Zum Hauptinhalt springen

War es wirklich ein Mordkomplott?

Ein Berner aus dem Milieu soll einen Kumpel zu einem Mehrfachmord angestiftet haben. Doch der Mann ging zur Polizei.

Der Mann wollte sein Opfer und dessen Familie umbringen lassen. (Symbolbild/Archiv)
Der Mann wollte sein Opfer und dessen Familie umbringen lassen. (Symbolbild/Archiv)
Keystone

Versuchte Anstiftung zum Mord und zu qualifiziertem Raub werden einem 42-jährigen Berner zur Last gelegt. Er soll einen Kumpel überredet haben, in der Region Bern ein Ehepaar samt Sohn zu ermorden und deren Safe auszuräumen, in dem sich Gold und viele andere Wertsachen befänden. Als Belohnung winke die Hälfte der Beute. Dazu kam es nicht: Der Beauftragte bekam kalte Füsse, erschien nicht zur Verabredung mit dem Auftraggeber, sondern erzählte die Geschichte der Polizei.

Gab es den Plan wirklich? Der Verteidiger Andreas Damke bezweifelte dies. Vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland, das unter dem Vorsitz von Peter Müller in Fünferbesetzung tagte, sagte er am Mittwoch, die Story sei unglaubwürdig, es gebe nicht zu unterdrückende Zweifel. Dazu passe, dass der Kumpel dem Gericht trotz Vorladung fernbleibe. Alle drei Beteiligten haben einen Milieu-Hintergrund. Der Mann, der als Opfer des Komplotts ausersehen war, ist Mitbesitzer eines Rotlicht-Betriebs in Zürich und hat Verbindungen ins Hanfgeschäft.

Im Leben des mutmasslichen Täters spielen Drogen eine Rolle, genauso wie beim vorbestraften Kumpel. Dieser traf sich mit dem Angeschuldigten um den Jahreswechsel 2017/18 mehrfach in einer Kneipe in der Berner Altstadt, in der auch schräge Vögel wohlgelitten sind. Der Angeschuldigte erläuterte dem Kumpel die persönlichen Verhältnisse des ausgewählten Opfers und listete den Inhalt dessen Safes auf. Zum damaligen Zeitpunkt war der Angeschuldigte finanziell klamm und hatte geschäftliche Schwierigkeiten. Mit dem Opfer hatte es Streit um Geldforderungen gegeben.

Waffen und Brecheisen

Um zu zeigen, wie ernst es ihm sei, zeigte der Angeschuldigte dem Kumpel bei sich zu Hause einen Waffenschrank, in dem sich ein amerikanisches Gewehr, eine Pistole sowie Wurfmesser befanden. Mit der Schusswaffe solle der Kumpel das Opfer samt Frau und Sohn «wegknallen». Zudem suchte der Angeschuldigte mit dem Beauftragten einen Baumarkt auf, wo er unter anderem Trennscheiben und ein Brecheisen kaufte. Dies sei klar eine Vorbereitung zum Safeknacken, gab sich Staatsanwältin Erika Marti überzeugt.

«In seinem Milieu ist es verpönt, jemanden bei der Polizei zu verpfeifen.»

Erika Marti: Staatsanwältin Bern-Mittelland

Der Anwalt des Angeschuldigten blickte durchs Fenster des Gerichtssaals hinüber zum Kunstmuseum, an dessen Fassade derzeit der italienische Spruch prangt: «vedo dove devo» («Ich sehe wohin ich muss»). Man müsse in der Tat diesen Mann betrachten, der das Verfahren mit seiner Mordkomplott-Theorie zum Laufen gebracht habe. Er habe vom «Opfer» für seine Aussage wohl Geld erwartet, so der Verteidiger, und als dieses nicht geflossen sei, sei er vor den Justizbehörden plötzlich schweigsam geworden.

Im Zentrum des Geschehens stehe vermutlich ein fingierter Raubüberfall, sagte der Verteidiger. Sein Mandant habe bei der Frau des «Opfers» sondiert, ob sie dabei mitspielen würde – selbstverständlich zu beider Vorteil, denn die Frau stand vor der Scheidung und habe Geld gebraucht. Der Überfall fand dann aber nie statt.

Elf Jahre oder Freispruch

Die Staatsanwältin forderte eine Freiheitsstrafe von elf Jahren. Sie räumte ein, dass die Anklage weitgehend auf den Aussagen des Kumpels beruhe. Diese seien jedoch glaubwürdig, zumal es ihn Überwindung gekostet habe, die Polizei aufzusuchen. «In seinem Milieu ist es verpönt, jemanden zu verpfeifen.» Verdächtig sei auch, dass der Angeschuldigte im Internet unter anderem eine Bastelanleitung für einen Schalldämpfer gesucht habe. Das seien zu viele Zufälle, so Marti.

Der Verteidiger wies die schwerwiegendsten Vorwürfe zurück, diese seien nicht bewiesen, hier sei ein Freispruch am Platz. Für die vergleichsweise banalen weiteren Delikte sei eine bedingte Geldbusse angemessen. Sein Mandant brauche seine Unschuld nicht zu beweisen, sondern die Staatsanwaltschaft müsse dessen Schuld nachweisen. Es habe nie ein Mordkomplott gegeben.

Der als Opfer ausersehene Mann gab sich vor Gericht erschüttert, dass sein langjähriger Freund solche Mordpläne gegen ihn ausgeheckt habe. Das sei sehr belastend, sein Leben sei nicht mehr wie vorher. Seit er davon wisse, lebe er zurückgezogen. Zudem sei die Ehe futsch, auch die Beziehung zum Sohn.

Der mutmassliche Anstifter bezeichnete das Verfahren als Hexenjagd, er fühle sich psychisch kaputt. Im letzten Wort, das Angeschuldigten zusteht, sagte er, er sei sprachlos, er habe niemandem etwas zuleide tun wollen. «Mit einem einfachen Gespräch hätte sich vieles klären lassen.» In der Mittagspause suchte er dann besagte Milieu-Beiz auf. Das Urteil wird morgen Nachmittag verkündet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch