Diesmal gibts keinen Nachtproviant

Keine Gipfeli und kein Verständnis für den Kanton: Die Bäckerei Aegerter in Wabern darf trotz jahrzehntelanger Tradition in den Festivalnächten keine Waren verkaufen.

Jakob und Barbara Aegerter vor ihrer Bäckerei in Wabern nahe der Talstation der Gurtenbahn.

Jakob und Barbara Aegerter vor ihrer Bäckerei in Wabern nahe der Talstation der Gurtenbahn.

(Bild: Raphael MoserRaphael Moser)

Noah Fend@noahfend

Es ist ein jähes Ende im letzten Moment: Seit 1984 versorgte die Bäckerei Aegerter in Wabern nahe der Talstation der Gurtenbahn heimkehrende Besucherinnen und Besucher vom Gurtenfestival mit frischen Brötchen und Gipfeli. Zu diesem Zweck durfte sie ihren Laden statt wie gewohnt um 6 Uhr bereits um 2 Uhr in der Nacht öffnen. Damit ist nun Schluss. Der Kanton hat die ausserordentlichen Öffnungszeiten nicht bewilligt.

Die Gründe für das Ausbleiben der Bewilligung: Es sei nicht ersichtlich, dass die 16 zusätzlichen Stunden, die die Bäckerei geöffnet hätte, von finanzieller Relevanz seien. Zudem müsse die Nacht- und Feiertagsruhe eingehalten werden. Besucherinnen und Besucher sollen deshalb möglichst rasch in die Moonliner-Busse umsteigen. So zitierte am Dienstag das Inhaber­ehepaar aus der Begründung der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion. Ersterem widersprechen die Inhaber. Die 16 Stunden brächten mehr ein als ihre beiden Filialen in Schliern und Köniz zusammen in einem ganzen Monat.

Die Volkswirtschaftsdirektion sagte auf Anfrage, sie könne sich zum konkreten Fall wegen einer hängigen Beschwerde nicht äussern. «Die Bäckerei Aegerter hat gegen den negativen Entscheid für verlängerte Ladenöffnungszeiten Beschwerde eingereicht.» Um den Ausnahmecharakter solcher Sonderbewilligungen zu wahren, würden diese nur restriktiv vergeben, so die Direktion weiter. «Betriebe erhalten diese in der Regel nur einmal. Ein Anspruch auf Erteilung einer Bewilligung besteht nicht.»

«Im Quartier hat es nie Lärm­beschwerden gegeben im Zusammenhang mit der Bäckerei»Michel Wyss, Vorstand Wabern-Leist

«Absurd» und «daneben»

Der Entscheid des Kantons stösst auf Unverständnis, nicht nur bei Jakob und Barbara Aegerter, sondern auch im betroffenen Quartier in Wabern. «Wir finden das total daneben», sagt Michel Wyss. Er kümmert sich im Vorstand des Wabern-Leists um KMU und Events. Aus dem Quartier habe es nie Rückmeldungen oder Lärmbeschwerden gegeben im Zusammenhang mit dem Gurtenfestival, geschweige denn mit der Bäckerei. «Wir und unsere Mitglieder wollen das lokale Gewerbe unterstützen.» Deshalb, so Wyss, könnte sich der Leist auch vorstellen, zusammen mit dem Könizer Gemeinderat eine Petition zu lancieren, damit der Beck nächstes Jahr eine entsprechende Bewilligung wieder bekomme. Schliesslich gebe es ohnehin einen Besucherstrom durch das Quartier an den Festivaltagen. Der Lärm werde nicht von der Bäckerei verursacht.

Ähnlich äussert sich der Berner FDP-Stadtrat Tom Berger zur ausbleibenden Bewilligung. Die Argumentation mit der Nachtruhe findet er «absurd», erst recht, wenn es nie Beschwerden aus dem Quartier gegeben habe.

Der Stadt-Land-Graben

Berger sieht im Fall der Bäckerei, die nun während des Gurtenfestivals nur während der normalen Öffnungszeiten ihre Brötchen verkaufen darf, auch einen wiederkehrenden Konflikt zwischen kantonalen Verordnungen und den Auswirkungen im städtischen und stadtnahen Gebiet: «Die Volkswirtschaftsdirektion hat nicht zum ersten Mal gezeigt, dass es ihr an Gespür für urbane Anliegen fehlt.» Der ländliche Kanton enge hier einmal mehr den urbanen Lebensraum ein. Berger findet deshalb: «Es braucht generell mehr Freiheiten für die Gemeinden.»

Nachdem die Bäckereiinhaber am Dienstag publik gemacht hatten, dass sie keine Bewilligung erhalten haben, reagierten auch andere Politikerinnen und Politiker. Die Jungfreisinnigen Kanton Bern kritisieren in einem Communiqué, der Entscheid sei willkürlich und gefährde 16 Arbeitsplätze. GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer schreibt auf Twitter, die Politik im Kanton Bern werde «immer mehr vom ruralen Kleingeist geprägt».

Die Berner SP-Politikerin und Alt-Stadträtin Lea Kusano schreibt ausserdem auf Twitter: «Wirtschaftsförderung heisst manchmal auch, gesunden Menschenverstand bei lokalen Produzenten walten zu lassen.» Es würden Unternehmen mit Steueranreizen in den Kanton Bern gelockt, doch auch kleine Betriebe schafften Arbeitsplätze, so Kusano weiter.

Beschwerde hängig

Das kantonale Amt für Wirtschaft (AWI) hatte am 29. Mai der Bäckerei Aegerter die Bewilligung für zusätzliche Ladenöffnungszeiten zwischen 2 und 6 Uhr in der Nacht während der vier Tage des Gurtenfestivals verweigert. Dagegen hat Jakob Aegerter am 14. Juni bei der Volkswirtschaftsdirektion Beschwerde eingereicht und vorsorgliche Massnahmen beantragt. Dieser Antrag wurde abgelehnt, weshalb Aegerters Bäckerei dieses Jahr am Festival nachts geschlossen bleiben muss.

Allerdings kann Aegerter dagegen beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern Beschwerde führen. Dies prüfe er derzeit, zusammen mit einem Berufsverband, der die Bäckerei in der Angelegenheit juristisch unterstützt.

Der abschliessende Entscheid der Volkswirtschaftsdirektion, ob das AWI die Bewilligung zu Recht verweigerte, steht noch aus. Beides könnte für den nächtlichen Brötchenverkauf am Gurtenfestival in den nächsten Jahren wegweisend sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...