«Aufstände waren Medienereignisse»

Der Genfer Professor Andreas Würgler hat den Fall Henzi untersucht. Er sagt, weshalb dieser in Europa breit bekannt wurde.

Andreas Würgler ist Professor für ältere Schweizer Geschichte an der Universität Genf. Er hat den Fall Henzi in seiner Dissertation «Unruhen und Öffentlichkeit» behandelt.

Andreas Würgler ist Professor für ältere Schweizer Geschichte an der Universität Genf. Er hat den Fall Henzi in seiner Dissertation «Unruhen und Öffentlichkeit» behandelt.

(Bild: zvg)

Markus Dütschler

Herr Würgler, wie bedeutend ist das aufgefundene Dokument?
Grundsätzlich ist es ein Glücksfall, wenn ein – echtes – Dokument nach so langer Zeit wohlbehalten wieder auftaucht. Was es für die Bewertung des Falls Henzi bringt, wird sich erst nach einer genauen Analyse zeigen.

Henzis Forderungen muten gemässigt und vernünftig an. Weshalb lagen die Nerven beim Ancien Régime so blank?
Es ging Henzi um mehr politische Emanzipation und mehr Transparenz des Regierungshandelns. Politische Entscheidungen waren ein Monopol jener wenigen Burgerfamilien, die im Rat den Ton angaben. Henzis übriges Programm und sein Vorgehen waren schon etwas naiv.

Bei der Rathausrenovation von 1942 wurde in der Wandelhalle ein Relief des ehemaligen Staatsfeinds angebracht. Wie hat sich seine Bewertung im Lauf der Zeit verändert?
Henzi wurde von seinen Komplizen und vom aufgeklärten Europa zum Märtyrer und Helden gemacht. Auch in der helvetischen Revolution von 1798 beriefen sich etwa die radikalen Republikaner auf ihn. Für die Liberalen der 1830er-Jahre und Sozialisten wie den Landesstreikführer Robert Grimm war Henzi ein unschuldig hingerichteter Freiheitskämpfer.

Von 350 Burgerfamilien waren 270 faktisch von der Macht ausgeschlossen, obwohl sie theoretisch gleichberechtigt waren. Was zeigt dies?
Machtausübung und Mitbestimmung gibt es nie gratis. Solange politische Ämter nicht entschädigt wurden, blieben sie in der Hand der wenigen, die reich genug waren oder genug Freizeit hatten, um sich den Ratsgeschäften zu widmen – Wahlen hin oder her. Finanziell profitieren konnten Politiker meist erst gegen Ende ihrer Karriere.

Der Dichter Lessing hat über Henzi ein Stück verfasst. Weshalb wurde der «Burgerlärm» in Europa derart beachtet?
Verschwörungen und Revolten wurden im 18. Jahrhundert oft zu Medienereignissen. Zeitungen in Paris, Amsterdam und London schrieben über Henzi, nicht aber in der Schweiz. Lessing las über dreissig Artikel. Sein Stück wurde gedruckt, blieb aber Fragment. Unter anderen riet ihm der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller ab, es zu vollenden

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