«Die Berner Kinder sind nicht ausreichend geimpft»

Die vielen Masernfälle im Kanton Bern ist für Susanne Stronski ein Grund zur Sorge. Für ein Impfobligatorium ist die Co-Leiterin Gesundheitsdienste Stadt Bern allerdings nicht.

Susanne Stronski ist Co-Leiterin Gesundheitsdienste Stadt Bern.

Susanne Stronski ist Co-Leiterin Gesundheitsdienste Stadt Bern.

(Bild: zvg)

Frau Stronski, letztes Jahr wurden im Kanton Bern drei Fälle von Masern registriert, dieses Jahr sind es schon über 80. Muss man sich Sorgen machen?
Ja, man muss sich Sorgen machen. Allerdings gibt es gibt bei Epidemien immer eine gewisse Periodizität, das ist normal. In der Schweiz haben wir zum Glück ein sehr gutes Gesundheitssystem. Die häufigsten Komplikationen von Masern, Mittelohr- oder Lungenentzündung können in der Regel gut behandelt werden. In manchen Entwicklungsländern sterben hingegen nach wir vor viele Maserninfizierten an Komplikationen. Sorgen machen uns hier vor allem die Gehirnentzündungen, Masern bei Patienten mit chronischen Krankheiten sowie Langzeitschäden, etwa die Jahre später ausbrechende tödliche Hirnerkrankung SSPE.

Warum gibt es ausgerechnet in Bern so viele Masernfälle?
Masern sind ja nicht ausgerottet und können so einfach in eine Gemeinschaft eingeschleppt werden. Hauptgrund ist aber der mangelnde Impfschutz: Die Berner Kinder sind nicht ausreichend geimpft. Dahinter steckt nicht immer Absicht: Es gibt auch Eltern, die es schlicht vergessen haben, und oft sind die Impfausweise nicht zur Hand. Die schulärztlichen Dienste sind hilfreich im Ergänzen der vergessenen Impfungen. Die Einführung eines digitalen Impfausweises könnte dieses Problem weiter entschärfen.

Statistisch gesehen sind schwere Nebenwirkungen von Masernimpfungen sehr viel geringer als schwere Komplikationen bei Ausbruch der Krankheit. Trotzdem gibt es Eltern, die ihre Kindern nicht gegen Masern impfen. Warum?
Zum Teil hat das auch mit den im Internet verbreiteten Desinformation zu tun, die Eltern stark verunsichert. Zum anderen ist die Masernimpfung ein Opfer ihre Erfolgs geworden: Vor den Impfungen war das Wissen um die Gefährlichkeit der Krankheit weitverbreitet. Während meiner Zeit als Assistenzärztin hatte ich noch Kinder behandelt, die an maserninduzierten Erkrankungen litten. Wer das einmal gesehen hat, muss nicht mehr von der Impfung überzeugt werden.

An den Steiner-Schulen geben die Schulärzte generell keine Empfehlungen zu Impfungen ab. Was halten Sie davon?
Ich bin der Meinung, dass jeder Arzt – auch an privaten Schulen – die Masernimpfung empfehlen sollte. Es ist auch eine Frage der Solidarität: Wer sich impfen lässt, schützt damit auch Menschen, die das nicht können: Kranke, Schwangere und Säuglinge.

Braucht es eine Impfpflicht?
Das wäre in der Schweiz meiner Meinung nach eher kontraproduktiv. Die Folge wäre ein Glaubenskrieg, der viel Energie verbraucht. Überzeugte Impfgegner sind eine kleine Minderheit, die erreicht man auch nicht mit rationalen Argumenten. Zielführender ist es, diejenigen Eltern zu erreichen und objektiv zu informieren, die sich noch nicht sicher sind. Die allermeisten entscheiden sich ja nach wie vor für die Massenimpfung.

Was halten Sie von der Masernimpfung. Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.

DerBund.ch/Newsnet

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