Bunter Haufen macht gegen 5G mobil

Der Kampf gegen die Einführung von 5G vereint eine Vielzahl verschiedener Gruppen: Linke wie Bürgerliche, Esoteriker und Antisemiten.

Bereits im März demonstrierten Gegner des 5G-Netzes vor dem Bundeshaus.

Bereits im März demonstrierten Gegner des 5G-Netzes vor dem Bundeshaus.

(Bild: Alessandro Della Valle (Keystone))

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Bald ist 5G Realität: Die drei Marktführer Swisscom, Sunrise und Salt haben bereits begonnen, die Schweiz an das neue Mobilfunknetz anzuschliessen; Swisscom will bis Ende Jahr 90 Prozent der Bevölkerung versorgen. Derweil sorgt die Technologie für eine der bizarreren gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit. Die Faktenlage zum Thema ist weitgehend ungeklärt; die Gegner eint ausser ihrer Opposition zur Errichtung der Tausenden Antennen wenig.

Denn die 5G-Skepsis macht sich sowohl im rechten wie im linken Lager breit, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Im bernischen Grossen Rat reichten SVP- und grüne Abgeordnete Ende April einen kritischen Vorstoss gemeinsam ein: Aus Datenschutzgründen verlangten sie ein Moratorium für die Einführung des Netzes. EDU-Grossrat Samuel Kullmann wollte bereits im Dezember wissen, wie der Regierungsrat die mit den 5G-Strahlen in Verbindung gebrachten Gesundheitsrisiken beurteile. Und letzte Woche forderte auch die SP-Grossrätin Kornelia Hässig einen Baustopp der Antennen.

Sie frage sich, wie viel Energie 5G verbrauche, sagt Hässig auf Anfrage. Das Internet benötige schon jetzt viel Strom. «Muss jetzt noch mehr verbraucht werden, damit wir einfach ein wenig schneller surfen können?» Das kapitalistische Prinzip, immer mehr auszubauen, müsse infrage gestellt werden. Wegen der gesundheitlichen Bedenken machten sich auch Menschen sorgen, die mit Kapitalismuskritik nichts am Hut hätten.

Wissenschaft ist unschlüssig

Die Gesundheitsfrage beschäftigt auch Martin Zahnd vom Dachverband Elektrosmog Schweiz. «Ich selbst bin Elektrosmog-sensibel», sagt er. Zu den Symptomen gehörten Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Depressionen. Studien belegten, dass ein Teil der Bevölkerung eine Elektrosensibilität melde, sagt Zahnd. «Jetzt will man auf Teufel komm raus überall Antennen hinstellen. Das entspricht nicht meinem Verständnis der Demokratie.»

Tatsächlich gäben Menschen in der Schweiz an, unter Elektrohypersensibilität zu leiden, schreibt das Bundesamt für Umwelt in seinem Leitfaden Mobilfunk. Der Zusammenhang zwischen den Beschwerden und den Funkstrahlen sei aber nicht erwiesen. Ob das Mobilfunknetz gesundheitsschädlich sei, könne die Wissenschaft noch nicht schlüssig beurteilen. Einen Unschädlichkeitsbeweis zu liefern, sei nicht möglich.

Mit dieser Erklärung will sich Zahnd nicht zufriedengeben. Im Kampf gegen 5G ist er bereit, sich mit links und rechts zu verbünden – und auch mit den exzentrischeren Ecken der Gegnerschaft. «Es ist ein Vorteil, dass wir viele verschiedene Menschen ansprechen», sagt er.

Demo am Freitagabend in Bern

Gegen das neue Netz machen von Gurus bis zu Verschwörungstheoretikern mobil. Die Esoterikerin Christina von Dreien etwa warnt, technische Geräte könnten Gedanken lesen. Ähnlich klingt es in einem im Internet viel verbreiteten Video: «Das 5G-Netz kann durch Wände und Häuser sehen», verkündet der Clip von «Klagemauer-TV». Dahinter steckt Ivo Sasek, ein Zürcher Pseudogeistlicher, der mit Zweifeln an den Anschlägen vom 11. September und Verbindungen zu Holocaustleugnern notorisch wurde. «Die Klagemauer-TV-Videos zu Elektrosmog fand ich gut, ihre anderen Ansichten interessieren mich nicht» sagt Zahnd.

Am Freitagabend treffen sich diese 5G-Gegner am Berner Waisenhausplatz. Dort ist eine bewilligte Kundgebung geplant; Zahnds Verband gehört zu den Mitorganisatoren. Eine Einheitsfront ist aber wohl nicht zu erwarten: Kornelia Hässig gibt an, nicht an der Demo teilzunehmen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...