Zum Hauptinhalt springen

Bin ich nicht auf dem neusten Stand der Gendertheorie?

Die Ask-Force drang für diese Kolumne tief ins verstaubte Archiv vor. Dabei kam heraus: Geschlechtergerechte Sprache hörte sich vor dreissig Jahren irgendwie anders an.

Bis anhin habe er gedacht, schreibt uns Herr Markus Moser aus Niederwangen, ein «Mann» sei noch ein echter Mann und eine «Frau» noch eine echte Frau. «Aber was muss ich mir unter einer Männin, bzw. einer Landsmännin vorstellen», fragt er. Im «Kleinen Bund» vom 11. Oktober sei er im Beitrag über den Literaturnobelpreis auf diesen Begriff gestossen. Und Herr Moser schliesst mit einer Frage und einer Feststellung: «Bin ich nicht auf dem neuesten Stand der Gendertheorie? Das würde mich nicht überraschen.»

Wir können den Fund bestätigen. Über die Preisträgerin Olga Tokarczuk heisst es da: «Zähneknirschend musste die polnische Regierung sich stolz darüber zeigen, dass eine Landsmännin die wichtigste literarische Auszeichnung erhalten hat.» Landsmännin ist ein seltenes Wort, Herr Moser. Es ist, als hätten Sie eine seltene Pflanze gefunden.

Das bringt uns gleich auf eine Idee: Beginnen Sie doch so etwas wie ein Herbarium für seltene Wörter. Textpassage ausschneiden, auf ein Blatt aufkleben, beschriften (Fundstelle, Datum, Autor), zum Pressen in ein Buch legen und nach einem Monat in einen Ordner heften. Fertig.

Nun zu Ihren Fragen: Uns scheint, Sie seien durchaus sensibilisiert für Genderthemen, sonst wären Sie nicht an diesem Wort hängen geblieben. Zur Bedeutung: Im Duden steht, Landsmännin sei die weibliche Form zu Landsmann, was jemand ist, der aus demselben Land stammt. Den Begriff Landsfrau gibt es auch. Er bedeutet so viel wie Landsmännin. Bevor der Zirkelschluss uns in die Knie zwingt: Landsfrau ist nicht zu verwechseln mit Landfrau. Eine Landfrau ist eine Bäuerin, die zum Zmorge einlädt.

Und Männin? Wir haben im digitalen Archiv nachgeschaut. In der heimischen Presselandschaft ist die irrwitzige Wortkreatur seit rund dreissig Jahren ausgestorben. Zuvor fand man sie ab und zu noch in Inseraten, etwa in der Form von Fachmann(-männin) oder Kaufmann(-männin).

Auf das übergeordnete Genderthema, das Sie anschneiden, Herr Moser, lassen wir uns gar nicht erst ein. Zu schwierig. Es wird ewig klaffende Genderwunden geben. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es zum Beispiel Mütterchen Frost heisst und nicht Mütterchen Permafrost?

Die Ask-Force besteht aus sieben Fachmänn*innen, die sich auf Fragen freuen: askforce@derbund.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch