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Der goldene Ohrring von Kallnach

In einem Fürstengrab im Wald bei Kallnach haben Archäologen einen einzigartigen Fund gemacht: einen Ohrring, der über 2500 Jahre alt ist.

Der gefundene Goldohrring muss um etwa 550 vor Christus einer vornehmen Person gehört haben.
Der gefundene Goldohrring muss um etwa 550 vor Christus einer vornehmen Person gehört haben.
Franziska Rothenbühler

Ausserordentlich reich und vielfältig sei das archäologische Erbe des Kantons Bern, sagte Bildungsdirektorin Christine Häsler. Das belegen etwa die Bronzehand von Prêles, die Funde vom Schnidejoch oder die Pfahlbauten an Thuner- und Bielersee. Das neuste Fundstück des Archäologischen Dienstes ist ein goldener Ohrring aus dem Challnechwald. Der Ohrring aus sehr feinem Goldblech muss um etwa 550 vor Christus einer vornehmen Person gehört haben.

Das Schmuckstück wurde in einem der zahlreichen Grabhügel im Wald gefunden. Der Ring zeige die hohe Kunstfertigkeit der Kelten, sagte Kantonsarchäologe Adriano Boschetti an einer Medienkonferenz. Beeinflusst sei der Ring aber von Vorbildern aus dem Mittelmeerraum. «Der Goldohrring aus Kallnach ist das weitaus kunstvollste bekannte Exemplar aus der Schweiz.»

Der Archäologische Dienst des Kantons Bern kann in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiern, mit dem Goldfund haben sich die Archäologen bereits selber ein Geschenk gemacht. Das Jubiläum wird aber auch ab dem 21. März mit einer Wanderausstellung gefeiert, welche die Vielfalt der Funde dokumentiert.

Visualisierung der Jubiläums-Wanderausstellung «Archäologie macht Geschichte: Funde aus dem Kanton Bern». Foto: Archäologischer Dienst Bern, Max Stöckli
Visualisierung der Jubiläums-Wanderausstellung «Archäologie macht Geschichte: Funde aus dem Kanton Bern». Foto: Archäologischer Dienst Bern, Max Stöckli

Im Wald bei Kallnach lebten in der älteren Eisenzeit (800 bis 500 vor Christus) Kelten. Führende Persönlichkeiten und ihre Angehörigen liessen sich in Grabhügeln bestatten, sechs der insgesamt 15 Grabhügel werden vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern derzeit untersucht (lesen Sie hier mehr über die Totenstadt im Wald). In den Hügeln befanden sich wohl Grabkammern aus Holz, einige mit Steinen überdeckt. Die Skelette jedoch sind wegen des sauren Bodens fast vollständig zersetzt, nur kleinere Knochensplitter sind noch erhalten.

Grabungen im grossen Stil

Bei den Grabungen handelt es sich um Rettungsgrabungen, denn im Challnechwald soll Kies abgebaut werden. Bevor die Baggerschaufel die einzigartigen historischen Quellen unwiderruflich zerstört, sucht ein Team von Archäologen und Archäologinnen nach Grabbeigaben und dokumentiert die Fundzusammenhänge. Normalerweise hat der Schutz der Fundstellen höchste Priorität, doch das ist in diesem Fall nicht möglich. Die Grabungen im grossen Stil sind schon seit einiger Zeit im Gang.

Der Goldohrring aus Kallnach ist das weitaus kunstvollste bekannte Exemplar aus der Schweiz.

Adriano Boschetti, Kantonsarchäologe

Zumindest ein Teil der Grabhügel im Wald ist seit langem bekannt: Edmund von Fellenberg hat dort vor rund 150 Jahren gegraben. 1874 und 1877 fand er unter anderem ein Keramikgefäss, einen Bronzekessel und einen Armring. Die NZZ berichtete 1877: «Edmund von Fellenberg, Direktor des Antiquariums in Bern, hat letzte Woche neuerdings in der Gemeinde Kallnach bei Aarberg zwei interessante alte Grabhügel untersucht. Der eine der Hügel enthielt ein schmales, gut gebautes Steinbett und einen Armring aus Lignit sowie ein kleines Steinbett, auf welchem eine Kinderleiche verbrannt worden sein mag. Der andere Grabhügel barg ein aus grossen erratischen Blöcken aufgebautes Steinbett, neben welchem sich die Überreste einer mangelhaft gebrannten Aschenschüssel und eine eiserne Lanzenspitze von der schlanken vorrömischen Form befanden. In beiden Gräbern lagen kleine Häufchen verkohlter Eicheln.»

Ausgrabungen der Grabhügel bei Kallnach. Foto: Archäologischer Dienst Bern, Philippe Joner
Ausgrabungen der Grabhügel bei Kallnach. Foto: Archäologischer Dienst Bern, Philippe Joner

Lange und durchgehend besiedelt

Die Gegend von Kallnach, westlich der Aare zwischen Kerzers und Aarberg, ist seit langer Zeit ein beliebtes Siedlungsgebiet. Schon in der Steinzeit wohnten hier Menschen. Im Bereich des heutigen Dorfkerns wurden Hinweise auf eine prähistorische, möglicherweise bronzezeitliche Siedlung entdeckt. Dort fanden sich auch die Überreste eines römischen Gutshofs. In der Nähe verlief die Römerstrasse, die von Aventicum (Avenches) über Petinesca (Studen) nach Augusta Raurica (Augst) oder Vindonissa (Windisch) führte.

Vor über 2500 Jahren waren die Grabhügel wohl schon von weitem gut sichtbar, weil die Anhöhe am Rand des Grossen Mooses damals nicht bewaldet war.

Grabhügel bilden häufig Gruppen, sie können aber auch einzeln stehen. Je nach Zahl der Grabhügel spricht man von Nekropolen, also von Totenstädten. Die Grabhügel bei Kallnach gehören laut Kantonsarchäologe Boschetti zu den grössten intakten Nekropolen in der Schweiz. Die grosse Anzahl spricht dafür, dass es sich um einen wichtigen Bestattungsplatz der Hallstattzeit handelt.

Der Grabhügel, in dem der Ring gefunden wurde, hat einen Durchmesser von 27 Meter und eine Höhe von 2,8 Meter. Das Grab ist eine sogenannte Nachbestattung, die ein oder zwei Generationen, nachdem der Grabhügel angelegt worden war, stattfand. Die Hauptgrabkammer im Zentrum des Hügels ist noch nicht erforscht. Es ist aber möglich, dass diese bereits durch von Fellenberg untersucht wurde.

Eine grössere Zahl von Grabhügeln gibt es im Kanton Bern etwa auch in der Gemeinde Grossaffoltern. Grabhügel sind auch in Ins, Grächwil, Mühleberg, Urtenen, Richigen oder Murzelen untersucht worden, dabei wurden unter anderem Artefakte wie Bronzegefässe und Goldobjekte gefunden. Die Grabhügel liegen fast durchwegs in Waldgebieten. Man muss annehmen, dass viele weitere im Laufe der Jahrhunderte durch die Urbarmachung der Felder und die Landwirtschaft sowie durch die Bautätigkeit nach und nach eingeebnet wurden.

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