«Die Diaspora ist meine Heimat»

Die zweite Generation der Tamilen in der Schweiz hole nun die kulturelle Integration nach, sagt die Juristin Laavanja Sinnadurai.

«Wer spricht für die Tamilen? Stehen Sie nun «kopflos» da?»: Laavanja Sinnadurai. Bild: Franziska Rothenbühler

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Frau Sinnadurai, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie als Schweizerin tamilischen Ursprungs vom Prozess gegen Geldbeschaffer der Tamil Tigers lesen?
Der Prozess betrifft die tamilische Diaspora in der Schweiz und damit meine zweite Heimat. Als Vertreterin der zweiten Generation von Tamilen in der Schweiz ist es schwierig für mich, dazu Stellung zu nehmen.

Weshalb?
Ich wurde 1990 geboren und in meiner Kindheit war der Einfluss der Tamil Tigers gross. Ich habe im tamilischen Unterricht die heimatliche Sprache gelernt. Am Heldentag habe ich getanzt und bin zwischen den Bildern mit den Konterfeis der verstorbenen LTTE-Kämpfer umhergerannt. Als eines der grösseren Mädchen habe ich oft die sri-lankische Armee gespielt. So haben wir die Geschichte unseres Volkes gelernt.

Das hat sich nach dem Ende des Krieges 2009 geändert? Ja. Erst nach der Niederlage der LTTE stellte ich fest, dass der De-Facto-Regierungsstatus der Tigers in der Diaspora nicht einfach gegeben war.

Eine späte Erkenntnis.
Ich hatte eine tolle Kindheit erlebt. Erst in der Pubertät habe ich realisiert, dass ich nicht die gleichen Freiheiten hatte wie meine beste Schweizer Freundin. Meine Eltern waren anfänglich noch sehr rigide in Sachen Ausgang. Da begann ich mich im Rahmen meiner Matura-Arbeit intensiver mit meiner Herkunft zu befassen. Und just in dieser Phase ging der Bürgerkrieg zu Ende. Ich habe mich gefragt, wer nun für die Tamilen spricht. Stehen sie nun «kopflos» da?

Wer spricht für die Tamilen?
Das ist die Frage. Es gibt tamilische Parteien im Parlament Sri Lankas. Die Frage ist aber, ob sie sich für die Rechte der Tamilen einsetzen können. Der Krieg ist zwar vorbei, aber der Konflikt ist noch nicht gelöst. Ich hatte bei Kriegsende im Jahr 2009 die Demonstrationen am Sonntagmorgen vor dem Bundeshaus sinnlos gefunden. Aber ich realisierte, dass die Menschen ihrer Trauer irgendwo Ausdruck verleihen mussten.

Was hatte es mit den Geldsammelaktionen für die Tigers auf sich?
Meine Eltern haben freiwillig gespendet. Aber darüber hat man nicht gesprochen. Man hat das damals einfach getan.

Dann ist der Prozess bloss Vergangenheitsbewältigung?
Im Prozess geht es ja um mögliche Gesetzesverstösse bei der Finanzierung der Tamil Tigers. Als Juristin sage ich dazu: Falls es zu Urkundenfälschungen und zwangsweisen Geldeintreibungen gekommen sein sollte, muss das bestraft werden. Der Grossteil der ersten Generation hat aber freiwillig gespendet, weil viele über den Verlauf des Krieges verzweifelt waren. Aber die LTTE hat nicht nur Geld beschafft. Sie war auch bemüht, die Sprache und die Kultur in der tamilischen Diaspora zu pflegen.

Wie gut sind die Tamilen in Bern integriert?
Allgemein kann man sagen: Die erste Generation hat sich bestens in den Schweizer Arbeitsmarkt integriert. Die kulturelle Integration wird nun von der zweiten Generation nachgeholt.

Ihre Eltern hatten ein Reinigungsinstitut aufgebaut. Sie haben studiert. Inwiefern ist das typisch?
Die erste Generation hat viel gearbeitet, um ihren Kindern einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Meinen Eltern war es wichtig, dass alle drei Kinder einmal auf eigenen Beinen stehen.

Eines der drei sollte an die Uni?
Das war ein Wunsch meiner Eltern. Die Motivation dafür begann jedenfalls sehr früh, etwa mit Nachhilfestunden.

Gibt es Spannungen zwischen den Generationen?
Die ersten Generation ist immer noch in einem Schockzustand. Sie hat die schrecklichen Bilder des Krieges verinnerlicht, vor dem sie geflohen ist. Der Wunsch nach einem eigenen Staat ist noch tief verankert. Für die zweite Generation ist die heimatliche Kultur nicht alles. Sie will auch hiesige Werte aufnehmen. Jugendliche wollen nicht immer nur an Tempelfeste gehen.

Werden gemischte Ehen von der älteren Generation akzeptiert?
Vor zehn Jahren war das noch ein Tabu. Heute sind gemischte Ehen normal. Eine tamilische Freundin hat mir jüngst erzählt, dass ihr Schweizer Freund Randen nicht möge, aber in der Zubereitungsart ihrer Eltern habe er sie sehr gerne gegessen.

Sie sagten einmal, Sie möchten nicht das Leben führen, dass sich ältere Tamilen für Sie vorstellten. Was haben Sie damit gemeint?
Damals war ich noch jung. Aber ich habe das Thema Generationenkonflikt etwas satt. Wenn die erste Generation akzeptieren würde, dass sie nun in der Schweiz eine Heimat hat, wäre alles etwas einfacher. Aber die erste Generation ist mit dem Herzen oft noch in Sri Lanka. Für mich aber ist die tamilische Diaspora in der Schweiz meine Heimat. Wenn ich im Tempel bin, bin ich in der Heimat. Wenn ich mit tamilischen Kindern unterwegs bin, bin ich in der Heimat.

Der Generationenkonflikt entzündet sich wohl auch beim Heiraten. Gibt es noch viele arrangierte Ehen?
Arrangierte Ehen sind eher ein Phänomen der Flüchtlinge, die noch nicht lange in der Schweiz sind. Ansonsten hat ihre Zahl stark abgenommen.

Was möchten Sie Ihren Kindern von der tamilischen Kultur mitgeben?
Den Respekt und die Dankbarkeit gegenüber den Eltern.

Den es in der Schweiz nicht mehr so stark gibt?
Nicht unbedingt. Ich meine auch die Dankbarkeit den Lebensumständen in der Schweiz gegenüber. Ich rege mich nicht auf, wenn der Bus einmal zehn Minuten Verspätung hat. Und ich bin sehr glücklich, dass ich mich als Frau in der Schweiz frei entfalten kann. Meine Kinder sollen wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie in der Schweiz in Sicherheit und Freiheit leben können.

Haben Sie hierzulande jemals Rassismus erlebt?
Ich wurde im Alter von 26 Jahren zum ersten Mal rassistisch angegangen, und zwar von einem türkischen Schuhmacher. Erst als ich den Laden verliess, habe ich es realisiert. Ich war schlicht fassungslos. (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2018, 08:15 Uhr

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Laavanja Sinnadurai ist in der Schweiz geboren und hat an der Universität Bern Rechtswissenschaften studiert. 2010/2011 sass sie für die SP im Könizer Parlament. Die Mediatorin ist Mitglied der Eidgenössischen Migrationskommission (EMK). (bob)

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