Das Canyoning-Unglück im Saxetbach wühlt auch heute noch auf

Vor 20 Jahren wurde im Saxetbach eine Gruppe junger Touristen von einer Flutwelle überrascht. 21 Menschen kamen ums Leben.

Am 27. Juli 1999 verunglückten 21 Menschen im Saxetbach im Berner Oberland. Sie wurden auf einer Canyoning-Tour von einer Flutwelle überrascht.

Der Abend des 27. Juli 1999 hat sich Alex Karlen ins Gedächtnis eingebrannt. Von einem Kollegen wurde Karlen informiert, dass in der Lütschine Leichen treiben. Der Redaktor des «Berner Oberländer» begab sich nach 18 Uhr nach Bönigen, wo der Fluss Lütschine die Leichen aus der weiter oben gelegenen Saxetbachschlucht in den Brienzersee spülte.

«Erst einige Polizisten waren vor Ort. In einem Boot vor dem Lütschinendelta waren Rettungskräfte daran, die Toten zu bergen», erinnert sich Karlen im Gespräch mit Keystone-SDA. «Es herrschte eine sehr bedrückende Stimmung, denn niemand wusste, wie viele Menschen noch oben im Saxetbach waren.»

Wenig später trafen zahlreiche Polizei- und Rettungskräfte ein, und immer mehr Medienschaffende belagerten das Ufer des Brienzersees. Die zunehmende Dunkelheit habe der Szenerie etwas Unwirkliches verliehen, erinnert sich Karlen. Am späten Abend folgte dann die traurige Gewissheit: 21 Menschen aus Australien, Neuseeland, England, Südafrika und der Schweiz waren in der Flutwelle ertrunken.

Die Flut

Gegen 16.30 Uhr hatte sich im trichterförmigen Einzugsgebiet des Saxetbachs ein heftiges Gewitter entladen. Innert kurzer Zeit schwoll der Bach mächtig an. Zu dieser Zeit befanden sich vier Gruppen eines Canyoning-Anbieters mit insgesamt 45 Touristen im Wildbach. Die beiden mittleren Gruppen und eine Person aus der ersten Gruppe wurden von der Flutwelle aus Wasser, Steinen und Geäst erfasst. Die Guides hatten vor dem Abmarsch der Gruppen das Wetter gecheckt und die Tour als durchführbar beurteilt. Vom Einstiegsort in die Schlucht des Saxetbachs aus konnten sie jedoch nicht erkennen, dass sich im Einzugsgebiet ein Gewitter zusammengebraut hatte. Als die Flutwelle heranschoss, versuchten sie, so viele Touristen wie möglich aus dem Bach zu retten. Zwei Guides bezahlten ihren tapferen Einsatz mit dem Leben.

Die Schuldfrage

Nach dem Unglück wurde die Schuldfrage heftig diskutiert. Zweieinhalb Jahre nach der Katastrophe kam es zur Gerichtsverhandlung gegen die Verantwortlichen. Die Guides wurden freigesprochen. Die Chefs der Anbieterfirma wurden wegen fahrlässiger Tötung zu bedingten Gefängnisstrafen verurteilt. Die Chefs hätten ihre Sorgfaltspflicht verletzt, kam das Gericht zum Schluss. Das Geschäft mit Risikosportangeboten hatte damals im Berner Oberland gerade so richtig Fahrt aufgenommen. In der Branche herrschte Goldgräberstimmung. Regeln gab es kaum.

Die Lehren

Das sollte sich in den Jahren nach dem Unglück im Saxetbach ändern - Die Ausbildung der Guides wurde auf eine solide Basis gestellt, und seit 2014 unterstehen kommerzielle Anbieter dem Risikosportgesetz. Dieses wurde auf Anfang Mai gar verschärft. Neu gilt jeder Anbieter ab dem ersten Franken Umsatz als gewerbsmässig und muss eine entsprechende kantonale Bewilligung einholen. Zuvor galt eine Grenze von 2300 Franken pro Jahr.

Das Geschäft

Outdooraktivitäten gehören heute im Berner Oberland zu einem wichtigen Zweig des Tourismus. Namentlich Interlaken und seine Umgebung sind ein Hotspot für abenteuerhungrige Menschen aus aller Welt. Dank guter Topografie und guter Erreichbarkeit hat sich in der Region «ein Extremsport-Cluster entwickelt, das europaweit einzigartig ist», heisst es in einer Studie der Forschungsstelle BAK Basel zum Tourismus im Kanton Bern aus dem Jahr 2016.

Die Outdooraktivitäten prägen den Tourismus in der Region stark mit, wie der in Interlaken wohnende Alex Karlen weiss. So gibt es heute mehrere Hostels und Herbergen für eine junge, internationale Kundschaft. Die jungen Rucksacktouristen prägen gerade im Sommer das Ortsbild von Interlaken mit.

Die Erinnerung

Abseits vom Trubel steht an einer ruhigen Stelle am Saxetbach ein grosser Stein. Darin eingraviert sind die Namen jener 21 jungen Menschen, die 1999 den Abenteuerspass mit dem Leben bezahlten.

Noch heute sind an der kleinen Gedenkstätte Hunderte Botschaften angebracht von all jenen, die in Gedanken bei den Opfern von damals sind. Eines der 21 Opfer, eine junge Australierin, die mit ihrem Mann auf Hochzeitsreise war, konnte bis heute nicht gefunden werden. Sie wird, zugeschüttet von Geröll, auf dem Boden des Brienzersees vermutet.

sda

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