«Da kann man das Handy auch einmal weglegen»

Manuel Meyer ist froh, dass er als Kind der Pfadi eine zweite Chance gab. Heute ist er Kantonsleiter und wird wie viele Pfadis Pfingsten draussen verbringen.

Die Pfadi sei manchmal ein Gegenpol, sagt Kantonsleiter Manuel Meyer.

Die Pfadi sei manchmal ein Gegenpol, sagt Kantonsleiter Manuel Meyer.

(Bild: Adrian Moser)

Der erste Besuch in der Pfadi hat ihm nicht gefallen – «vielleicht wegen des Regens, so genau erinnere ich mich nicht» –, deshalb ging Manuel Meyer nach einem Schnuppertag nicht mehr hin. Einige Jahre danach machte er einen zweiten Versuch, und seither hat ihn die Jugendbewegung nicht mehr losgelassen. Heute, 20 Jahre später, leitet er mit einer Kollegin den bernischen Pfadiverband und wendet dafür 10 bis 20 Stunden in der Woche auf.

Als Kantonsleiter ist er kaum noch mit Wölfen und Pfadis im Wald, und so ist Pfingsten eine gute Gelegenheit, der Entwicklung zum Büropfadi entgegenzuwirken: Wie früher im Pfingstlager (Pfi-La) verbringt Meyer die kommenden Feiertage mit Pfadikollegen draussen, übernachten werden sie in einer Hütte. «Regen gehört dazu», sagt er heute, auch wenn er ihn nicht zu den schönsten Pfi-La-Erlebnissen zählt. Aber mehr als ein Achselzucken ist er ihm nicht mehr wert: «Dann wird man halt nass.»

Denkt Manuel Meyer an seine Pfingstlager zurück, taucht er in Erinnerungen ein, etwa an die Taufen am einen Abend des dreitägigen Lagers oder an die Geländespiele am andern. Am Taufe-Abend wartete auf die neuen Mitglieder eine Mutprobe: zum Beispiel ein Wegstück entlang eines Seils im dunklen Wald und ein Löffel eines ekligen Getränks, «wobei so eklig war es nie, wir mussten beim Mixen ja probieren». Danach folgte die feierliche Bekanntgabe des Pfadinamens, der zur Person passen soll und manchmal fast so sehr mit ihr verbunden bleibt wie der Name im Pass. So nennen Meyer inzwischen längst nicht mehr nur Pfadikollegen Clever, sondern auch die Mitglieder seines Frisbee-Clubs und seine Mitbewohner in Bern.

Eine Lebenseinstellung

Das Eigentliche aber, das ihm die Pfadi wertvoll macht, ist die Kreativität, die sie ermöglicht. Meyer sagt: «In keinem Beruf kann man sich ohne messbare Ziele oder Gewinne derart in etwas vertiefen. Das geht nur in der Freiwilligenarbeit.» Als Beispiel nennt der 31-Jährige das Auslandlager 2015 im Baskenland, in dem er für das Programm zuständig war.

«Vertraut manden Kindern,übernehmen sie Verantwortung.»

Sein Team entwickelte im Vorfeld während zweier Jahre ein Spiel, das die Teilnehmenden während drei Wochen spielten. «Wir haben Geschichten erfunden, Figuren entworfen und ein Hörspiel verfasst. Der grosse Aufwand war nicht nötig, aber er war es uns wert.» Kürzlich hat er für die bernische Pfadi eine Geschichte geschrieben, die spielerisch durch die Pfaditechnik führt. In der Welt der Buchstaben fühlt er sich wohl, noch mehr fasziniert ihn als Physiker aber die Beschreibung der Welt in Zahlen. Mathematik sei der Sprache nicht fremd, sagt er, in beidem könne man sich präzise ausdrücken. Meyer bringt denn auch gerne beides zusammen.

Auch die Pfadi bezeichnet er als etwas Ganzheitliches, als eine Lebenseinstellung. Sie wird noch heute ab und zu mit dem Militär in Verbindung gebracht, hat sich aber davon gelöst, auch sprachlich: An den Samstagen ist nicht mehr von An- und Abtreten zu einer Übung die Rede, sondern vom Beginn und Schluss einer Aktivität. Zur Pfaditechnik zählen Fertigkeiten für das Leben draussen. Auf den Umgang mit Kompass oder Morsealphabet werde zwar auch in Zeiten von GPS und SMS nicht verzichtet, aber letzteren Dingen verschliesse sich die Pfadi keineswegs, erzählt Meyer. Im September ist für bernische Pfadis ein Postenlauf in Bern geplant, die Zwischenresultate werde man über eine App abrufen können.

Ein Gegenpol

Die Pfadi nutzt die Digitalisierung. Aber wenn man im Lager lauter Kollegen um sich habe, werde das Handy unwichtig, «da kann man es auch einmal weglegen», sagt Meyer. Die Pfadi sei deshalb manchmal ein Gegenpol. Er benutzt dieses Wort nochmals, als er auf die Aktivitäten zu sprechen kommt. «Hypersensibel zu sein, ist nicht das Ziel: Wenn man Zeit draussen verbringt, bleibt nicht alles sauber.» Die Pfadi schafft auch nicht alle Risiken aus dem Weg. «Wir kochen am offenen Feuer, und wir verbieten keine Messer, aber wir zeigen, wie man schnitzt.»

Schon oft habe er gemerkt: «Vertraut man den Kindern, übernehmen sie Verantwortung.» Das können sie in Pfadikursen auch üben, dort werden sie auf Leitungsfunktionen vorbereitet, mit Sicherheitsthemen und Prävention etwa zu sexuellen Übergriffen vertraut gemacht. Bereits ab der 7. Klasse bietet die Jugendbewegung einen Leitpfadi-Kurs an, lange bevor die eigentlichen Ausbildungskurse von Jugend und Sport, dem Förderungsprogramm des Bundes, beginnen. Meyer hat viele absolviert und danach sein Wissen weitergegeben.

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