gut», habe der Polizist gesagt, als sie den Verkehr regelte – und es klang wie ein Abwerbeversuch. Allerdings ein untauglicher, denn: «Ich bin immer noch Italienerin.» Ein «Tschinggeli», wie sie ironisch anfügt. Bei ihren Verwandten in Sizilien sei sie längst eine Svizzera, sogar una capitalista. Und wieder lacht Laura Amato entwaffnend.

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