Zukunft für Jugendliche ohne Lehrstelle

500 Jugendliche pro Jahr schaffen keinen Berufsabschluss. Franz Kaufmann wollte das nicht akzeptieren und startete vor sechs Jahren eine Aktion, um den Stellensuchenden zu helfen.

Möglichst vielen Jugendlichen soll eine Lehre ermöglicht werden. (Keystone)

Möglichst vielen Jugendlichen soll eine Lehre ermöglicht werden. (Keystone)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Herr Kaufmann, 95 Prozent aller Jugendlichen im Kanton Bern machen einen Lehr- oder Mittelschulabschluss. Sind Sie zufrieden?

Nein, wir müssen auch die fünf Prozent, die heute noch keinen Abschluss schaffen, ins Berufsleben integrieren.

Ist es nicht eine Illusion, dass alle den Ansprüchen der Arbeitswelt gerecht werden können?

Heute erreichen im Kanton Bern 500 Jugendliche pro Jahr keinen Abschluss. Ich behaupte, dass mindestens noch 300 davon so weit gebracht werden können, dass sie den Einstieg in die Berufswelt schaffen – allerdings mit viel Aufwand.

Was sind das für Jugendliche?

Viele von ihnen wissen nicht, was sie arbeiten ist. Ihnen fehlen oft von Haus aus die nötigen Sozialkompetenzen. Sie wollen oft nicht kooperieren und müssen dazu angehalten werden, bis sie begreifen, dass die Eingliederung in den Arbeitsprozess ihre einzige Chance ist.

Wie geht das vor sich?

Am Anfang stehen oft Misserfolge. Jugendliche erscheinen beispielsweise am zweiten Tag nicht mehr am Praktikumsplatz. Bei uns in der Aktion Lehrstellen und Praktikumsplätze in Zollikofen gibt es aber keinen Abbruch, wir holen die Jugendlichen immer wieder zurück und lassen nicht locker. Manchmal ergreifen wir auch harte Massnahmen. Die Jugendlichen müssen merken, dass wir ihnen echt helfen wollen. Dafür braucht es Vertrauen und Kontinuität. Viele Jugendliche bekommen nur zu hören, was ihre Schwächen sind. Wir zeigen ihnen hingegen, wo ihre Stärken liegen – so können sie Selbstvertrauen aufbauen.

Gibt es heute mehr Jugendliche als früher, die nicht arbeiten wollen und die sich um alles foutieren?

Ich glaube nicht, dass die Zahl zugenommen hat. Die fünf Prozent ohne Abschluss gibt es schon seit vielen Jahren.

Wie motivieren Sie sich persönlich, trotz vieler Rückschläge mit solchen Jugendlichen zu arbeiten?

In der Regel erhalten sie keine Hilfe von ihren Eltern. Da versuche ich, meinen Beitrag zu leisten. Ich bekomme aber auch viel zurück. Wenn wir die Jugendlichen für eine Mitarbeit gewinnen und sie soweit bringen, dass sie ihren Weg finden, dann ist das sehr befriedigend.

Ist nicht die Bereitschaft der Wirtschaft, solchen Jugendlichen eine Chance zu geben, entscheidend?

Ich hätte nie gedacht, dass es Betriebe mit so hohem sozialen Engagement gibt. Ohne sie wäre unsere Arbeit nutzlos. Wir wollen kein Beschäftigungsprogramm anbieten, sondern die Jugendlichen in die reale Wirtschaft integrieren. Dafür braucht es geduldige und verständnisvolle Betreuungspersonen in den Betrieben. Wir bieten Hilfe an, wenn etwas schiefläuft. Die Betriebe müssen wissen, dass wir uns darum kümmern, wenn ein Jugendlicher zum Beispiel nicht mehr am Arbeitsplatz erscheint.

Ist bei den Jugendlichen, die ihren Weg nicht selber finden, schon in der Schulzeit etwas falsch gelaufen?

Ja, diejenigen Jugendlichen, die in der Schule nicht mitmachen, werden schon dort abgehängt. Die Lehrkräfte können heute kaum mehr Einzelförderung betreiben. Sehr schwierig wird es, wenn Jugendliche nicht einmal einen Schulabschluss vorweisen können.

Im Kanton Bern gibt es sehr viele Institutionen und Berater, die sich um diese Jugendlichen kümmern. Besteht die Gefahr, dass sie von einer Stelle zur anderen weitergereicht werden und die ganze Hilfe damit unverbindlich wird?

Ja, diese Gefahr besteht. Die Jugendlichen können das Gefühl bekommen: Wenn es an einem Ort nicht klappt, dann gibt es ja noch andere Angebote. Wir versuchen ihnen klarzumachen, dass wir sie zwar nicht aufgeben, dass sie sich aber vor allem selber engagieren müssen. Das ist manchmal sehr harte Arbeit. Wichtig ist, dass alle involvierten Stellen gut zusammenarbeiten.

Ein grosser Teil der Jugendlichen, die keinen Abschluss erreichen, sind Ausländer. Weshalb?

Viele sind zu wenig integriert. Ihre Eltern können kein Deutsch und selber haben sie sich kaum um Integration bemüht. Einige sprechen zwar Berndeutsch, aber kein Hochdeutsch, und sie können kaum schreiben. Mit solchen Voraussetzungen ist es natürlich schwierig, in einem Beruf unterzukommen. Solche Defizite muss man vor dem Schulabschluss beheben.

Gibt es auch Probleme mit den kulturellen Unterschieden?

Ja, zum Beispiel bei jungen Musliminnen. Wir hatten eine junge, motivierte Frau, die eine Schnupperlehre absolvieren konnte und eine Lehrstelle im Büro erhalten hätte. Schliesslich weigerten sich ihre Eltern aber, den Lehrvertrag zu unterschreiben. Es widersprach schlicht ihren Vorstellungen, dass die Tochter eine Ausbildung macht. Wir versuchen dann natürlich, mit den Eltern zu sprechen. Oft ist es aber sehr schwierig, sie zu überzeugen, dass ihre Tochter in der Schweiz nur mit einem Berufsabschluss eine Chance hat.

Was sind die Folgen, wenn Jugendliche keinen Berufsabschluss erreichen?

Es gibt heute kaum mehr feste Stellen für Ungelernte. Die Hilfsarbeiterjobs fallen zunehmend weg. Damit ist die Gefahr gross, dass Jugendliche ohne Abschluss schon früh von der Sozialhilfe leben müssen.

Der Bund

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